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Montag, 30. Mai 2011

Luxusdebatte um lateinische Messe. Eine Liebeserklärung an die Diaspora.

Ich habe es gut: ich wohne in Norddeutschland, und in unserem Ort wurde die kleine Kirche noch nicht geschlossen. An etwa drei von vier Samstagen wird hier sogar eine heilige Messe gefeiert. Ja, ich habe es gut, denn ich bin wohlhabend genug, mir ein eigenes Auto zu leisten und kann damit auf relativ gut ausgebauten Straßen mehr oder weniger zuverlässig von A nach B kommen. So genieße ich den Luxus, in weniger als einer Stunde auch weitere Kirchen meiner oder anderer Gemeinden erreichen zu können. Mit Diomira, der Kirchensuchmaschine, kann ich herausfinden, dass es zur nächsten Werktagsmesse weniger als 100km weit sind. Dafür müsste ich dann allerdings schon einen halben Tag reservieren. Die letzte monatliche Werktagsmesse hier im Ort, und damit die einzige Begegnungsmöglichkeit unserer Senioren unter Woche, wurde mit der Versetzung des vorvorletzten Priesters ersatzlos gestrichen.

Ich lebe damit, dass es vor Ort keine kirchliche Kinder- und Jugendarbeit gibt, außer ich mache sie selbst. Firmvorbereitung hängt zu 100 % ab von der Bereitschaft von uns Eltern, für unsere Jugendlichen die Taxidienste in die nächste Stadt zu übernehmen, da abends keine Busse mehr fahren.  Etwa einmal im Monat muss sich zur Zeit jedes Gemeindemitglied unseres Ortes am Wochenende entscheiden zwischen Communio in einer Wort-Gottesfeier mit denen, mit denen sie vor Ort zusammen leben und glauben oder Kommunion in der Anonymität der nächst gelegenen Kirche, in der eine Messe gefeiert wird. Die meisten entscheiden sich fürs eigene Sofa.

Ich finde in unserer Kirche weder eine Maiandacht noch einen Lektürekreis feministische Theologie, um einmal zwei Extreme zu nennen.
 Inzwischen habe ich mich damit arrangiert, dass die wenigen Leute, die hier katholisch sind, jeder und jede ganz einmalig und zu 100% verschieden sind in ihrer Frömmigkeit und ihrem Verständnis von Kirche. Ich lebe damit, dass ich mit den meisten Leuten hier in kirchlichen Dingen nicht einer Meinung bin, weil jeder und jede eine eigene, von den anderen sehr verschiedene, entwickelt hat. Und ich liebe es, hier zu leben.

Ich liebe die Leute, die zum überwiegenden Teil aus katholischen Regionen hierher gezogen sind und lange unter der Diasporasituation leiden oder litten. Ich genieße es, mit, in, trotz und wegen unserer Verschiedenheit gemeinsam Gottesdienst zu feiern, mit oder ohne Eucharistie. Ich schätze die zunehmend fairer und konstruktiver werdende Auseinandersetzung über unser Verständnis von Gemeindeleben. Und gemeinsam mit den wenigen lerne ich, unsere Situation als unser Charisma zu sehen, als Gabe und Herausforderung unter den gegebenen Bedingungen als kleine christliche Gemeinschaft zu leben und zu glauben, als die zwei oder drei unter denen Christus anwesend ist. Ganz besondere Freude haben wir am geschwisterlichen Miteinander mit den evangelischen und freien Kirchen der Ökumene, dieser Kontakt bereichert uns in höchstem Maße. Ja, auch unsere kleinen, in den 60er Jahren, gebauten Kirchen (seit der Reformation gab es hier keine mehr) liebe ich in ihrer Schlichtheit, auch wenn dies Leute, die mit dem Prunk großer, alter Kirchen und Dome aufgewachsen sind, häufig nicht verstehen. Unsere Kirchen spiegeln unsere Wirklichkeit, worauf ich bei Kirchenführungen immer wieder gerne hinweise.

Bei einem Aufenthalt in Burkina Faso habe ich demgegenüber erlebt, wie noch Ende Januar in mehreren Dörfern Weihnachtsgottesdienste gefeiert wurden in Kirchen, von denen die meisten auch schon Wände hatten. Die Priester waren seit Dezember noch nicht dort gewesen, weil ihre Region eben so groß, die Kirchorte zu zahlreich, die Straßen überschwemmt oder der Pickup defekt war.

Freunde in Südafrika oder Lateinamerika berichten immer wieder, dass manche Gemeinden dort nur zwei- bis dreimal im Jahr Messe feiern, ansonsten gestalten gut ausgebildete Laien die Gottesdienste und lassen die Gemeinden wachsen und reifen. Auch Bischof Kräutler verwies kürzlich auf diese Situation, wie letzte Woche wieder bei Adveniat zu lesen war. All diesen Katholiken gegenüber fühle ich mich überaus privilegiert in unserer norddeutschen Diaspora.

Das ist mein Erfahrungshintergrund, vor dem ich innerkirchliche Debatten erlebe. Die Diskussion um die Stärkung der Messfeier im außerordentlichen Ritus, also auf Latein, begegnet mir dabei erstaunlicherweise hauptsächlich im Internet oder in den Printmedien. In der konkreten Arbeit spielt sie so gut wie keine Rolle, denn da ist jedeR froh um jedes bisschen gelingende kirchliche Arbeit und um jede Messe. Das Wahrnehmen dessen, wo katholische Kirche eigentlich überall präsent sein und sich engagieren müsste, das Akzeptieren der eigenen Grenzen und das Leiden an begrenzten Kräften, prägt die Arbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen wesentlich stärker.

Dort, wo engagiert über die lateinische Messe gestritten wird, stehen LiturgiewissenschaftlerInnen und TheologInnen der neuen Instruktion fast durchweg kritisch gegenüber (siehe z.B. hier und hier). Demgegenüber ärgert mich besonders das fast triumphale Verhalten derjenigen, die nun auf eine ihnen gemäße Art feiern können. Da entsteht leicht der Eindruck, als sei ein Sieg in einem Streit ums Recht errungen wurden. Kritiker werden schnell als unwissend diskreditiert, andere Formen des priesterlosen Gottesdienstes mit abwertenden Bemerkungen bedacht. Und genau die gleichen, die sich noch vor einem viertel Jahr mit ihrer Petition an die Bischöfe gewandt haben, dreschen nun auf diejenigen unter ihnen ein, die ihnen nicht genehm sind, weil sie sich kritisch zur vatikanischen Verlautbarung äußern. (sehr differenziert dazu lectio brevior) Beliebt ist auch, die Kritik auf ein allein deutsches Phänomen herunter zu spielen.

Da stellt sich mir die Frage: Leute, wo lebt ihr eigentlich? Habt ihr wirklich keine anderen Probleme? Die Diskussionen um den außerordentlichen Ritus der katholischen Messfeier halte ich für Luxusdebatten verwöhnter Städter in katholischen Regionen mit guter "klerikaler Versorgung" auf der nördlichen Erdhalbkugel. Die Kritik an der gegenwärtigen Rückwärtsgewandheit des Vatikans lässt sich keineswegs auf ein Mini-Problemchen aus dem unbedeutenden Deutschland reduzieren. Das geht an der weltweiten Realität vorbei. Sollen die Indigenen Amazoniens etwa eine ihrer drei jährlichen Messfeiern auf Latein zelebrieren, weil dies feierlicher ist, vielleicht zwei zugewanderte Europäer das so wünschen und es nach Rom verpetzen, wenn ihrem Bedürfnis nicht stattgegeben wird? Sollen sich die SüdafrikanerInnen, die endlich eigene Formen einer inkulturierten Messfeier entwickelt haben, in denen sie sich religiös und menschlich beheimatet wissen, nun auf den außerordentlichen Ritus einstellen?

Als pastorales Handeln an denjenigen Gläubigen, die ihre liebgewordene „alte Messe“ nach der Liturgiereform nicht mehr feiern konnten und die noch heute unter dieser Situation so sehr leiden, dass die katholische, also all(e) umfassende Kirche sie zu verlieren droht, kann ich die Feier einer Messe im außerordentlichen Ritus akzeptieren. Nur frage ich mich, warum es an dieser Stelle ein Extra-“Bonbon“ für einige wenige gibt, während etliche noch nicht einmal „trockenes Brot“ bekommen in einem Wortgottesdienst ohne Kommunionfeier. Bestimmte Kreise scheinen davor die Augen zu verschließen. Gerne wäre ich diesbezüglich Zeugin einer Blindenheilung.

Kommentare:

  1. Einen guten Tag wünsche ich,

    ...ich verstehe die Polemik nicht. Über Liturgie geredet, verhandelt, gestritten und diskutiert wird doch laufend. Solange das passiert, scheinen noch lebendige Menschen unterwegs zu sein und keine Kirchenkarteileichen denen es sowieso schnuppe ist was der Priester vorne in welcher Sprache auch immer erzählt. Ich weiss nicht warum die Liebe einiger zum alten Ritus nun Auswirkungen auf die klerikal unterversorgten armen Regionen gewisser Länder haben sollte. Niemand hat doch gerufen, man müsse den Menschen am Amazonas den alten Ritus nahebringen. Oder gab es so eine Forderung, von der ich nichts weiss?

    Ich kann die Liebe zum alten Ritus aus verschiedenen Gründen verstehen, obwohl ich gar nicht in dem entsprechenden Alter bin...und ich finde es sogar erfreulich, dass er aus dem nebulösen Dunkel der "Kirchenuntreue" gerettet wurde, auf der anderen Seite missfallen mir die kirchenpolitischen, theologischen und politischen Ideologien gewisser Leute, die den alten Ritus schätzen, sehr. Es scheint für manche Menschen undenkbar, aber es gibt tatsächlich sogar aufgeschlossene und moderne Menschen, die den alten Ritus dennoch lieben. Für die habe ich auch viel Verständnis, für die rechten Hardliner selbstredend wenig.

    Eigentlich wollte ich nur sagen: ich weiss nicht warum die liturgische Fülle, aus der Katholiken also neuerdings wieder ganz legal und unbehelligt schöpfen dürfen, bedeuten muss dass wir liturgisch verfressen sind, während in Schwellenländern Menschen geistlich hungern. Besteht da wirklich ein Zusammenhang? Oder ist der nur gefühlt?

    Herzliche Grüße
    Giannina

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  2. Danke, Giannina, für deinen Beitrag. Die am 13. Mai 2011 veröffentlichte Instruktion „Universae Ecclesiae“ hat die Position der lateinischen Messe noch einmal gestärkt. Die Feier wird erleichtert, die Möglichkeiten erweitert, die Bischöfe sollen bei der Priesterausbildung auf entsprechende Schulung von Interessierten achten, wo Gläubigen die Feier in dieser Form verweigert wird, wird zu Denunziation aufgefordert. Soweit in aller Kürze.
    Noch kann niemand gezwungen werden, im außerordentlichen Ritus die Messe zu feiern. Was aber, wenn zukünftige Priester darauf bestehen, nur noch diese Form zu zelebrieren? Eine Abwertung der regulären Form als „weniger würdig“ ist im Dokument bereits enthalten.

    Hier in der mich umgebenden Diaspora haben wir andere Probleme, ähnlich wie auf den anderen von mir benannten Kontinenten. Hier geht es nicht um Messe in dieser oder jener Form, sondern um überhaupt eine Messfeier bzw. um eine Möglichkeit, den Glauben in Gemeinschaft zu feiern in erreichbarer Nähe. Ich erlebe hier vor meiner Haustür diesen geistlichen Hunger ganz konkret und real und finde die Lösung dieses Problems wesentlich drängender. Daher ärgert es mich, wenn das Thema tridentinische Messe in einigen Blogs so aufgebauscht wird. Während uns nicht nur die Feier der Eucharistie vorenthalten wird, aufgrund von fehlenden Priestern, und in den ersatzweise gefeierten Wortgottesdiensten keine Kommunion mehr ausgeteilt werden darf und damit keine Mahlgemeinschaft mehr erlebt werden kann, wird sich gerade auf den Blogs, die sich sehr über die Stärkung der lateinischen Messe gefreut haben, über Wortgottesdienste lustig gemacht und damit das Wenige, was uns geblieben ist, auch noch auf sehr verletzende Weise abgewertet.

    Auch ich bin für Vielfalt, aber bitte in mehrere Richtungen und nicht nur rückwärtsgewandt und andere Formen eliminierend. Und bei denen, die wählen können, bitte mehr Sensibilität denen gegenüber, denen jede Wahlmöglichkeit fehlt. Soweit dazu, in aller Emotionalität.

    Zurück zur Sachebene: Spannend an deinem Kommentar finde ich den Hinweis, dass du die Liebe auch von manchen modernen und aufgeschlossenen Menschen zum alten Ritus verstehen kannst. Das würde ich gerne besser verstehen und nachvollziehen können. Diese Sichtweise ist mir neu und fremd.

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  3. ich grüsse dich,
    herrje, ich hatte deinen blog verloren, und jetzt wiedergefunden, hurra :).

    danke für den hinweis auf die instruktion. die kannte ich nicht. und die blogs die den tridentinischen ritus aufbauschen kenne ich auch nicht, aber das liegt wohl daran dass ich sowieso nur wenige blogs lese.

    ich kenne das gefühl der diaspora. ich war selbst viele jahre katholisch und mit ganzem herzen dabei, und als ich dann in den norden zog, war mir das alles schon sehr wenig.

    mit modernen menschen die den alten ritus schätzen meinte ich unter anderem sogar mich. ich kann das ja hier mal so hinstellen weil es in seiner widersprüchlichkeit vielleicht ganz interessant ist. ich bin selbst zwar immer noch katholisch, aber verstehe mich als transkonfessionell, oder sagen wir frei spirituell. 90 prozent von dem was ich glaube würde von der katholischen kirche sicher für reine häresie gehalten. macht aber nix.

    den alten ritus mag ich trotzdem gern, vielleicht sogar lieber als den heutigen. warum das so ist, passt vielleicht gar nicht in ein paar zeilen, und kommt in der kürze sicher missverständlich rüber: ich hatte in meiner jugend einen pfarrer kennengelernt der so halb dunkelnd halb munkelnd den alten ritus feierte. er stand knietief in ignatianischer tradition und viele jahre hat er mich begleitet, und ich habe seine exerzitien besucht etc.
    da habe ich eine form von "versenkung" kennengelernt, die mir in der heutigen messform schwer möglich war. ich habe da einfach eine sehr innige art der eucharistiefeier kennengelernt, die ich so nie wieder erlebt habe (ich ging freilich 99% der zeit in den gängigen gottesdienst).
    das rituelle, das stille gebet, das gemeinsame zu gott hin gewandt sein, der aspekt der „anbetung“ der in deutlichem gegensatz zu der mir bekannten christenjugend-jesus-buddy-buddy-mentalität stand, das eucharistische verständnis, das hat in mir eine spirituelle erfahrung geschaffen. das hat in mir an etwas gerührt was willigis jäger heute zum beispiel auch so gänzlich ungefeiert von der kirche als individuelle mystische erfahrung beschreibt (die freilich konfessionslos ist, und so erlebe ich das eben auch).

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  4. da ich das also im alten ritus erlebte, und das obwohl ich ihn prozentual nur selten beging, und dass ich auf der anderen seite in der gängigen liturgie mich ständig fragte warum eigentlich alles so unfeierlich, uninspiriert, und „weltlich“ daherkommt, und wo so etwas bleibt wie die persönliche gebetserfahrung, habe ich einfach eine liebe dazu entwickelt. (das ist aber 20 jahre her wohlgemerkt)

    Natürlich ist mir später aufgegangen dass die leute die den alten ritus feiern auch oftmals diejenigen sind die das gesamte 2. vatikanum abschaffen wollen, die frauen aus dem altarraum verbannen wollen, die päpstlicher als der papst sind, und die auch meinen man müsste die juden zum christentum bekehren. Und andere irrungen und wirrungen. schrecklich. aber als das ganze für mich noch "unpolitisch" war- da liebte ich es halt.

    heute „traue“ ich mich gar nicht in so eine messe, obwohl es hier in berlin tridentinische messe satt gibt, und zwar jeden tag! Ich gehe nicht weil ich es heute eben nicht unpolitisch sehen könnte. wahrscheinlich würde ich mich den ganzen tag ärgern über die rückwärtsgewandtheit;). (ich ärgere mich auch in der heute gängigen messform, allerdings über andere dinge, deswegen geh ich nicht hin) - aber das ist halt ein beispiel dafür warum man den alten ritus lieben kann. und ich kenne andere „moderne christen“, die ihn auch lieben.

    Ich glaube ja, die heutige liturgie ist unzeitgemäss. Nicht weil sie zu altmodisch ist, nicht weil sie nicht altmodisch genug ist, sondern weil sie inhaltlich dieser zeit sehr wenig zu erzählen hat. aber das ist ein weites thema!

    oh ich hoffe ich habe nicht allzuviel deiner zeit in anspruch genommen! Danke fürs lesen!
    grundsätzlich stimme ich dir zu dass vielfalt nur dann sinn macht wenn sie eben in alle oder diverse richtungen geht. wie schön wäre liturgische vielfalt, ohne dass alles gleich ein politikum ist..........dass bei herrn ratzinger tendentiöse entwicklungen zu befürchten oder beobachten sind....ja das ist recht klar.

    sei herzlich gegrüsst und danke! (und sorry ich quatsche zuviel)
    giannina

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  5. Hallo Giannina,
    danke für deine Gedanken und deine Offenheit! Ich finde sehr wertvoll, was du schreibst. Es hilft mir zu verstehen, was für dich und vermutlich für viele andere wertvoll ist an der Messe im alten Ritus. Auch wenn ich es gerne lebendig mag, mehr Tiefe, Dichte und vor allem Stille fehlt mir ebenfalls in mancher Messe. Das hängt für mich aber nicht an einem Ritus. Vielleicht aber an einer Scheu davor, eine Atmosphäre zu schaffen und auszuhalten, in der spürbar oder erahnbar werden kann, dass es hinter den Worten, den Liedern, dem Tun noch etwas bzw. jemanden "dahinter" und "darin" geben könnte. Manche Leute sind vermutlich gar nicht (mehr) in der Lage, so etwas zu spüren, weil sie es niemals erlernt haben, oder weil sie sich selbst auch gar nicht spüren können/wollen/dürfen.

    Dazu kommt noch, dass unsere Welt sehr vielfältig werden durfte und damit auch unsere Wege, uns Gott oder dem Göttlichen zu nähern sehr verschieden. Im Rahmen eines Gemeindeentwicklungsprozesses wurden bei uns folgende Typen benannt:

    1. Der sinnliche Typ: Gott mit allen Sinnen lieben
    2. Der rationale Typ: Gott lieben mit dem Verstand
    3. Der rechtgläubige Typ: Gott lieben in Wahrheit und Lehre
    4. Der bibelzentrierte Typ: Gott lieben mit den Worten der Bibel
    5. Der missionarische Typ: Gott lieben in der Weitergabe des Glaubens
    6. Der asketische Typ: Gott lieben in Einsamkeit und Schlichtheit
    7. Der enthusiastische Typ: Gott lieben in der Begeisterung und im Feiern
    8. Der mystische Typ: Gott lieben durch grenzenlose Hingabe
    9. Der sakramentale Typ: Gott lieben durch Rituale und Symbole

    Die aktiven, fürsorglichen und politischen Stile fehlen mir persönlich in der Aufzählung und sicher gibt es daneben noch viele mehr, sowie unendliche Mischformen. Wichtig geworden ist mir an dem Wissen um und dem Wahrnehmen von diesen verschiedenen Wegen, Gott nahe zu kommen, dass ich meine eigene spirituelle Brille habe, durch die ich die anderen betrachte und möglicherweise in der Gefahr stehe, meinen Stil auf- und die anderen abzuwerten. In unserer Verschiedenheit sind wir aber aufeinander bezogen und können uns gegenseitig bereichern.

    Bezogen auf das Ausgangsthema „Messe“ in verschiedenen Riten: in unserer Verschiedenheit sammeln wir uns in der Messe und haben unterschiedlichste Erwartungen. Ich denke, wir müssen zum einen unsere Verschiedenheit aushalten lernen und zum zweiten in der Messe einen Weg finden, wie sie im Sinne eines Gottesdienstes Gott dient und und ihm dort Raum gibt, andererseits auch gemeinsame Formen entwickeln, wie die verschiedenen Typen ihren Glauben ausgedrückt finden in der Feier. Eine Messe im Latein spricht dann möglicherweise die mystischen und sakramentalen Typen an, eine andere, in dem der Bibeltext vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Forschung auf den Alltag bezogen wird, eher den bibelzentrierten. Ich halte es für die Hauptherausforderung an unsere Kirchen, zu lernen mit unserer Verschiedenheit respektvoll und in Beziehung um zu gehen. Vielleicht poste ich später noch mal was zu den einzelnen Frömmigkeitsstilen.

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  6. liebe ameleo,
    herzlichen dank für deine interessante antwort! ich hab gestern noch lange nachgedacht über die frage, was genau es eigentlich ist, was mich an dem alten ritus wohl so trifft, und was mir am neuen so fehlt. und das ist wirklich gar nicht so einfach zu beantworten. diese typologie die du hier eingestellt hast, ist ja interessant, und sicher gibt es noch viele mehr und viele mischformen, wie du sagst. für mich richtig fühlt sich das mit dem mystischen, rituellen, stillen zugang an.....und sogesehen wäre das sicher eine typfrage und vielleicht eben auch eine der gunst der stunde. denn hätte ich meine erste signifikante spirituelle erfahrung auf einem quäkertreffen gemacht, dann wäre ich vielleicht heute quäkerin?!
    ich persönlich liebe ja das theologische reflektieren, die lectio, aber ebenso das gesellige miteinander, das singen, ich kann mich in all dem zuhause fühlen, aber es ist eben sehr schwer eine gottesdienstform zu finden die adäquat ist - und die eben auch verschiedene typen von menschen erreicht. Die vor allem einen spirituellen erfahrungsraum eröffnet, der eben nicht an der kirchentür endet. sicher ist es zuviel gewollt, für alle etwas zu finden und in einer stunde unterzubringen. sicher ist es auch falsch, es sehr speziell zu machen und somit viele auszuschliessen. deswegen wäre es schön wenn es so etwas wie liturgische vielfalt gäbe, und jeder könnte eben die messe besuchen die etwas in ihm zum klingen bringt. aber das ist wohl sehr kühn geträumt?
    das was du sagst über die angst vor der stille und dem aushalten, das finde ich sehr richtig. und ich kenne viele, die das vermissen. ich kenne aber auch viele, die das nie gelernt haben. ich bin der kirche auch ein bisschen böse drum, dass sie den jungen leuten dahingehend nicht mehr helfen, diesen raum jenseits des persönlichen mikrokosmus zu "erfahren". das hat ja alles gründe, dass meditationskurse so gut besucht sind, da ist so eine sehnsucht!
    es ist wahr, dass die verschiedenheit, gerade in der konfessionellen "enge" schnell dazu führt den anderen abzuwerten. wenn man in ein forum der "lateiner" gerät, liest man sehr viel herablassung. umgekehrt genauso. das allein ist ja schon tragisch genug. ich selbst wurde von "lateinern" auch schon verbal gegrillt, weil ich als konfessionsgrenzen-verlassende für einige überhaupt nichts in so einem gottesdienst zu suchen habe. ich erlebe das halt immer wieder, dass da so viel trennung ist und so viel kampf und das entspricht doch nicht der weite und bewegung der christlichen geisteswelt. verschiedenheit muss sicher ausgehalten werden, und danach auch angenommen und vielleicht eines tages sogar geliebt. naja ich bin hoffnungsbesoffen :)
    wie schön mit dir zu plaudern!
    sei herzlich gegrüsst
    giannina

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  7. Mir macht es auch viel Freude, Giannina, mit dir zu schreiben! Aber es ist auch eine Herausforderung, nichts, wo ich mal eben ein paar Sätze in den PC haue.
    Zu den Typen: ich glaube, es ging auch darum, zwar den eigenen zu entdecken, aber sich auch von den anderen bereichern zu lassen, das sie ebenfalls etwas mehr zum eigenen werden. Ein Stück Intergration so zu sagen. Aber da muss ich mich erst noch mal informieren, bei dem Workshop selbst war ich nicht dabei, habe nur im Nachhinein viel davon gehört.
    Ich vermute, je mehr ich mich den verschiedenen Facetten/Stilen annähere, desto gelassener kann ich mit Gottesdiensten/Messfeiern und Menschen umgehen, die mir n i c h t entsprechen, über die ich mich möglicherweise aufregen könnte. Ich kann dann vielleicht leichter hinnehmen, dass andere anders sind und einerseits versuchen, aus dem mir Fremden, mich Abstoßenden die auch darin enthaltene "Perle" zu finden oder mich ohne großen Ärger auf eigene Wege begeben ohne den Kontakt zu verlieren. Ich vermute, das trifft sich mit deiner "Hoffnungsbesoffenheit" (schöner Begriff!)
    Herzliche Grüße
    Ameleo

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  8. Ich bin tridentinisch großgeworden. Das Wort feierlich drückt aus, wonach besonders junge Leute sich sehnen, denn die animieren Kapläne, sich das Wissen darum anzueignen. Das Problem ist nur, man muss schauen, was theologisch dahintersteckt. In Berlin sind wir vergleichsweise verwöhnt. Jedoch Masse darf nicht mit Klasse verwechselt werden.

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