ACHTUNG: Zur Zeit gibt es bei Blogger Probleme mit dem Internet Explorer. Videos können beispielsweise nicht angesehen und Kommentare nicht abgeschickt werden. Bitte in diesem Fall einen anderen Browser wie z.B. Firefox benutzen!

Montag, 31. Oktober 2011

Reformationstag: Katharina von Bora antwortet auf Matthias Matussek

Lieber Herr Matussek,

Sie sind Katholik, wie mein Mann Martin Luther und ich seinerzeit auch. Es ehrt Sie, dass Sie sich anlässlich des diesjährigen Reformationsfestes mit meinem Mann auseinandersetzen und sich eine erneute Positionierung von Ihm wünschen. Dass Sie sich als Katholik nicht in allen Details seines Denkens auskennen, sei Ihnen dabei nachgesehen. Für die Zukunft werde ich Ihnen hier ein wenig zusätzliches Hintergundwissen vermitteln.

Sie wünschen sich einen erneuten Thesenanschlag, schreiben Sie hier bei kath.net. Wie kommt es zu diesem Sinneswandel?
Hatten Sie sich nicht erst Anfang des Jahres ganz entschieden gegen einen Thesenanschlag ausgesprochen, der im Gegensatz zu dem meines Mannes weniger Punkte enthielt, dafür aber von mehr Personen unterzeichnet wurde? Sie haben Recht mit Ihrer Einschätzung, dass es meinem Martin nie um eine Trennung in der Kirche ging, da sind die Verfasser_innen der Thesen vom Anfang 2011 ganz auf seiner Linie. Gegen die Kirche als solche hat Martin auch nie protestiert, nur gegen ihre unhaltbaren Zustände. Zum Glück wurde sich inzwischen in der römisch-katholischen Kirche sehr intensiv mit seinen Anfragen auseinandergesetzt, wenn auch nach einer gewissen Zeit des Spottes und des Beleidigtseins. Dass noch nicht alle Christ_innen Ihrer Konfession so weit sind, war zu erwarten. Nach wie vor denken viele Ihrer Kirche ja in Jahrhunderten.

Das Thema Ablass wurde allerdings nicht zu Martins letzter Zufriedenheit gelöst, denn es gibt ihn ja nach wie vor, auch wenn der Handel damit untersagt wurde und nicht mehr als lukrative Einnahmequelle dient. Sogar eine Apostolische Pönitentiarie mit einem Großpönitentiar habt ihr, die für die Gewährung von Gnadenerweisen und für das Ablasswesen zuständig ist. Nur leider ist das den meisten Katholik_innen Ihrer Zeit nicht mehr bewusst. Allerdings hörte ich, wie im vergangenen Sommer anlässlich des Weltjugendtages wieder von Ablass gesprochen und so das Thema erneut ins öffentliche Bewusstsein gerückt wurde.

Zum Umgang mit der Ehelosigkeit der Priester hat Martin als Augustinermönch seinen ganz eigenen Weg gewählt. Noch heute bin ich ihm zutiefst dankbar, dass er sich öffentlich zu mir bekannt und uns damit das üble Versteckspiel erspart hat. Sicher sind die Menschen, Männer wie Frauen, die um der Nachfolge Christi Willen freiwillig auf Ehe und Familie verzichten bewundernswert. Zu allen Zeiten verdienten sie Hochachtung und Unterstützung, niemals wurde dies angezweifelt. Nur die Verpflichtung dazu ist nach wie vor ein Problem.

Allerdings sind auch Ehepartner_innen und Kinder eine nicht zu unterschätzende Quelle geistlicher Erfahrung. In der Ehe kann die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung und die Liebe Christi zu seiner Kirche im wahrsten Sinn des Wortes ebenso hautnah erfahrbar werden, wie auch der Schmerz, wenn dieses Geschenk der Liebe nicht (mehr) erwidert wird oder erkaltet und stirbt. Und niemand kann die wirklichen Fragen nach dem Leben besser stellen als Kinder mit ihrem ungetrübten Blick auf das Wesentliche und Heranwachsende mit ihrem untrüglichem Sinn für Authentizität und Wahrhaftigkeit.

Was meinen Sie eigentlich mit den „ Wonnen der Empfängnisverhütung“? Den Versuch, eine Schwangerschaft zu verhindern, gab es zu allen Zeiten, jedoch weniger effektiv als zu Ihrer Zeit. Halten Sie es wirklich für eine „Wonne“, sich täglich Hormone zuzuführen oder Kondome zu benutzen? Da habe ich aber auch schon anderes gehört! Und wo, bitte schön, wird über „die Wonnen der Empfängnisverhütung“ gepredigt? Das würde ich mir gerne einmal selbst mit meinem Mann zusammen anhören. Und seien sie sicher: sechs Kinder, wie Martin und ich sie hatten, sind und waren zu keiner Zeit ein Zuckerschlecken!

Nun zu Ihrem Passus über die Pastorinnen: sie haben Recht, mein Mann Martin hielt wenig von Frauen im öffentlichen Leben. Zu unseren Lebzeiten spielten wir Frauen ohnehin eine untergeordnete gesellschaftliche Rolle. Dennoch hat Martin zum einen immer dem Volk aufs Maul geschaut, und das denkt beim Thema Pastorinnen/Priesterinnen zum überwiegenden Teil ganz anders als Sie, Herr Matussek (was aber nach wie vor in der römisch-katholischen Kirche kaum eine Rolle spielt). Zum anderen war mein Mann ein begnadeter Theologe und Exeget. Hätte er bereits damals das Wissen über die Entstehung und die Hintergründe der Bibel gehabt, auf das Ihr heute zurückgreifen könnt, dann hätte er über Frauen in der Öffentlichkeit und der Kirche ganz anders gedacht und seinen 95 Thesen mindestens eine weitere hinzugefügt!

So, ich hoffe, dass Sie mit meinen bescheidenen Anmerkungen Ihren Rückstand in Sachen Modernes über die Reformation ein wenig aufholen können. Ihr freches Mundwerk bereitet Martin und mir nämlich ein großes Vergnügen, nur die Inhalte benötigten manchmal ein wenig mehr Substanz...

Ansonsten: Nichts für ungut! Immer schön weiter reformieren! Das wird schon!

Ihre Katharina von Bora


P.s.: Übrigens: Rote Schuhe liegen voll im Trend!

1 Kommentar:

  1. P Hagenkord sj hat eine schöne Predigt gehalten am Sonntag bei Radio Vatikan zum Thema "Ich weiß, wo es richtig langgeht im Glauben."Lieber Herr Matussek.

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.