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Freitag, 14. Oktober 2011

Psalmen essen

Gefunden: erst im neuen Buch "Du gibst meinem Leben weiten Raum. Spirituelle Texte von Frauen" von Andrea Kett und Hildegund Keul (Hg.), dann auch im Netz:
Die Psalmen sind für mich eins der wichtigsten Lebensmittel. Ich esse sie, ich trinke sie, ich kaue auf ihnen herum, manchmal spucke ich sie aus, und manchmal wiederhole ich mir einen mitten in der Nacht. Sie sind für mich Brot.

Ohne sie tritt die spirituelle Magersucht ein,

die sehr verbreitet unter uns ist und oft zu einer tödlichen Verarmung des Geistes und des Herzens führt. Materieller Reichtum und technologisches Wissen stellen in unserem Teil der Erde die Bedingungen für den spirituellen Tod der Überentwickelten dar. Und so möchte ich als erstes sagen: Eßt die Psalmen. Jeden Tag einen. Vor dem Frühstück oder vor dem Schlafengehen, egal. Haltet euch nicht lang bei dem auf, was ihr komisch oder unverständlich oder bösartig findet, wiederholt euch die Verse, aus denen Kraft kommt, die die Freiheit, Ja zu sagen oder Nein, vergrößern.

Findet euren eigenen Psalm. Das ist eine Lebensaufgabe und viel zu groß für uns, aber laßt euch nicht unnötig verkleinern. »Meine Seele singe zu Gott« - so haben Menschen, die innerhalb furchtbarer Verkleinerungszwänge lebten, gebetet. Hungrige, Verkrümmte, Geängstigte, an Geist und Seele verkümmerte Frauen haben das gewußt und gesungen. »Lobe den Herrn, meine Seele«, haben sie zu ihrer Seele gesagt. Eßt den Psalm, Gott hat schon Brot gebacken, die Väter und Mütter des Glaubens haben schon für uns vorgesorgt. Eßt und lernt, Brot zu backen.

Aus: Dorothee Sölle, Erinnert auch an den Regenbogen. Texte, die den Himmel auf Erden suchen. Herder Spektrum, Freiburg Basel Wien 1999
Find ich wunderschön!
Übrigens: 2012 stehen die Psalmen im Mittelpunkt der ökumenischen Bibelwoche.

Kommentare:

  1. Ich bin nächste Woche bei einer feministisch-theologischen Werkstatt zu Psalmen und habe mich deshalb sehr über diesen Text gefreut. Danke dafür.

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  2. Ja, IWe, dann bitte ich um Auskunft. Altes Testament und Frauen?

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  3. Vielen Dank für den "reminder". Habe in letzter Zeit einen kleinen Hänger bei Laudes, Mittagshore und Vesper und werde mich wieder mehr am Riemen reißen und den Psalmen widmen. Auch, wenn mich die "Zerstöre-meine-Feinde"-Schiene massiv nervt. :-(

    Danke auch für den Hinweis auf die Frauenseelsorge und ihr unglaubliches Angebot, Interessierten spirituelle Begleiterinnen zu vermitteln. Ich hoffe, ich kann mitmachen!

    Lg,
    Terrie

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  4. Psalmen sind schon was ganz besonderes. Anders als wir heute, haben sich die alten Beterinnen und Beter nicht nehmen lassen, wirklich alles vor Gottes Angesicht zu bringen, auch ihre Wut, ihren Hass und Zorn, ihre Aggressivität angesichts entsprechender Erfahrungen. Das machen wir in der Regel nicht. Vielleicht stellen wir Christ_innen uns da mit dem Gebot der Feindesliebe selbst ein Bein. Vermutlich ist aber die Psalmenvariante die gesündere: auch die "negativen" Gedanken und Gefühle vor unseren Schöpfer bringen und sie nicht wegdrücken. Daran erinnern mich die "Zerstöre meine Feinde"-Verse, die leider zu oft in den Gesangbuchversionen gestrichen wurden.

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  5. Die Menschen des AT waren sehr handfest...das kann ein Christ mit seinen Hassgedanken auch machen..Ist zwar nicht die feine englische Art, aber besser als selber aktiv werden..oder in Depressionen umwandeln.

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  6. Eine Ordensschwester hat mir mal gesagt, für sie sind die Feinde, die einem übelwollen und die man gerne vernichtet hätte in erster Linie ihre eigenen "Dämonen", die schlechten Eigenschaften, Hassgefühle etc., die man so mit sich rumträgt und die so schwer zu bekämpfen sind. Dann, finde ich, macht das Ganze Sinn.

    Lg,
    Terrie

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  7. Ja, Anonym, freundlicherweise ist das gerade mein Thema, vor den inneren Feinden kann man so schwer flüchten. Mir hat eine Karmelitin gesagt, wenn man es will, seine unguten Gefühle loswerden, schafft man es auch irgendwann.Nicht nur negative Gefühle plagen, auch Sehnsüchte,, die in die falsche Richtung gehen.Wenn man das erkannt hat, ist man aber schon weit.Die Psalmen insgesamt betrachtet zeigen ja auch, dass der Mensch nicht ausgeliefert ist. Gott ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. ;-).

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  8. Gefühle sind Gefühle, sie haben ihren Grund und sind daher weder gut noch schlecht. Ohne Wut und Aggression würde niemand auf die Straße gehen, um gegen das unsägliche Gebahren der Banken anzugehen. An der Existenz von jeder Art von Gefühlen können wir nichts ändern, aber es kommt darauf an, angemessen mit ihnen umzugehen und den Verstand zu Hilfe zu nehmen, um zu entscheiden, was wir mit ihnen machen.

    Mir fällt dazu eine Geschichte ein, die zwar oberflächlich auch in das Schwarz-Weiß-Denken gegenüber seinen Gefühlen einstimmt, aber eine tiefere Weisheit dahinter zeigt.

    Ein alter Indianer sass mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden und das Feuer knackte, während die Flammen in den Himmel züngelten.

    Der Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: "Weisst du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere hingegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend."

    Der Junge fragte: "Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?".
    "Der Wolf, den ich füttere", antwortete der Alte!

    (Quelle unbekannt)

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  9. gefühle werden gut oder schlecht, wenn sie dich beherrschen..dann brauchst du sie nichtmals mehr zu füttern.dann nehmen sie sich, was sie brauchen.

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  10. Ameleo, das ist eine wirklich schöne Metapher. Vielen Dank.
    Mir verschafft das Stundengebet die Pausen im Tag, die ich brauche, um zu überlegen, welchen Wolf ich gerade füttere.

    Terrie

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