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Dienstag, 13. Dezember 2011

Weihnachten: Geburt jenseits jeder Romantik

Viel Romantik findet sich rund um die Geburt Jesu. Selbst auf frommen Bildern der Rubrik "Geburtsdarstellung" hält eine entspannte, verträumt gücklich blickende Maria einen frisch gewaschenen, gut genährten Säugling auf dem Arm oder hat ihn vor sich in die Krippe gelegt. Keine verstrubbelten Haare über einem verschwitzten Gesicht, kein durch den Geburtsvorgang
zerknautschtes Köpfchen, kein schreiendes Kind, alles hübsch aufgeräumt, Stunden später. Ina Praetorius hat mich für diesen Widerspruch mit ihren Ansätzen zu einer Theologie der Geburtlichkeit sensibilisiert.

Schon Bertold Brecht hat Weihnachten in seinem Text "Maria" anders beschrieben, drastisch realistisch. Man wird förmlich hineingezogen in all die Armut und den Schmerz. Und er hat so seine Vorstellung davon, wie daraus Weihnachten zu einem rauschenen Fest wurde mit Königen, Engelsgesang und dem Stern überm Stall.

Jedes Jahr wieder bin ich angetan von diesem Gedicht, das wirklich verdichtet: die Realität einer gewöhnlichen Geburt mit der dieses besonderen Kindes, die alltäglich erlebbare Armut mit den alten biblischen Erzählungen, das Erleben und seine Deutung, die Austrahlung des Kleinen und das Leben des Erwachsenen. Ich finde es wundervoll, wie Bertold Brecht mit so wenigen Worten Alltag und Theologie zusammenführt.
Maria

Die Nacht ihrer ersten Geburt
war kalt gewesen.
In späteren Jahren aber
vergaß sie gänzlich
den Frost in den Kummerbalken
und rauchenden Ofen
und das Würgen der Nachgeburt
gegen Morgen zu.
Aber vor allem vergaß sie
die bittere Scham,
nicht allein zu sein,
die den Armen eigen ist.
Hauptsächlich deshalb ward es
in späteren Jahren zum Fest,
bei dem alles dabei war.
Das rohe Geschwätz der Hirten verstummte.
Später wurden aus ihnen Könige
in der Geschichte.
Der Wind, der sehr kalt war, wurde zum
Engelsgesang.
Ja, von dem Loch im Dach,
das den Frost einließ,
blieb nur der Stern, der hineinsah.
Alles dies kam vom
Gesicht ihres Sohnes,
der leicht war,
Gesang liebte,
Arme zu sich lud
und die Gewohnheit hatte, unter Königen zu leben
und einen Stern über sich zu sehen zur Nachtzeit.

Bertold Brecht
Im Netz u.a. zu finden hier und dort.

Nachtrag:
Über das Thema "Theologie der Geburt" hat sich auch die evangelische Pastorin Hanna Strack Gedanken gemacht. Auf ihrer Seite findet sich z.B. ein Link zu diesem Artikel.

Kommentare:

  1. Weihnachten ganz sachlich. Ganz sachlich betrachtet handelte es sich eben nicht um eine Geburt wie jede andere, denn an einer solchen, darauf muss ich als Mann doch pochen, wäre mein Geschlechtsgenosse nicht nur Händchen haltend und "Pressen, Mariechen" murmelnd beteiligt gewesen. Nein es handelte sich eben um die Geburt Gottes, und dieses Ungewöhnliche, Unerhörte an dieser Geburt wollen traditionelle Darstellungen eben hervorheben. Die dazu verwandten Topoi stammen aus Zeiten, in denen den Menschen Schmerz, Schleim und Blut bestens vertraut waren, und in denen Frauen häufig derart gebeutelt von den eher alltäglichen Geburtsvorgängen waren, dass sie die Wehen nicht lange überlebten. Vermutlich wollten sie das alles nicht sehren, weil es für sie geradezu banal war,sie wollten Bilder der Hoffnung sehen. Insofern scheint mir Kritik an diesen Darstellungsweisen reichlich wenig sensibilisiert für den Entstehungszusammenhang der traditionellen Bilderwelten. Mir drängen sich zwei Fragen auf: Erstens- warum hat Brecht das nicht verstanden, dem in seinen Stücken sonst nichts zu holzschnittartig und keine Charaktermaske zu grob sein konnte, um seine Ideologie zu transportieren. 2. In was für Zeiten leben wir, wenn es Schweiß, Schmerz und einen Haufen Nachgeburt in der Krippe braucht, um die Menschen für die "Geburtlichkeit" Gottes zu sensibilisieren. Die Frage stelte ich mir schon bei Mel Gibsons Splatter-Movie. Im Übrigen fand ich als Kind das Wort Fleischwerdung immer sehr krass und konkret.

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  2. Der geistige Hintergrund wird auf diesen Bildern gezeigt. Ob es kalt war in diesemn warmen Land?Es wird keine Volkszählung im Winter stattgefunden haben.Es gibt ein Gemälde, da wird das Kind gewaschen, da ist alles ganz normal und das finde ich dann eher..seltsam.Warum haben die Betrachter nicht Phantasie, warum muss alles angepaßt werden?Die Anpasserei verfremdet.

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  3. Nähme es etwas von der Besonderheit dieses Neugeborenen, wenn man sich die konkrete Geburt vorstellen würde? Dass Männer dabei waren, bezweifle ich. Gebären war und ist Frauensache, die Anwesenheit von (Arzt-/Ehe-) Männern noch relativ neu. Hebammen, Freundinnen, Schwestern und andere weibliche Verwandte oder Doulas standen und stehen den Gebärenden zur Seite.

    Es war keiner der späteren Zeugen bei der Geburt dieses besonderen Kindes dabei, an seinen Anfängen gab es ja zunächst wenig Interesse. Aber, und das finde ich schon auffällig, das Motiv des Gebärens wird Gott ja in mehreren Texten zugeschrieben (z.B.Jes 42,14 Ich hatte sehr lange geschwiegen, ich war still und hielt mich zurück. Wie eine Gebärende will ich nun schreien, ich schnaube und schnaufe) und im Rahmen der Formulierung der ersten Glaubensbekenntnisse wurde es sehr wichtig zu betonen, dass dieser Gottmensch Jesus Christus "gezeugt, nicht geschaffen" und geboren wurde. Es wird viel Wert gelegt auf die "zweite" Geburt durch die Taufe und das neue, ganz andere Leben des Auferstandenen, es wird unsere und Jesu Geschöpflichkeit betont, aber das ursprüngliche Geborensein, dass uns alle untereinander und miteinander und auch mit Jesus verbindet, kommt so kurz, bzw. wird dezent als bekannt vorausgesetzt.

    In der Zeit meiner eigenen Schwangerschaft und des Gebärens habe ich nach Worten und Vorbildern gesucht, die mir das Unbegreifliche geistlich deuten und habe nichts dazu gefunden. Vielleicht geht es vielen Frauen so, die durch die konkrete Vorstellung des Gebärens Mariens in ihr eine Schwester sehen könnten und sich so wie sie als Mitschöpferin verstehen lernen. Denn wir alle sind "gezeugt, nicht geschaffen", real geboren und nicht als "Kopfgeburt".

    Deshalb finde ich den Blick auf den realen Akt der Geburt und in der weiteren Folge auch auf die Auferstehung samt den diese beiden Ereignisse umgebenden Bilder - z. B. geboren in einer Höhle, auferstanden aus einem Grab in einer Höhle: beides erinnert an "Geburtshöhlen" - gerade als Frau als etwas was mich zutiefst in meinem Inneren berühren kann – gerade weil es neben aller Sachlichkeit noch um viel mehr geht.

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  4. als maria mutter wurde, war es normal, kinder zu bekommen.es war auch normal, in einer hütte zu leben. die anthroposophischen gemälde zeigen das kind als lichtkugel und maria drumherum.

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  5. Als Mann kann man, so denke ich, nicht viel dazu sagen. Schließlich ist Gebären wirklich Frauensache - auch wenn ich bei der Geburt meines Kindes dabei war.

    Ich finde die Vorstellung, dass Maria, da völlig sündlos, ohne Schmerzen gebar, sehr gut.

    Als Kaiserschnittgeburt finde ich, man sollte den schmerzvollen Geburtsvorgang nicht mystifizieren als sinnstiftendes Fundament des Menschseins und der Gottesbeziehung.

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  6. Geburtsschmerzen mit Sünde in Verbindung zu bringen finde ich höchst problematisch (trotz Gen 3,16)! Haben die Frauen, die viele Schmerzen haben, mehr gesündigt als die Glücklichen, bei denen es schnell und schmerzarm geht? Schmerzen gehören zur Unvollkommenheit menschlichen Lebens dazu, jenseits aller Moral.
    Es geht mir auch nicht darum, etwas zu mystifizieren, schon gar nicht den Schmerz, sondern auch dem Geburtsereignis eine Be-deutung zu geben, auch dem "Einschnitt" ins Leben durch eine Kaiserschnitt-OP.

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  7. @Ameleo
    Naja, an meinen Einwänden redest Du ein wenig vorbei. Ich finde eben nicht, dass die traditionellen Darstellungen irgend etwas romantisieren. Sie stellen vielmehr das Wesentliche dar. Meinetwegen so wie Christus in Afrika gerne schwarz darzustellen um den Blick des Betrachters auf das wesentliche zu lenken: dass er ein Mensch war, und das ist jemandem, der vielleicht noch nie einen Weißen "live" gesehen hat, so einfacher zu vermitteln. Es geht bei diesen Darstellungen eben genau darum, dass es sich bei dieser Geburt nicht einfach um eine Frauensache handelt, und es darauf oder auf die Ärmlichkeit der Umstände zu reduzieren, verstellt den Blick auf das Wesentliche. Wie gesagt sehe ich da Parallelen zu Mel Gibson: der will auch zeigen wie es wirklich war, und eine Geißelung hat wohl so ausgesehen, aber man sitzt von all dem realistischen Gewaltkitsch schockiert im Kino und kriegt kaum was von der Frohen Botschaft mit. Generell nervt mich diese Tendenz historisch-kritisch herauszuziselieren wie es wirklich gewesen ist, und dabei zu verdunkeln wie es wirklich ist. Denn das lineare Geschichtsverständnis des Historikers ist für den Glauben recht belanglos. Immerhin ist es doch das, was wir in jeder Messe feiern: all das ist gar nicht Vergangenheit, es ist höchst gegenwärtig. Und Maria ist nicht nur die Schwester der gebärenden Frauen. Wenn von Gott dem Vater als Gebärender die Rede ist, dann ist die gebärende Gottesmutter Maria doch noch vielmehr auch meine meine Schwester als Mann. Die große Schwester als Vorbild, dafür, dass es möglich ist, Gutes zur Welt zu bringen- man muss halt ja sagen. Und das alleinige Abstellen auf das Frausein Marias verdunkelt diese Botschaft.

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  8. Lass es uns mal ganz brutal so sagen, liebe Ameleo, wäre Maria Feministin gewesen, hätte sie... nein, müßten wir uns hier nicht auseinandersetzen.Stattdessen war sie Jungfrau und Mutter, hat den Willen Gottes erfüllt und also gibt es nur Ästhetisches.

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  9. @ Teresa: Sorry, aber was hat die Diskussion mit Feminismus zu tun?

    @ Alex: Wir haben unterschiedlichste Ausgangsfragen: Du fragst nach dem Wesentlichen des Textes, er ist deine Ausgangsposition. Ich gehe von meinen Erfahrungen aus und versuche sie in Beziehung zu setzen mit denen von Maria und anderen biblischen Texten. Und in den gängigen Deutungsmustern fehlt mir da einiges. Die Realität zum Beispiel.

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