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Samstag, 28. April 2012

Für die Vielen

Viel wurde in der vergangenen Woche über das Schreiben Papst Benedikts an die deutschen Bischöfe diskutiert, in dem es darum geht, zukünftig bei den Wandlungsworten „Nehmet und trinket alle daraus: das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ zu sprechen. Das derzeitige "für alle" soll also zukünftig durch "für viele" ersetzt werden.

In dem wortreichen Schreiben des Papstes erläutert er, wie es zu dem "für alle" kam und welche Überlegungen, auch exegetischer Art, im Zuge des 2. Vatikanums zu dieser Formulierung geführt haben. Etwa in der Mitte seines Briefes kommt er auf den Punkt:

"In diesem Zusammenhang ist vom Heiligen Stuhl entschieden worden, dass bei der neuen Übersetzung des Missale das Wort „pro multis“ als solches übersetzt und nicht zugleich schon ausgelegt werden müsse. An die Stelle der interpretativen Auslegung „für alle“ muss die einfache Übertragung „für viele“ treten."
Er ist sich der Problematik seiner Entscheidung durchaus bewusst, wenn er wenige Zeilen später schreibt:
"...für den normalen Besucher des Gottesdienstes erscheint dies fast unvermeidlich als Bruch mitten im Zentrum des Heiligen. Sie werden fragen: Ist nun Christus nicht für alle gestorben? Hat die Kirche ihre Lehre verändert? Kann und darf sie das? Ist hier eine Reaktion am Werk, die das Erbe des Konzils zerstören will?"
Im weiteren Verlauf erklärt er, warum im Prinzip dem Sinn nach "alle" gemeint sind, aber mit Berufung auf den Wortlaut der Einsetzungsworte beim Abendmahlsbericht (wer war dabei?) bei Markus und Matthäus dennoch "für viele" gesprochen werden muss.

Auf dem Radio Vatikan Blog habe ich intentiv mit Pater Hagenkord um diese in meinen Augen Fehlentscheidung des Papstes gestritten. Zusammengefasst sehe ich folgende Probleme:

  • Wieder ein mal wird eine einsame autoritäre Entscheidung getroffen. In dem Brief wird zumindest nicht ersichtlich, dass es Gespräche gegeben hätte, die auch eine andere Entscheidung in den Blick genommen hätten. Warum zum Beispiel, setzt sich der Papst nicht bereits im Vorfeld mit denen zusammen, von denen der stärkste Gegenwind zu erwarten ist, als im Nachhinein sich später mit ihnen auseinander zu setzen?
  • Hier wird auf einmal mit der Bibel argumentiert, wo doch so häufig dem Argument der "Tradition" wesentlich größere Bedeutung zugemessen wird. Warum ist das in diesem Fall keine Beliebigkeit? Es scheint mir hier mehr um Zentralisierung, Macht und "angewandte Deutungshoheit" zu gehen.
  • Auffällig ist, dass - obwohl die Frage schon lange im päpstlichen Auftrag von der DBK diskutiert wird - jetzt die Umsetzung einer von oben gefällten Entscheidung verlangt wird, wo es zeitgleich intensive Bemühungen um traditionalistische Gruppierungen wie die Piusbrüder geht. Ich sehe da Zusammenhänge: es werden allerorten Zugeständnisse gemacht, die zwar den Umworbenen gefallen mögen, dafür andernorts großen Schaden anrichten. Was ist damit gewonnen?
  • Auch in der Vergangenheit haben sich bereits einige Priester herausgenommen, das vorgeschriebene "für alle" eigenmächtig in "für viele" um zu ändern. War das der "Gehorsam", der gerne aus diesen Kreisen von anderen gefordert wird??? Hier wird mit zweierlei Maß gemessen! Als Konsequenz daraus kann nur gelten: Egal was in den Büchern steht, es entscheidet der Zelebrant. Oder etwa nicht?
Die Bischofskonferenz hat sehr zurückhaltend auf den Brief reagiert. Die entsprechende Pressemitteilung fasst den Brief knapp zusammen und bewertet ihn als wichtigen



"... Impuls, die Übersetzung des Messbuches zügig voranzubringen."
Möglicherweise ist die Unentschiedenheit der deutschen Bischöfe in den vergangenen Jahren mit verantwortlich für diese römische Fehlentscheidung. Anscheinend haben Quertreiber immer wieder eine einmütige, rechtzeitige, der katholischen Kirche in Deutschland angemessene Entscheidung zu verhindern gewusst.

Wie aber ist die Rückkehr zu "den vielen" aus bibeltheologischer Sicht zu bewerten? Über die Seite des katholischen Bibelwerks bin ich auf einen Text von Prof. Dr. Thomas Söding gestoßen, den ersten, dessen Argumentation ich ernst zu nehmen finde. (Inzwischen gibt es derer mehr, siehe unten.) Auch er findet:
"Unglücklich ist die zeitliche Verquickung mit der erwarteten Lockerung des Verbots, die tridentinische Messe zu feiern. Denn die Traditionalisten sind nicht davor zurückgeschreckt, die Gültigkeit der vatikanischen Liturgie zu bezweifeln. Sie behaupten, die Wendung „für alle", die zum Beispiel auch in Italien, England und den USA verwendet wird, sei eine Häresie." 
Im Folgenden setzt sich Thomas Söding mit der Argumentation des Briefes auseinander und analysiert:
"Für die Vorschrift werden drei Gründe geltend gemacht: erstens die höhere Wörtlichkeit der Übersetzung sowohl gegenüber den biblischen Quellentexten als auch gegenüber der römischen Liturgie, wo es „pro multis" heißt; zweitens die größere Einheitlichkeit des Hochgebets in den verschiedenen Landessprachen; drittens die Vermeidung des Mißverständnisses, es gäbe eine Art Heilsautomatismus."
Das dritte Argument hält er für das schwächste, zum zweiten schreibt er u.a.:
"Wenn zwei dasselbe sagen, ist es noch lange nicht dasselbe....Im Deutschen ist „viele" der Gegensatz zu „wenige". Aber wer „viele" sagt, meint auch: nicht alle. Daher muß im Deutschen die Veränderung von „für alle" zu „für viele" als Einschränkung empfunden werden. Das ist nicht in allen Sprachen so. Es ist von Rom wohl auch nicht so gemeint. Aber alle Zeitungen haben es so gesehen, und die Gläubigen werden es so hören. „Für die Vielen" könnte vielleicht ein Ausweg sein. Eine solche Übersetzung ist aber kein gutes Deutsch, sondern nur Fachsprache von exegetisch gebildeten Theologen."
Ich gehe hier nur intensiver auf den exegetischen Teil ein, den des biblischen Bezugs. Thomas Söding schreibt:
"Das eucharistische Hochgebet ist kein direktes Zitat aus der Bibel. Es nimmt verschiedene Motive der neutestamentlichen Abendmahlsberichte auf und verbindet sie zu einem stimmigen Ganzen. (...) Die Gebete aller Kirchen gehen relativ frei mit den Evangelientexten um. Das irritiert viele, ist aber kein Zeichen von Willkür. Erstens mögen in die eucharistischen Gebete Traditionen eingeflossen sein, die ebenso alt sind wie die der Evangelien. Zweitens sind die Evangelientexte nicht als liturgische Formulare entstanden, sondern als erzählende Erinnerung an das Letzte Abendmahl Jesu. Auch Paulus stellt seine Herrenmahls-Überlieferung unter das Vorzeichen einer kurzen Erzählung: „In der Nacht, da er verraten wurde..." (1Kor 11,23-25). Ins Gebet eingebunden, wird, was damals, in der Nacht vor Jesu Leiden, geschah, Gegenwart. "
Das ist sind wichtige Einwände gegen ein aufkommendes fundamentalisierendes Bibelverständnis. In den Evangelien zeigt sich auch bezogen auf die Worte über das Brot und den Kelch keine Einheitlichkeit.
"Nach Markus und Matthäus steht das „Blut des Bundes" vor Augen, das Mose (nach Ex 24) geopfert hat, um den Sinai-Bund zu besiegeln. Nach Paulus und Lukas hingegen wird die Erinnerung an die Vision des Neuen Bundes beim Propheten Jeremia (31,31-34) lebendig. Das eucharistische Hochgebet sieht keine Alternative, sondern verbindet beide Motive." 
In seiner weiteren Argumentation zeigt Thomas Söding auf, dass "im paulinischen und lukanischen „für euch" (...) immer ein „für alle" angelegt" ist und dass, "das eucharistische Hochgebet (...) die lukanische und paulinische mit der markinischen und matthäischen Version [kombiniert] und (bislang) dafür die Formel gefunden [hat]: „für euch und für alle"."

Seine weiteren Überlegungen führen ihn zum Schluss:
"„Für alle" ist die sachlich richtige Wiedergabe des biblischen Textes. Sie entspricht auch am besten dem Sinn der Eucharistie. „Für viele" hingegen wirft im heutigen Deutsch Fragen auf, die im ursprünglichen Zusammenhang nicht bestanden. Man muß mühsam erklären, was gemeint - und vor allem, was nicht gemeint ist. Zumal die nachträgliche Veränderung wird Zweifel aufkommen lassen: Wird das Opfer etwa nicht mehr „für alle", sondern nur noch „für viele" dargebracht? Das kann doch nicht wahr sein, wird aber so verstanden werden. Jene, die zum Gastmahl der ewigen Herrlichkeit geladen sind, sind nicht wenige, sondern unendlich viele, nämlich alle. Wen Gott dann in seinem Reich willkommen heißen wird - wer will das wissen? Daß es alle seien, die eingeladen sind - wer wollte das nicht hoffen?"
Dass die deutschen Bischöfe nicht umhin kommen, die Anordung des Papstes durchzuführen, scheint klar zu sein. Ich wünschte mir allerdings, sie wären so mutig wie seinerzeits Paulus, der Petrus "ins Angesicht widerstand" weil er mit dessen Ansichten so ganz und gar nicht einverstanden war.

Wie ich oben bereits anmerkte, gibt es inzwischen etliche ernst zu nehmende Auseinandersetzungen mit dem "pro multis". Interessierte finden eine überaus umfangreiche und lesenswerte Linksammlung beim Münsteraner Forum für Theologie und Kirche.

Dort findet sich z.B. ein Link zu Prof. Dr. Klaus Müller, der hinter dieser Entscheidung ebenfalls kirchenpolitische Gründe sieht, etliche Verweise auf die Rezeption der päpstlichen Entscheidung in verschiedenen Medien und, und, und ...

...und: Bloggerkollegen Markus Gehling, dessen Blog "Kreuzzeichen" mir bislang noch nicht aufgefallen war. Er setzt sich in seinem Post "Ist eigentlich "alle" mehr als "viele"? - zur Diskussion um das Kelchwort Jesu" unter anderem auch mit "Freudengeschrei" "konservativer und traditionalistischer Initiativen" auseinander. Auch sehr lesenswert!

Für mich wird die Formulierung "für viele" in jeder Messe ein Fremdkörper sein und bleiben, der permanent an zentraler Stelle an eine unnötige, kirchenpolitische Fehlentscheidung an zentraler, den Glauben betreffender Stelle erinnert. Wie mich wird dies viele (an dieser Stelle vermutlich nicht "alle") befremden, mit den vorausschaubar entsprechenden Konsequenzen ...

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1 Kommentar:

  1. Grundsätzlich finde ich die ganze Aufregung reichlich übertrieben. Um die Irritationen abzumildern plädiere ich für die Wiedereinführung der Kanonstille. Doch halt, dann würden irgendwelche Verschwörungstheoretiker kirchenpolitische Dunkelmännermachenschaften vermuten: da versuchen doch die Verschwörungstheoretiker von rechts gemeinsam mit dem Kryptokonzilsrevisionisten in Rom die Kirche weg von der Wahrheit zu bewegen! In der una sancta ist immer großes Kino angesagt: die Dogmatiker von Rechts und Links beharken sich wieder! Man reiche Popcorn! Etwas ernsthafter: das alberne Treiben zeigt meines Erachtens sehr schön, was man davon hat, wenn das totalitäre Politikverständnis, das heuer ein unumstößliches gesellschaftliches Dogma darstellt, auf alle Bereiche des Lebens ausdehnt: man bekommt Politik, wie sie in Demokratien heute verstanden, in allen Bereichen des Lebens. Wir müssen nur noch anfangen Anwälte und Studienrätinnen zu Priestern zu weihen (warum auch nicht- wir sind ja überzeugt davon, dass diese als Politiker bis in unsere Ehebetten hineinzuregieren), dann haben wir die perfekte Kopie der großen Demokratie in der kleinen Kirche. Da wir uns wenigstens darüber einigen können, dass die Kirche kein Unternehmen wie jedes andere und auch kein Dackelzüchterverein ist: wie wäre es, zukünftig nicht mehr von Kirchenpolitik zu sprechen? Wenn man sich bemühen würde dieses Gewese von ritualisierter Demagogie und als gesellschaftliche Diskurse getarnter Massenkonditionierung einfach vor der Kirchentüre halten? PS: Alles gute zum Bloggeburtstag- mach weiter so.

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