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Mittwoch, 29. Juni 2011

Kirchen brauchen Störenfriede

„Kirchen brauchen Störenfriede“ zitiert Stefan Silber auf seinem Blog einen Artikel des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK/WCC) anlässlich einer Konferenz von Vertreterinnen und Vertretern afrikanisch-stämmiger und indigener Bevölkerungsgruppen in Managua (Nicaragua) zum Thema Rassismus. Dieser Satz bezieht sich auf eine Äußerung von Pastor Dr. Deenabandhu Manchala, dem Referenten des WCC für gerechte und integrative Gemeinschaften, zum Problem von rassistischen Positionen und Wertvorstellungen in den Kirchen selbst. „Wir sollten in unseren Kirchen auch zukünftig die Rolle übernehmen, sie aus ihrer Selbstzufriedenheit aufzurütteln. Wir müssen Störenfriede sein und uns kontinuierlich dafür einsetzen, dass unterdrückerische Strukturen und Kulturen destabilisiert werden“, so Manchala auf der Konferenz.

Solcher Art Störenfriede haben in der jüdisch-christlichen Überlieferung eine lange, gewichtige Tradition. Mal ermahnten sie die korrupten und das Volk ausbeutenden Machthaber, mal das Volk selbst, weil es sich von Gott und seinem Bund abgewandt hatte. In Krisenzeiten dagegen versuchten sie Mut zu machen und zu stärken. Es gab auch „gezähmte“ Störenfriede, die man sich bei Hofe hielt. Ihre "Störungen" hielten sich allerdings in Grenzen, da sie von ihren Geldgebern abhängig waren. Diese biblischen Störenfriede nennen wir noch heute „Propheten“.

Sie hatten die Begabung, mit scharfem Blick eine Situation, die nicht im Sinne JHWHs war, zu erfassen und über den Horizont ihrer Umwelt hinaus blickend unweigerlich bevorstehende Konsequenzen zu benennen. Meist übernahmen sie diese Aufgabe widerwillig, denn oftmals wurden sie nicht ernst genommen, beschimpft oder gar verfolgt. Inhaltlich ging es ihnen um ähnliche Themen wie sie auch heute noch aktuell sind: um Religions- und Gesellschaftskritik, Machtmissbrauch, Ausschweifungen, Diskriminierung und Ausgrenzung, unangemessenen Umgang mit Benachteiligten und aus falscher Motivation dargebrachten Opfern. Die Ursache wird von den biblischen Propheten in einem mangelnden oder lauen Glauben gesehen, die Lösung in einer Umkehr zu JHWH.

„Ja genau“, werden jetzt die einen sagen und sich in den einen Themen wiederfinden, „Sag ich doch“, die anderen meinen und sich auf andere Punkte beziehen. Wir leben nicht mehr in biblischen Zeiten, unsere Welt ist wesentlich komplexer geworden, genau wie die Kirche und ihre Konfessionen und auch der je eigene Glaube. Bestandteil dieser Komplexität ist, dass es nicht mehr in jeder Situation ein klares Richtig und Falsch, Schwarz oder Weiß mehr geben kann. In Fortsetzung der biblischen Tradition geht es jedoch auch heute um das Bemühen, sich im gemeinsamen Ringen an das anzunähern, was in konkreten konflikthaften Situationen dem Leben am nachdrücklichsten dient.

Denn dem Leben zu dienen und sogar statt Überleben Lebensfülle möglich zu machen - mit möglichst wenig Ausgrenzung, möglichst viel Inklusion, einem Missbrauch vorbeugenden möglichst geringen Machtgefälle, einem Höchstmaß an Gerechtigkeit und Frieden und einem bewahrenden Umgang mit der Schöpfung und ihren Ressourcen - dient letztlich dem, der das Leben schenkt und ist somit im biblischen Sinne "Gottesdienst".

Falschen Frieden dort stören, wo Leben und Glauben zu kurz kommen in Kirche und Gesellschaft - und sich selbst stören lassen, wo eigene blinde Flecken, Fehler und Schwächen das Leben anderer beschneiden oder behindern: das ist auch heute noch der prophetische Auftrag an die Kirche als ganze, aber auch an jede/n einzele/n Gläubige/n, aus Verantwortung für das Reich Gottes. Kirche braucht solche Störenfriede! Oder - wie es in einem Lied heißt: Propheten sind wir alle, auch du und ich.

Kommentare:

  1. Ja richtig. Mit einem kleinen Widerspruch: Wir leben immer noch in biblischen Zeiten. Die waren nämlich auch nicht anders als unsere. Wir sollten nicht meinen, die "Zeit der Bibel" sei irgendwie als Heils- und Offenbarungszeit qualifizierter als unsere Zeit. Deswegen brauchen wir die Störenfriede ja auch heute!
    Ansonsten danke für die Vertiefung meines posts!

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  2. "Biblische Zeiten" ist mehrdeutig: im Sinn deines Hinweises als - ich nenne es mal "Qualifikation" einer Zeit - stimme ich dir zu, Heils- und Offenbarungszeit ist auch heute. Ich habe den Ausdruck hier ursprünglich historisch benutzt. Da meine ich, dass unsere Welt heute komplexer geworden ist - bei gleich gebliebenen Problemen. Wenn in den "biblischen Zeiten" Wandlung und Kontinuität zusammenkommen, wird es dem Begriff vielleicht am ehesten gerecht. Danke für den Hinweis.

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  3. Danke für die Zeilen. Doch, auch ich fühl mich in der biblischen Zeit lebend. Es ist mehrdeutig, stimmt!
    Viele Grüsse
    Elisabeth

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  4. … dass unsere Welt heute komplexer geworden ist - bei gleich gebliebenen Problemen.

    Ich gestatte mir, hier zu widersprechen. Es mag zwar sein, daß wird alle noch immer die Probleme haben, die zu “biblischen Zeiten” existierten, aber es sind doch einige verschwunden, dafür kamen andere hinzu und einige wurden komplizierter. Das muß mit einer komplexer werdenden Welt zwangläufig so ein …

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  5. @ Der Emil:
    Ist das so? An welche konkreten Beispiele denken Sie? Mein Eindruck ist: es sind die gleichen Themen (benannt hatte ich: Machtmissbrauch, Ausschweifungen, Diskriminierung und Ausgrenzung, unangemessenen Umgang mit Benachteiligten und aus falscher Motivation dargebrachten Opfern. Die Aufzählung ist sicher unvollständig.), nur äußern sie sich heute anders als in der Antike.

    Beliebtes Beispiel für etwas, das heute angeblich abgeschafft sei: die Sklaverei. Ich brauche gar nicht in die Länder des Südens zu blicken: was ist mit unseren 1,-€-Jobbern? Oftmals genötigt, eine Arbeit zu tun, die weit unter ihren Fähigkeiten und Qualifikationen liegt zu einem „Lohn“, der einfach nur lächerlich ist und deshalb wohl „Mehraufwandsentschädigung“ genannt wird. Im Ernstfall kann von der Ausübung einer solchen Tätigkeit die Fortzahlung des ALG II abhängig gemacht werden. Das hat für mich schon stark den Geschmack der antiken Verhältnisse.

    Das Thema „Umweltschutz“ wird häufig als neueres angeführt. Im alten Israel allerdings gab es die Vorschrift: „Aber im siebten Jahr soll das Land eine vollständige Sabbatruhe zur Ehre des Herrn halten: Dein Feld sollst du nicht besäen und deinen Weinberg nicht beschneiden.“ (Levitikus/3. Mose 25,4.) Sicher war es eine andere Form der Landwirtschaft als heute, aber das Wissen darum, dass auch der Boden eine Pause benötigt, war da, eine gewisse Form von Umweltbewußtsein sehe ich dahinter.

    Letztes Beispiel: Internetkriminalität, Betrug unter einer falschen Identität. Internet gab es damals natürlich nicht, die Sache aber schon, wie es sich in der Jakobserzählung in Genesis/1. Mose 25ff trefflich lesen lässt. (Wobei Jakob hier mal der Betrüger mal der Betrogene ist).

    Während ich hier gerade die Gemeinsamkeiten betone, bin ich darauf gespannt, worin Sie die Unterschiede sehen!

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  6. Jesus war auch ein Störenfried für die Alteingesessenen Pharisäer.
    Er handelte aber stets aus Liebe zu GOtt und den Menschen. Selbstgefällige und hasserfüllte Störer braucht die kirche nicht. Sondern Menschen, die voller Liebe etwas verändern wollen.

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  7. Über die Motive eines Störenfrieds würde ich - das sage ich in Richtung pinehasger - gar nicht urteilen wollen, denn: warum einer hasserfüllt ist, ist immer eine Frage der Biographie. Ein extremes Beispiel wäre sicher, was, wenn nun einer der zahllosen durch Kleriker Missbrauchten hasserfüllt die Stimme erhöbe? Wollte man so einem Menschen seinen Hass wohl krumm nehmen? Ich nicht. Wenn einer hasserfüllt stört, hat die Frage zu lauten, woher kommt der Hass, und wo berührt er meine Verantwortung. Deswegen sind auch jene ernstzunehmen, die die Kirche nicht mit Wattebäuschchen-Werfen kritisieren, sondern die einen schärferen Ton an den Tag legen. Viel Hass, den die Kirche auszuhalten hat, hat sie selbst ausgelöst. Es wäre schön, wäre die Kirche da bekenntnisbereiter.

    Und was das Stören als spirituelle Perspektive betrifft: wir müssen auch unsere eigenen Störenfriede sein. Uns aus der Sattheit unserer vermeintlichen Gewissheiten rütteln, die uns oft genug phlegmatisch und selbstgerecht machen, und die desweiteren verhindern, dass wir dem Gott begegnen, den wir nicht kennen.

    Herzliche Grüße an alle, und Danke an Ameleo für den schönen Artikel,

    Giannina

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