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Dienstag, 17. April 2012

Auferstehung im Alltag

Ostern ist vorbei, auch wenn die Osterzeit noch bis Pfingsten andauert. Die Schule und Arbeit haben wieder begonnen, der Alltag hat uns wieder.

Wie ist das mit der Auferstehung? Ist sie ein einmaliges Ereignis, bezogen auf eine einzige hervorragende Person, derer regelmäßig gedacht wird, die für "irgendwann mal" verheißen ist, aber sonst mit dem Alltag wenig zu tun hat?

An mehreren Stellen wurde in den letzten Tagen diskutiert, ob man von einer "Auferstehung im Alltag", also einer "Auferstehung vor dem Tod" sprechen kann und darf. Für mich ist die Rede davon eine Selbstverständlichkeit, das Erleben selbst dagegen etwas sehr Besonderes. Wie sonst außer im Anknüpfen an menschlicher Erfahrungen, im Nutzen von Bildern und Vergleichen aus dem täglichen Leben könnte ich mich annähern an das, was mit dieser sonst unvorstellbaren Auferstehung gemeint ist?
Ich finde es sehr wichtig, in Bezug auf Auferstehung an besondere Alltagserfahrungen anzuknüpfen und dafür zu sensibilisieren, dass im Besonderen des Alltäglichen bereits etwas erahnbar sein kann, von dem wir glauben, dass es einmal sein wird.

Auferstehung ist für mich eng verknüpft mit dem "Schon" und "Noch nicht" des Reiches Gottes: es ist bereits angebrochen aber noch nicht vollendet. Nach Jesu Verständnis ereignet sich dieses Reich Gottes dort, wo "Blinde wieder sehen und Lahme gehen; Aussätzige rein werden und Taube hören; Tote aufstehen und den Armen das Evangelium verkündet" (Mt 11,5) wird. Matthäus beruft sich bei diesem Jesuswort auf einen noch älteren Text des Propheten Jesaja (Jes 35,5-6; 61,1).

Wenn das Reich Gottes und die Auferstehung etwas miteinander zu tun haben, dann könnte auch die Erfahrung, von einer Krankheit geheilt zu sein, etwas mit beidem zu tun haben. Aus Gesprächen mit Leuten, die eine schwerste Krankheit überstanden haben und mit ihren Angehörigen weiß ich, dass sie häufig die Genesung als eine Art Auferstehung zu einem neuen Leben erfahren haben, wofür sie überaus dankbar sind. Manche feiern nach einer lebensrettenden OP oder einem überlebten Unfall sogar einen zweiten Geburtstag.

Auch zu erleben, wie sich aus einer völlig verfahrenen Situation heraus plötzlich ein ungeahnter Weg in die Zukunft auftut, kann eine Ahnung von Auferstehung aufscheinen lassen. Wenn eine Beziehung, die beendet, "gestorben" erschien, "wiederbelebt" werden konnte, kann das natürlich sang- und klanglos nebenbei geschehen. Es kann aber auch als etwas ganz Besonderes und Großartiges erlebt werden, besonders, wenn sie den Beteiligten sehr viel bedeutet.

Auch diese kleinen Großartigkeiten wie das explosionsartige Aufleben der Schöpfung in jedem Frühjahr, die Geburt eines Kindes, Momente großen Glücks und tiefster Freude sind für mich Momente durch etwas von Auferstehung funkeln kann.

Solche Erfahrungen in die Nähe zu der Erfahrung der Jünger von "Auferstehung" zu bringen, ist eine Frage der Deutung. Nicht jede_r würde das so empfinden und formulieren. Neu sind diese Gedanken, vor allem die mit bezug auf eine Heilung allerdings nicht. Das griechische Verb, das für "auferstehen" verwendet wird, heißt: ἤγειρεν (egeirein). Es kommt in den Evangelien auch noch an anderen Stellen und in anderen Zusammenhängen vor. So findet es sich in Heilungsgeschichten wie bei der Heilung der Schwiegermutter des Petrus (Mk 1,31), der Erweckung der Tochter des Synagogenvorstehers Jairus (Mk 5,41) und der Heilung des Gelähmten (Mk 2,12), wird aber auch für "aufstehen" im Sinne von "sich erheben" gebraucht (Joh 11,29). Je nach Zusammenhang kann egeirein "aufstehen", "aufrichten", "aufwachen", "aufwecken" aber auch "sich aufständisch verhalten" bedeuten, immer aber geht es aufwärts.

Jesus nimmt in den Heilungen und besonders Totenerweckungen schon etwas von dem vorweg, auf das Israel bereits seit langem hoffte und was zuerst die Frauen, dann auch die Jünger an Ostern in seiner Person erfuhren: Mit dem Tod ist nicht alles aus, es gibt daraus ein Auf(er)stehen. Der Gott, auf den Jesus vertraute, ist ein Gott der Lebenden.

Die von Jesus geheilten Kranken und vom Tod Auferweckten bekommen in ihrem irdischen Leben eine neue Chance, auch wenn sie dennoch später an sein Ende gelangen. Sie selbst, ihre Angehörigen und alle Anwesenden sind jedoch durch diese Erfahrungen bereits schon einmal mit hineingenommen in einen Vorgeschmack auf die endgültige Auferstehung.

Das schmälert das Besondere der Auferstehung Jesu keineswegs. Die Erfahrungen der Jüngerinnen und Jünger mit dem Auferstandenen ließen sie verstehen: in Jesus zeigte sich ihnen der Christus, der von Gott nicht im Tod gelassen wurde. In ihm ist der Tod endgültig überwunden. Verstehen konnten sie dies, weil sie Jesus seinen Gott glaubten und eben, weil sie erste Begegnungen mit diesem "Auferstehen" bereits zuvor in besonderen Momenten in ihrem Alltag mit Jesus bereits gemacht hatten.

Von daher finde ich es wichtig, auch heute für solche Auferstehungsmomente mitten am Tag und mitten im Leben zu sensibilisieren, mit Erfahrungen, Bildern, Worten und Vergleichen, die uns heute zugänglich und vertraut sind. Klar ist dabei, dass sie niemals vollständig das beschreiben können, auf das wir hoffen. In Bezug auf die Auferstehung stehen wir eben wie in Bezug auf das Reich Gottes in der Spannung von "Schon" und "Noch nicht". Aber Auferstehung nur auf die eine Person Jesu und auf etwas Zukünftiges zu beschränken, halte ich für zu kurz gegriffen.

Am dichtesten entdecke ich Gedanken zum Thema "Auferstehung im Alltag" in der Lyrik, die ja zwischen den Worten immer sehr viel Raum lässt, ein "Mehr" des Dichters bzw. der Dichterin zu entdecken oder erahnen und ein eigenes "Mehr" hinzuzufügen.

Prägend ist für mich da das Gedicht "Auferstehung" von Marie Luise Kaschnitz:
Auferstehung 
Manchmal stehen wir auf,
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut. 
Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen. 
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken.
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus. 
Und dennoch leicht,
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung,
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht. 
Eine erste, kleine Auferstehung ist schon jetzt im Alltag möglich, endgültig erst "dann", wenn das heute Alltägliche eine neue Dimension bekommt, wie dieser für mich neue Text aus meinem Frauenkalender beeindruckend dicht (Ver-Dicht-ung eben ...) formuliert:
Auferstehung
Aus der Mittes des Todes
wird eine Stimme
mich wecken
komm, du, steh auf

von Leben durchpulst
werde ich aufstehen
und spüren
ich bin

dann wird mein Blick
dich suchen
und finden
im frühen Morgenlicht

wir werden uns
unsere Narben zeigen
ohne Vorwurf
ohne Schmerz

unsere Wunden
werden offen stehen
und einladen zur Begegnung
zum neuen Anfang

(Susanne Ruschmann. Aus: Im Wandel wachsen. Frauenkalender 2012 15. Woche)

Creative Commons LizenzvertragFrech.Fromm.Frau. von Ameleo steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Kommentare:

  1. Liebe Ameleo,

    das ist ein sehr schöner Text für Glaubende.

    Sonnige Grüße

    Elisabeth

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  2. Schöner Text,
    verzeih mir, wenn ich den Klugscheißer mach: ἤγειρεν ist eher auferwecken, drückt also aus, daß hier jemand anders handelt als der, der schließlich aufsteht. Auf(er)stehen im dem Sinn, daß Jesus das selbst tut, ist IMHO eher ἀνίστημι

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    1. Bezogen auf die Totenerweckungen wäre es durchaus schlüssig, statt der Aufforderung "Steh auf!" "Wach auf!" zu verwenden, bei den Krankenheilungen finde ich eine solche Übersetzung weniger stimmig.

      Letztlich kann ich die Frage nach der richtigen Übersetzung/Bedeutung von egeirein aber nicht wirklich diskutieren, weil mir entsprechende Sprachkenntnisse fehlen und ich so auf die Kompetenz anderer zurückgreifen muss.

      Mit meinen Gedanken beziehe ich mich u.a. auf einen Artikel in dem Heft "Auferstehung-Leben trotz Tod" der Reihe "Bibel und Kirche" des katholischen Bibelwerks (2/2009: http://bit.ly/Jgb29d). Auf Seite 100 schreibt Ulrike Metternich:

      "Vielen deutschsprachigen Bibelleserinnen und Lesern ist nicht bewusst, dass wenn es von Jesus heißt: "Er ist auferstanden..." (Mk 16,6) hinter dem deutschen Verb auf-er-stehen eine griechische Vokabel egeirein steht, die auch in Heilungsgeschichten immer wieder auftaucht, (…). Während von Jesus gesagt wird, dass er auf-er-steht, richten sich die geheilten Menschen einfach nur "auf". Die beiden Buchstaben "er" stehen wie eine "Glaswand", (…) zwischen der Auferstehung Jesu und dem Auf-stehen von Männern, Frauen und Kindern. Die griechische Vokabel egeirein bindet aber diese beiden Erfahrungen zusammen!"

      Auf der HP des Bibelwerks findet sich ähnliches:
      "Gesamtbiblisch wird die Auferstehungshoffnung nicht als eine rein jenseitige Vorstellung formuliert. Vielmehr wird immer wieder betont, dass Gott schon in dieser Welt zugunsten des Lebens handeln wird und gegen Todesmächte neues Leben ermöglicht (vgl. z.B. Ez 37).
      Im NT wird durch die Verwendung derselben Vokabel und Verbform "auf(er)stehen" (egeiro) für die Auferstehung Jesu und das Aufstehen geheilter Menschen (z.B. Mk 1,31; 5,42 u.ö.) sichtbar, dass der Glaube an die Auferstehung Veränderungspotenzial für das diesseitige Leben bereithält." (http://bit.ly/I6p24o).

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  3. "Auferstehung im Alltag" ist für mich auch selbstverständlich. Beunruhigend es anders zu sehen - wo wird das denn diskutiert? Kannst du mir die blogs nennen?

    Die Gedichte sind sehr schön. "Vom Leben durchpulst werde ich aufstehen und spüren ich bin" berührt mich tief, eine schönes Stoßgebet für über den Tag.

    Musste daran denken, wie ich das Bild von meinem Vater im Sarg sah und fand, dass er so 'geschunden' aussähe. Er hat ja auch viel mitgemacht in seinem Leben, meinte meine Mutter dazu. Die Hoffnung nach dem Tod zu SEIN, mit Gott, ist besonders. Aber der Alltag erfordert viele kleine Erlösungen, viel aufstehen und aufwachen.

    Die Gedichte schreibe ich mir ab.
    Danke,
    Huppicke

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    1. Da die Beiträge, auf die ich mich beziehe, schon in der letzten oder vorletzten Woche geschrieben wurden, muss ich da erst mal etwas forschen. Meld mich heute Abend/Nacht mit dem Ergebnis!

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    2. Also: Die Diskussion ist entbrannt im Anschluss an ein Zeitungsinterview mit Pfarrer Helmut Schüller (hier: http://bit.ly/I5y9pr). Schüller ist Mitbegründer der kirchenkritischen, österreichischen Pfarrer-Initiative (http://bit.ly/lb9JfS) und offensichtlich allein schon deswegen manchem ein rotes Tuch.

      Kath.net bezog sich auf das Zeitungsinterview (http://bit.ly/HSAGVF), dazu gab es wie immer etliche, respektlose wie ätzende Kommentare.

      Von den Blogger_innen, die sich auf Schüllers Rede von der "Auferstehung vor dem Tod" beziehen, hier die Artikel, die ich wiedergefunden habe:

      - "Bastian" hält „die Auferstehung vor dem Tod“ für einen kümmerlichen, "rhetorischen Ersatz für den Glauben an das, was Christus uns in Ostern verheißt" (http://bit.ly/JdPiux),
      - "Alipius" schreibt: "eine Auferstehung vor dem Tod ist wie das Betreten eines Zimmers vor dem Öffnen der Türe. Die Kopfschmerzen mag sich antun, wer will." (http://bit.ly/HS8Ne0).
      - "Bellfrell" hält die Rede von der Auferstehung vor dem Tod gar für Esoterik (http://bit.ly/HMF3wL,ziemlich weit unten).

      Weitere Beiträge konnte ich nicht wiederfinden, manches stand auch in Kommentaren zu anderen Themen.

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    3. Herzlichen Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast.
      Hm. Ich lese das mal. Diese Diskussion macht mir Unbehagen, nicht wegen der Inhalte unbedingt, sondern wegen des Tonfalls. Mal genauer gucken.
      Danke!

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