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Sonntag, 11. September 2011

Brief an Petrus zu Mt 18,21-35

Lieber Petrus,

sage mal, hast du Jesus das wirklich gefragt, wie oft du deinem Bruder vergeben sollst? Oder hat dir die matthäische Gemeinde diese Frage nur untergeschoben, weil sie irgendwie die Einstellung Jesu zum Thema Vergebung und seine Parabel von dem großzügigen Chef in einen Zusammenhang bringen wollte, da sie eigentlich selber Probleme damit in ihrer Gemeinde hatten?

Wie auch immer: ich finde diese Frage ziemlich albern.
Du bist doch selbst in einer Familie aufgewachsen und hast auch eine eigene gehabt. Wie oft wirst du dich mit deinen Eltern gestritten haben, unfair zu deinen Geschwistern, Freunden und Verwandten gewesen sein oder deren Unfairness erlebt haben, wie oft wirst du deine Frau verletzt haben oder von ihr verletzt worden sein, wie oft wirst du deine Kinder ungerecht behandelt oder von ihnen Frechheiten zu Ohren bekommen haben? Und immer wieder wirst du anderen verziehen oder sie um Verzeihung gebeten haben. Hast du da etwa mitgezählt? So was ist doch Quatsch! Andere verletzen und selber verletzt werden, anderen Unrecht tun und selbst Unrecht erleiden, anderen etwas schuldig bleiben und selber nicht bekommen, was einem eigentlich zustünde, das ist Alltag, das gehört ganz normal zum Leben dazu. So what? Was also sollte diese seltsame Frage?

Die Antwort Jesu bestätigt diese Selbstverständlichkeit des immer wieder Verzeihens ohne dass es zählbar wäre. Spannend dann die Rhetorik der weiteren Antwort: es kommt gar nicht darauf an, wie oft wir jemandem vergeben, sondern uns bewusst zu machen, dass uns vergeben wird, wieder und wieder. Die Parabel Jesu ist typischerweise völlig überzogen: so viele Schulden! Was um alles in der Welt will dieser Diener mit so viel Geld gemacht haben? Da hätte ja selbst Peter Zwegat nicht helfen und nur noch Insolvenz anmelden können! Dem Chef dieses Mannes muss die Aussichtslosigkeit klar gewesen sein. Und wie soll auch einer, der ins Gefängnis geworfen wird, seine Schulden zurückzahlen? Das geht ja schon mal gar nicht. Aber der Mann mit den vielen Schulden scheint den Hals nicht voll gekriegt zu haben: kaum sind ihm seine bombastischen Schulden erlassen worden, braucht der schon wieder Geld und will es von seinem Kollegen, dem er wohl mal was geliehen haben muss, zurück haben. War der spielsüchtig, oder was? Und hat der nicht eben grade noch ein super Geschenk von seinem Chef bekommen? Auf jeden Fall konnte der ganz offensichtlich ganz und gar nicht mit Geld umgehen. Kanntest du solche Typen damals? Ist doch klar, dass die anderen Kollegen davon Wind bekommen und dies auch dem Chef gesteckt haben. Wahrscheinlich wussten alle von seiner finanziellen Inkompetenz, und wie er sich jetzt seinem Kollegen gegenüber verhalten hatte, war so daneben, dass es das Fass zum Überlaufen brachte. Jetzt war mal endlich Schluss damit. Manchmal ist es echt besser, solche Typen aus dem Verkehr zu ziehen. Der hatte schon so viele Chancen bekommen!

Warst du damals zufrieden mit der Antwort Jesu? Der hatte deine Frage ja mal wieder total gegen den Strich gebürstet mit dieser Geschichte, wie auch schon bei der Frage nach dem Nächsten. Und sein Fazit: Weil du unendlich viele Chancen bekommst von deinem „Herrn“, kannst und wirst du sie auch anderen geben können und geben. Mich erinnert das auch so ein wenig an die 10 Gebote: weil du, Volk Israel, die Befreiung durch mich, deinen Gott, erfahren hast, wirst du dies und jenes tun. Das ist das, was ich für mich mitnehme aus diesem von dir und Jesus überlieferten Dialog: Wenn ich erfahre, dass mir andere Unrecht tun und ich dann irgendwann auch dazu in der Lage bin, ihnen zu verzeihen, werde ich versuchen, mich daran zu erinnern, dass ich selbst ja auch nicht vollkommen bin. Aber es gibt auch diese Typen, die nicht aus ihren Fehlern lernen. Die immer wieder den gleichen Mist machen. Die brauchen dann eine klare Ansage, wo die Grenze ist und dass sie ihre Probleme selbst lösen und die Konsequenzen selber tragen müssen für den Sch..., den sie verzapft haben. Dieses Stopschild muss ich denen dann aber auch klar zeigen.

Dass allerdings Gottes Erbarmen Grenzen kennt, halte ich nicht für die Ansicht Jesu. Hat er das denn damals wirklich gesagt? Ich vermute ja eher, dass das die Leute der Gemeinde des Matthäus eingefügt haben, weil sie von irgendwelchen Mitgliedern wegen irgendeiner Angelegenheit total abgenervt waren. Da droht man dann auch schon mal gerne mit dem lieben Gott. Aber mit ihm selbst hat das vermutlich wenig zu tun.

Was ich gerne von dir wissen würde: was für eine Bedeutung hatte dieses Gespräch für dich (vorausgesetzt, es hat wirklich stattgefunden)? Bist du anschließend gelassener und nachsichtiger mit den Leuten umgegangen, an die du bei deiner Frage gedacht hast? Haben deine Familie und deine Freunde gemerkt, durch die Art wie du vielleicht weniger entnervt mit ihren kleineren und größeren Schwächen umgegangen bist, dass du bei Jesus etwas verstanden hast? Es wird spannend sein, dir diese Fragen einmal persönlich stellen zu können!

Für heute bleibt mir nur, dich zu grüßen.
Deine Ameleo

Kommentare:

  1. Eins der Evangelien, bei denen ich immer "Ja, aber..." denke. Den fiesen Kerl streng zurechtweisen - aber immer, das war ja wohl auch nötig! Aber wenn ich lese, der Herr "... überantwortete ihn den Peinigern..." - dann schüttelts mich einfach nur noch. Folter als Strafmaßnahme? Das klingt nach Stammtischparolen, nicht nach Gottes Barmherzigkeit.

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  2. In der Exegese wird davon ausgegangen, dass dieser eigentlich unpassende Schluss eine redaktionelle Erweiterung der ursprünglichen Parabel ist und auf konkrete Probleme in der matthäischen Gemeinde Bezug nimmt. Das eigentliche Hauptthema "Erbarmen" tritt hier völlig zurück. "In seinem Zorn..." macht der Herr dies. Das lässt für mein Empfinden Raum für ein überlegteres Handeln, wenn dieser Zorn verraucht ist.

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  3. Die Reaktion ist Ausdruck von Gottes Gerechtigkeit. Eine irgendwie geartete Strafe muss ja sein, sonst ist die ganze Geschichte sinnlos und die Barmherzigkeit wird billig.

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  4. @ Stefan: In letzter Konsequenz würde Ihre Auffassung bedeuten, dass Jesus mit seiner Vorstellung von der unvorstellbaren Barmherzigkeit und Großzügigkeit Gottes, die er in unzähligen Handlungen, Worten und Gleichnissen beschrieben hat, unvollständig von Gott spricht und daher der Korrektur durch die christlichen Gemeinden bzw. der Evangelisten bedurfte, wie sie sich eben in den redaktionellen Ergänzungen z.B. am Ende des oben benannten Evangelienabschnitts zeigt. Sie sind nicht allein mit dieser Auffassung, darüber haben sich schon die Urchristen gestritten und die mit der unter dem Deckmantel "Gerechtigkeit Gottes" eigentlich auf Vergeltung beharrende Gruppe hat sich durchgesetzt.

    Und um weiteren Anfragen vorzubeugen: nein, ich glaube nicht an ein integriertes Gesamtjenseits und ja, ich bin auch der Auffassung, dass jeder Mensch zur Rechenschaft gezogen wird für die Zeit des irdischen Lebens. Aber ich glaube auch, dass unsere Vorstellungen von "Gerechtigkeit" sehr menschlich sind und häufig inspiriert werden von einem ebenfalls sehr menschlichen, aber eben auch sehr unvollkommenen Wunsch nach Vergeltung, der aufs Jenseits projiziert wird. Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass Gottes Gerechtigkeit unsere Vorstellungen weit überschreitet.

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  5. Ich finde das Ende eigentlich sehr stimmig. Mal ganz davon abgesehen, daß es wunderbar zu "vergib und unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" paßt, geht es in die gleiche Richtung wie kurz davor Mt 18, 15-17. Im ganzen Kapitel 18 geht es um Vergebung und Barmherzigkeit, aber an diesen beiden Stellen auch um die Grenzen. Nämlich dort, wo Barmherzigkeit nicht als Barmherzigkeit angenommen wird, sondern in Stolz ausgeschlagen (Mt 18,15-17) oder gedankenlos ausgenutzt (Mt 18,28-35) wird.

    Ansonsten frage ich mich immer, was mit dem Argument "späterer Zusatz" eigentlich gewonnen ist. Daß wir die Überlieferungsgeschichte gegen einen aus dieser Überlieferungsgeschichte rekonstruierten "historischen Jesus" ausspielen können? Unabhängig von dieser konkreten Stelle kommt es mir als ein allzu einfacher Ausweg bei allen Stellen vor, die für uns schwierig sind oder gar anstößig wirken. :-/

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  6. Den Hinweis, dass Gottes Gerechtigkeit unsere Vorstellungen weit überschreitet, finde ich an dieser Stelle sehr passend. Ich denke, da es auch nicht unsere Aufgabe ist zu richten, muss man bei solchen Fragen es dabei belassen. Vieles was wir Menschen als gerecht empfinden ist Unrecht und was wir als Barmherzigkeit deuten, ist grausam.

    Von der These der Ergänzungen halte ich ebenso nichts. Selbst wenn dies so sein sollte, ist es für die Exegese völlig irrelevant. Die Inspiration der Schrift gehört zu unserem Glaubensgut. Da halte ich es wie der Heilige Vater, der in seinen neusten Büchern schreibt, er glaubt der Bibel einfach.

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