ACHTUNG: Zur Zeit gibt es bei Blogger Probleme mit dem Internet Explorer. Videos können beispielsweise nicht angesehen und Kommentare nicht abgeschickt werden. Bitte in diesem Fall einen anderen Browser wie z.B. Firefox benutzen!

Montag, 19. Dezember 2011

Crashkurs Weihnachten: 4. Engel - Boten zwischen Himmel und Erde

Einleitung und Links zu allen Teilen dieser Reihe siehe hier.

Weihnachten ohne Engel geht gar nicht. Sie gehören einfach dazu, in Wohnungen, Geschäften, an die Krippe und natürlich in die Krippenspiele. Engel sind überaus beliebt. Wörtlich übersetzt bedeutet Engel „Bote“ womit ihre eigentliche Aufgabe schon beschrieben ist.


Allgemeine Vorstellungen von Engeln

Fast jeder_r hat eine Vorstellung von „Engeln“. Sie sind keine exklusiv im jüdisch-christlichen Umfeld vorkommende Wesen, sondern finden sich in fast jeder Hochreligion und darüber hinaus. Als Begriff in die Suchmaschine eingegeben, ergibt „Engel“ weit über 10 Millionen Treffer mit den unterschiedlichsten Facetten. Das Bild ist dabei zum einen geprägt von Kunst, Kitsch und Kommerz. Liebliche Engel und solche, die Zuversicht vermitteln und Schutz bieten sollen, prägen das Bild. Aber auch die Esoterik ist stark vertreten, denn dort spielen Engel eine wichtige Rolle. Unsichtbar stehen sie Menschen zur Seite. Manche sollen Kontakte zu Verstorbenen herstellen und Botschaften von ihnen übermitteln, die dann von (dafür oft gut bezahlten) „Medien“ an Orientierung Suchende weitergegeben werden.

Ihre Gestalt ist in verbreiteter Vorstellung menschenähnlich. Manchmal sind es kräftige, gut gebaute Männergestalten,
manchmal spärlich bekleidete, propere Kleinkinder. Flügel gehören bei den Alltagsvorstellungen über Engel - wie auch in der Kunst - unbedingt dazu. Sie ermöglichen ihnen, in Gedankenschnelle von einem Ort zum anderen zu kommen und für einen, „ihren“ Menschen da zu sein. So verbindet sich heute mit dem Begriff „Engel“ vor allem die Vorstellung von „Schutzengeln“, von transzendenten Wesen, die Halt geben sollen in einem unsicheren Leben. Die biblische Sicht auf diese himmlischen Boten kommt in der Öffentlichkeit eher selten vor.

Vor allem ist die Rede von Engeln fast immer stark emotionsbeladen, was es schwierig macht, mit einer gewissen Sachlichkeit über sie zu sprechen, ohne dabei Vorstellungen und vor allem Gefühle zu verletzen. Hier soll es im Folgenden um biblische Vorstellungen von Engeln gehen.


Biblische Vorstellungen von Engeln

Ein Blick in das erste Testament zeigt, dass die Vorstellung von Engeln nicht einheitlich ist, sondern sich entwickelt und ausdifferenziert. Frühe Texte überliefern vor allem Erscheinungen des „Engels des Herrn“, der oft nicht von JHWH selbst zu unterscheiden ist. Die Erzählungen changieren: Kämpft Jakob am Jabbok mit einem Mann, einem Engel oder mit Gott? (Gen 32,25-29) Erhält Abraham Besuch von drei Engeln oder ist es doch JHWH selbst, der ihm die Geburt eines Sohnes verkündet? (Gen 18) Überlieferungen von der Erscheinung eines Engels sind Ausdruck der religiösen Erfahrungen von Menschen, die erleben, dass Gott sich ihnen zuwendet, ihnen sehr nahe kommt und eine Botschaft zukommen lässt.

Allerdings handeln nicht alle biblischen Engelerzählungen nur vom expliziten Überbringen einer Botschaft. Engel können auch Wegbegleiter sein, einen Weg versperren oder gar Zerstörung bringen, ausgerüstet wie ein Krieger. So zeigen die Überlieferungen der heiligen Schriften ein weit differenziertes Bild von Engeln. Sie sind geheimnisvoller, größer als es auf den ersten Blick scheint. Gemeinsam ist ihnen, dass sie immer auf Gott verweisen, eine Beziehung herstellen zwischen ihm und den Menschen, dabei aber selber weit im Hintergrund bleiben. Claus Westermann hat schon vor Jahren sehr treffend formuliert: „Der Engel kommt ins Sein mit seinem Auftrag, er vergeht mit der Erfüllung seines Auftrags, denn seine Existenz ist Botschaft.“ (Claus Westermann: Gottes Engel brauchen keine Flügel (1958), München/Hamburg 1965, S. 7)


Engel in den neutestamentlichen Kindheitsgeschichten

Im Neuen Testament, in den Überlieferungen des Matthäus- und des Lukasevangeliums rund um die Empfängnis und Geburt Jesu, spielen Engel eine bedeutende Rolle. Sowohl die Geburt Johannes des Täufers wie auch die von Jesus werden im Lukasevangelium durch einen Engel angekündigt. Während an anderen Stellen vom „Engel des Herrn“, einem Engel oder „Boten“ allgemein gesprochen wird, hat dieser Engel jedoch einen Namen: Gabriel. Es müssen also ganz besondere Kinder sein, um die es da geht, wenn sie von so einem besonderen, mit Namen benannten und dadurch mit einer gewissen Individualität ausgestatteten Gottesboten angekündigt werden! Gabriel tritt dabei, wie es sich für einen Boten gehört, ganz hinter seine Botschaft zurück. Nicht er steht im Mittelpunkt, sondern die Botschaft und derjenige, von dem er gesandt wurde.

Die Hirten erfahren ebenfalls durch einen Engel von Jesu Geburt, der zwar an dieser Stelle bei Lukas namenlos bleibt, jedoch als „Engel des Herrn“ gekennzeichnet ist und so an die Boten des alten Bundes erinnert. Neben diesem Verkündigungsengel treten gegenüber den Hirten weitere Engel in Erscheinung, „ein großes himmlisches Heer“, die eine andere Rolle übernehmen: sie loben und preisen Gott für das Geschehen.

Im Matthäusevangelium begegnet auch Jesu Ziehvater Josef einem Engel in seinen Träumen: Zunächst wird er über die Geburt Jesu informiert und aufgefordert, bei Maria zu bleiben, auch wenn sie nicht sein Kind zur Welt bringt. Später wird er zur Flucht gedrängt um noch später wiederum zur Heimkehr gerufen zu werden.


Verbindungslinien zwischen den biblischen Texten über Engel bis zu uns heute

Bei diesen Geburtserzählungen höre ich Anklänge an solche Erzählungen des ersten Testaments, in denen ebenfalls Engel eine Rolle spielen:

(Mehr zu Josef und dem Träumer mit gleichem Namen wieder beim Nachbarn.) Mit diesen Verweisen knüpfen Lukas und Matthäus an Erinnerungen, Hoffnungen und Sehnsüchten ihrer Vorfahren und Zuhörer_innen an, die auch heute noch aktuell sind:
  • an die Hoffnung, dass es im Leben mit Gottes Hilfe weiter geht, auch wenn es aussichtslos erscheint; 
  • an Erinnerungen von Flucht und Vertreibung und dem sich neu Einwurzeln in einem fremden Umfeld; 
  • an die Sehnsüchte nach einem umfassenden Frieden auf Erden, der durchaus politisch gemeint sein kann, das gesellschaftliche und private aber wesentlich übersteigt; 
  • und an das Vertrauen auf einen begleitenden Gott, der sehr kreativ werden kann, wenn es ihm darum geht, uns Menschen durch seine Boten seine Botschaft zu vermitteln. 

Von geflügelten Wesen ist bei den benannten biblischen Erzählungen allerdings nicht unbedingt die Rede. Diese Vorstellung stammt eher von der Beschreibung der Kerubim in den verschiedensten Texten des ersten Testaments. Engel werden vielmehr mit einer normalen menschlichen Gestalt beschrieben (vgl auch: die drei Männer bei Abraham, Rafael im Buch Tobit, zwei Männer in leuchtenden Gewändern am leeren Grab). 

Diese Vorstellung von flügellosen Engeln mit überaus menschlichem Angesicht kann eine Brücke schlagen zur Bedeutung dieser göttliche Boten für uns heute. Denn eine Begegnung mit ihnen ist – auch jenseits aller Esoterik – nicht ausgeschlossen. Diese Erfahrung fasst Wilfried Schuhmacher zusammen mit den Worten:
Die schönsten Worte für die Möglichkeit einer Begegnung mit den himmlischen Boten hat meiner Meinung nach jedoch der Lehrer und Lyriker Rudolf Otto Wiemer gefunden, mit dem ich an dieser Stelle schließen möchte.

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel.
Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein,
oft sind sie alt und hässlich und klein,
die Engel.
Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand,
die Engel.
Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,
oder er wohnt neben dir, Wand an Wand,
der Engel.
Dem Hungernden hat er das Brot gebracht,
der Engel.
Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
und hört, wenn du ihn rufst, in der Nacht,
der Engel.
Er steht im Weg und er sagt: Nein,
der Engel.
Groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein –
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel.
Rudolf Otto Wiemer
aus: Rudolf Otto Wiemer, Der Augenblick ist noch nicht vorüber, Kreuz Verlag, Stuttgart 2001, (c) Rudolf Otto Wiemer Erben, Hildesheim.

Literatur: Welt und Umwelt der Bibel 4/2008: "Engel - Boten zwischen Himmel und Erde", Hg: Katholisches Bibelwerk

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.