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Montag, 23. Mai 2011

Wissenschaft und Erfahrung

Aus der Rubrik: was wir eigentlich schon immer wussten und jetzt auch wissenschaftlich belegt bekommen:
Endlich bestätigt das Bundeskartellamt, was dem Erfahrungswissen von uns VerbraucherInnen schon lange klar war: die Benzinpreise steigen regelmäßig immer dann, wenn viele AutofahrerInnen tanken wollen oder müssen: zu Ostern, vor den Ferien oder zum Wochenende. Geheimabsprachen gäbe es zwar nicht, aber ein weitverzweigtes Beobachtungs- und Meldesystem der Konkurrenz.

Gewinnt diese Tatsache durch die untermauernde Wissenschaftlichkeit nun an Brisanz und Bedeutung? Warum muss es wissenschaftliche Untersuchungen darüber geben, ob maschinell angenähte Knöpfe tatsächlich weniger lange halten als manuell genähte, obwohl jeder normal reflektierende Mensch das Ergebnis bereits im Vornherein kennt? Warum zählt die Erfahrung von Hebammen nicht, dass zu bestimmten Zeiten mehr Kinder geboren werden, wenn dies wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden kann? Warum zählen meine beim Arzt präzise geschilderten Symptome erst dann, wenn sie durch aufwändige und teure Untersuchungen untermauert worden sind? Wieso werden meine in der Autowerkstatt geschilderten ungewöhnlichen Geräusche erst dann als real eingestuft, wenn auch das Diagnosegerät bestätigt: ja, da sind ungewöhnliche Geräusche?

Solange es keine offizielle, wissenschaftliche Untersuchung zu einem Phänomen gibt, scheint es offensichtlich nicht existent zu sein. Es ist eine ungute Entwicklung in unserer Gesellschaft, die alles wissenschaftlich erforscht, bürokratisch dokumentiert und kategorisiert haben will. Die Bedeutung lebendiger Erfahrung für die Gesellschaft nimmt so rapide ab und zieht sich zurück auf den rein privaten Bereich. Die einzelne Person wird mit ihrem erfahrungsorientierten Weltwissen nur noch im Rahmen von Umfragen ernst genommen und wert geschätzt.

Auch im religiös-kirchlichen Rahmen gibt es diese Tendenzen, persönliche Erfahrungen und eigenes Nachdenken abzuwerten oder zu negieren, vor allem, wenn sie nicht konform sind mit institutionellen Vorgaben und Erwartungen. Ein dem afrikanischen Kulturkreis zugeschriebener Spruch lautet: „Wenn ein alter Mensch stirbt, verbrennt eine Bibliothek.“ Ich denke, persönliche Erfahrungen sind durch nichts zu ersetzen und verdienen mehr Respekt. Ich habe nichts gegen Wissenschaft und Forschung, nichts finde ich spannender als Neues dazu zu lernen und die Welt und das Mit- und Ineinander von Mensch, Natur und Technik immer besser zu verstehen. Aber ich habe etwas gegen ungerechtfertigte Abwertung persönlicher Erfahrung und Überbetonung von Wissenschaft und Technik. Es geht um ein rechtes Maß und darum, dass Wissenschaft und Technik ebenso wie die Erfahrungen des/der einzelnen jeweils Mosaiksteinchen sind im Gesamt des Weltwissens.

Und Danke, liebes Bundeskartellamt, für die äußerst neuen und überraschenden Forschungsergebnisse. Trotzdem werde ich weiterhin tanken müssen, vor allem vor Ostern und in den Sommerferien.

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