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Samstag, 10. Dezember 2011

Geistliche Wege

Im Zusammenhang mit meinem Post "Woher stammt Jesus?" wurde ich im Kommentarbereich danach gefragt, was sich dahinter verbirgt, wenn ich von verschiedenen "Wegen" zu Gott spreche, denn allein Christus sei doch der Weg. Ich habe diese Frage dort beantwortet, möchte den Inhalt aber aus dem Kommentarbereich herausnehmen und in folgendem Artikel etwas ausführlicher darauf eingehen, was ich mit diesen "Wegen" meine.

Durch einen Kollegen bin ich auf das Bild gestoßen, dass jeder Mensch eine (oder mehrere) persönliche bevorzugte „Antenne(n)“ für Gott hat, mit denen er oder sie seinen Ruf empfängt, wobei Gott aber auf allen „Kanälen“ sendet. In dem Modell, auf das sich dieses Bild bezieht, werden neun "Antennen" oder geistliche Stile, ich sage dazu lieber "Wege", benannt. In „freier Wildbahn“ gibt es aber sicherlich mehr Möglichkeiten, Mischformen etc., so ein Modell hat ja immer Grenzen. Jeder Weg oder Stil hat seine Stärken, aber unvermeidlich auch Schwächen, wie ich kurz skizzieren werde. (Leider wurde daraus trotzdem ein ziemlich langer Beitrag ...)

Um folgende Wege/"Antennen"/geistliche Stile, den eigenen Glauben zu leben und auszudrücken, geht es:


1. Der sinnliche Weg nutzt die „Antenne“, Gott vor allem mit allen Sinnen zu lieben, mit einem ausgeprägten Sinn für Schönheit und im Genießen von seiner Schöpfung. Die Gefahr dieses Weges ist, sich dabei zu sehr von Äußerlichkeiten und Ästhetik abhängig zu machen und so den Blick auf und die Entwicklung von inneren Werten zu vernachlässigen.

2. Der rationale Weg liebt Gott mit dem Verstand, im Streben nach Erklärungen und Nutzen von Wissenschaft. Die Gefahr des rationalen Weges ist intellektueller Stolz. Auch Rationalismus kann fundamentalistische Züge annehmen, vor allem wenn dabei vernachlässigt wird, dass es im Glauben auch eine transrationale Dimension gibt.

3. Der rechtgläubige Weg hat die Stärke, Gott zu lieben in Wahrheit und Lehre, also mit dem Fokus auf die gesunde Lehre und mit Bezug zu dogmatischer Systemen. Dieser Stil steht dabei in der Gefahr, den eigentlichen Glauben mit der Lehre zu verwechseln, persönliche Erfahrungen zu vernachlässigen und zu trockener Abstraktheit zu neigen.

4. Der bibelzentrierte Weg liebt Gott vor allem mit den Worten der Bibel, also in Treue zur Bibel und durch die Verkündigung des Wortes Gottes. Hier besteht die Gefahr, Gottes Wort auf die Bibel zu reduzieren und das Verbale überzubewerten, demgegenüber aber das Hören auf die innere Stimme ebenso zu vernachlässigen wie nonverbale Ausdrucksformen des Glaubens.

5. Der missionarische Weg ist gekennzeichnet durch eine Gottesliebe in der Weitergabe des Glaubens, durch Konzentration auf Kirchenferne und durch Evangelisation. Eine übermäßige Außenorientierung ist ebenso eine Gefahr dieses Stils wie die Gleichsetzung von Glaube mit „Seelen gewinnen“ und einer Vernachlässigung von kirchlichen Traditionen und Gottes Schöpfung.

6. Der asketische Weg drückt sich aus durch die Gottesliebe in Einsamkeit und Schlichtheit, durch die Freiheit von Weltlichem und durch Opferbereitschaft. Die Gefahr besteht hier darin, eine sehr negative Sicht der „Welt“ und eine irrationale Leidensbereitschaft zu entwickeln und den Genuß der Schöpfung sowie den gesunden Menschenverstand zu vernachlässigen.

7. Der enthusiastische Weg liebt Gott in der Begeisterung und im Feiern, in Offenheit für das Übernatürliche und erlebt in all dem die Macht Gottes. Dieser Stil steht in der Gefahr, zu sehr empfänglich für Unbiblisches zu sein, den Verstand zu wenig einzusetzen und wissenschaftliche Lehren zu vernachlässigen.

8. Der mystische Weg liebt Gott durch grenzenlose Hingabe, durch das Bewahren des Geheimnisvollen Gottes und den Fokus auf den inneren Menschen. Die Gefahr dieses Stils besteht darin, Gott mit Gefühlen zu verwechseln und süchtig nach dem Geheimnisvollen zu werden, sowie Logik und biblische Maßstäbe zu vernachlässigen.

9. Der sakramentale Weg äußert seine Gottesliebe durch Rituale und Symbole, durch den Ausdruck des Glaubens in äußeren Formen, in Traditionen und Riten. Dieser Stil steht in der Gefahr, ein magisches Sakramentsverständnis und eine mangelnde Sensibilität nach außen zu kultivieren, wodurch die Bedürfnisse Außenstehender vernachlässigt werden können. Auch verbale Ausdrucksformen können zu kurz kommen.

Auch wenn unter diesen neun Stilen/Wegen ein explizit "bibelzentrierter Weg" genannt wird, ist bei allen neun die Grundlage immer das Evangelium und ein trinitarischer Ansatz, auf den ich hier aber nicht näher eingehe. Jeder Mensch fühlt sich den einen Wegen näher und anderen ferner. Es ist ein ziemlich komplexes System, das in dem Buch „Die 3 Farben Deiner Spiritualität“ von Christian A. Schwarz entfaltet wird.

Obwohl ich solche Einteilungen vom Prinzip her problematisch finde, hilft mir dieser Ansatz, mich selbst ein Stück dort ein- und zuzuordnen, wo ich mich geistlich "zu Hause" fühle. Zugleich wird mir bewusst, dass es durchaus andere "Wege/Stile" gibt, die es zu respektieren und zu achten gilt, von denen ich sogar lernen kann, auch wenn sie mir noch so fremd sind, weil sie eben Akzente betonen, die ich wenig oder gar nicht im Blick habe. Es gibt in diesem Modell kein besser oder schlechter, kein richtig oder falsch, sondern nur das, was mir vertraut ist und das, von dem ich lernen kann.

Mit diesem Modell konkret gearbeitet wird, nach dem, was ich im Netz dazu gefunden habe, im Rahmen der „Natürlichen Gemeindeentwicklung“, einer Art Gemeindeberatung. Auf der deutschen Homepage dieser offensichtlich weltweit agierenden Organisation findet sich eine interaktive Graphik, bei der durch Anklicken die verschiedenen Stile visualisiert aber nicht näher erklärt werden. (Vielleicht tue ich der "Natürlichen Gemeindeentwicklung" unrecht, aber mir scheint, mit dem Gesamtkonzept, in dem die oben skizzierten neun Wege nur eine winzige Facette sind, will man hauptsächlich gutes Geld machen...)

Kritik an diesem Modell kommt bislang nach meiner Netzrecherche vorwiegend aus der evangelischen Kirche aus konservativ-evangelikaler Richtung. Es wird dort als nicht ausreichend biblisch fundiert kritisiert. Hauptsächlich ein Artikel von Thorsten Brenscheidt wird mehrfach übernommen wie z.B. in diesem Blog. In dem Artikel finden sich, eingebettet in die Kritik, auch weitere Hintergründe zum größeren Zusammenhang, in dessen Rahmen dieses Modell zu sehen ist. Jede_r urteile am besten selber.

Kommentare:

  1. Hm, die Konzeption selber erscheint mir sehr rational-strukturalistisch zu sein. Die Realität ist wohl nicht nur komplexer, im Sinne von Mischformen oder weiteren Wegen, sondern sicherlich "ganzheitlicher". Ganz am Anfang, oder der Urgrund meines Glaubens ist weder biblisch, noch emotional oder mythisch oder gar rational. Da ist etwas in mir, wo mich Gott berührt hat, von diesem Zentrum aus strahlen diese vielen Wege ab, von denen ich vielleicht einen mehr bevorzuge als einen anderen. Aber dieses Grundvertrauen hat wohl sehr viel damit zu tun, ob ich mich geliebt, geborgen und sicher fühlen kann, ist eine grundlegende Erfahrung. Ich bezweifle, dass man rein rational zum Glauben finden kann, wie soll das gehen? Ich werde Gott nicht beweisen können und auch beim historischen Jesus stehe ich mit dem Markusevangelium vor dem leeren Grab und kann die Auferstehung glauben oder nicht. Da gibt es keinen rationalen Zugang, der endet beim Agnostizismus, oder?

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  2. Edith Stein ist rational an Gott gekommen und so mancher Naturwissenschaftler.Auch die ratio dürfte von Gott geschaffen sein.Die Kirchen haben Probleme mit der ratio, Gott nicht. Gott sucht sich Wege zum Menschen, die nicht jeder begreift. Gott festlegen auf nur so und nicht anders, ist leider üblich und auch ein Weg in den Unglauben. Die Berührungen Gottes begreifen und dann staunen. Das ist die Kunst, die der Mensch lernen müßte, sonst ist er Gottes Risiko, wie mal jemand gesagt hat, was allerdings auch menschlich eng gedacht ist..Gott wäre dann ein Zauberlehrling, der mit seiner eigenen Schöpfung am Ende ist.Weil er irgendwo nicht aufgepaßt hat.Ich denke, es ist alles sehr vernünftig, was mit Gott zu tun hat..unsere Denkweise ist oft falsch. Wir kapieren nichts, Gott wird dann nur geglaubt, möglichst wider alle Venunft. Komischer Gott.

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  3. Und es ist nicht so, dass die Naturwissenschaftler genau das finden, was sie glaubend erspüren? Warum werfen Philosophen dem Papst vor, immerzu von der Vernünftigkeit des Christentums zu sprechen, den Beweise dafür aber schuldig zu bleiben. So z.B. Kurt Flasche: "Benedikt XVI. etwa behaupte seit Jahrzehnten die Vernünftigkeit des Christentums, ohne das damit verbundene Programm eines umfassenden Nachweises dieser Vernünftigkeit auch nur im Ansatz auszuführen", was Flasch als „weit unter dem Niveau mittelalterlicher Scholastiker“ bezeichnete. Man muss wohl mit Augustinus antworten: "Wenn du es begreifst, ist es nicht Gott." Mir bleibt nur der Glaube an Gott, der Begriffene wäre ein komischer Gott, gelingt es mir kaum den Menschen, mich selbst zu begreifen.

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  4. die naturwissenschaftler sind offen in den antworten. der vernunftbegriff des papstes ist möglicherweise ein anderer?augustinus ist lange her.hat aber schon recht.stückwerk ist unser erkennen...der ganze gott ist es allerdings nicht, siehe dornbuschgeschichte.und wenn du einen teil erfahren hast, verwandelt er sich in den nächsten. es gibt auch noch gotteserfahrungen. gott ist kein gegenstand, der nur so oder so zu be greifen ist.bereits bei kunstwerken wird es problematisch mit dem erkennen.

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  5. @ Volker Schnitzler: Mir erscheint das Konzept auch reichlich konstruiert. Auf das, was Sie mit Grundvertrauen oder dem „wo Gott mich berührt hat“ sehr treffend beschreiben, geht es, soviel ich verstanden habe, nicht ein. Was es bedeutet, sich als „rationaler“ Typus mit Auferstehung zu befassen, kann ich nicht beantworten. So wie ich diesen Typ verstanden habe, ist der Verstand, die Logik, das Hinterfragen, auch von anderen Wissenschaften ausgehend, eben das, was ihm den Zugang zu Gott eröffnet. Aber da gibt es eben Grenzen bei dem, wo etwas nicht mehr begreifbar ist, sondern das Begreifen überschreitet.

    @ Teresa: Edith Stein ist möglicherweise ein gutes Beispiel für die rationale Herangehensweise und an die großen Personen, die Naturwissenschaftler_innen und Theolog_innen waren, denke ich auch bei diesem Typ.

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