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Mittwoch, 11. April 2012

Glaubst du, dass...?

Zurück aus dem Urlaub mit seinen eingeschränkten Internetmöglichkeiten und meiner daraus resultierenden (im Nachhinein sehr guten!) Entscheidung, vorübergehend die Kommentare abzuschalten, sind Meinungsäußerungen hier wieder möglich - auch für mich...

Der Predigtgärtner hat gestern auf eine interessante Umfrage aus Österreich verwiesen. Am Telefon wurden in der Karwoche 401 Österreicher_innen ab 16 Jahren Glaubenssätze vorgelegt und nach deren Zustimmung gefragt. So konnte beispielsweise bejaht oder verneint werden, dass auch Tiere oder Pflanzen "eine Seele haben", ob man daran glaubt "dass es Engel gibt, die das Gute verkörpern", dass "Gott die Welt erschaffen hat" oder "dass es eine Hölle gibt, in der man für schlechte Taten bestraft wird". Die prozentuale Zustimmung zu den "Glaubenssätzen" ist in einer Graphik dargestellt, die im Artikel um der besseren Lesbarkeit willen durch Anklicken vergrößert werden kann.

An die meisten der vom Glaubensbekenntnis abgeleiteten abgefragten Sätze glaubt weniger als die Hälfte der Befragten. Die Zeitung "Der Standard" folgert daraus:

"obwohl sich nur 17 Prozent als Atheisten bekennen ("Ich glaube, dass es keinen Gott gibt"), sind christliche Ideen weit abgeschlagen - auch den allen abrahamitischen Religionen gemeinsamen Glauben an ein Leben nach dem Tod teilen nur vier von zehn Befragten.
Das Glaubensbekenntnis, das sich in hohem Maße auf das österliche Geschehen bezieht, ist überhaupt ein Minderheitenprogramm."
Der Predigtgärtner bewertet dieses Ergebnis ähnlich negativ als "Die Leute basteln sich ihren Glauben am liebsten selber" und sieht den Glauben den Bach runter gehen.

Ich schätze das Ergebnis etwas anders ein: Könnte man hinter dem Ergebnis nicht ebenso gut vermuten: Die Österreicher_innen denken und glauben inzwischen selber. Sie kauen kirchliche Glaubensformeln nicht mehr einfach nur nach und können deshalb mit den offiziellen Formeln nur noch wenig anfangen. Nur wurde nach ihren Überzeugungen schlicht nicht wirklich gefragt! Außerdem werden sie bei ihrem tastenden Suchen nach im Alltag tragenden Formulierungen von ihren Kirchen nicht sonderlich unterstützt.

Denn was sie glauben, das lässt sich kaum aus dieser Umfrage und seinem Ergebnis erfahren. Was zum Beispiel bedeutet es für jemanden, der sagt, er glaubt daran, "dass Tiere eine Seele haben"? Im Kommentarbereich des Predigtgärtners wird deutlich, dass es durchaus gute biblische Gründe für eine solche Annahme geben kann.

Eine Schwäche der Umfrage liegt meiner Ansicht nach darin, dass sie keinen Raum für Erklärungen und eigene Formulierungen ließ. Es gab offensichtlich nur die Möglichkeit der Zustimmung oder Ablehnung, aber weder die Möglichkeit zu Erläuterungen noch zu Gewichtungen, was solche Umfragen in meinen Augen immer eher fragwürdig macht. Freie Formulierungen machen allerdings auch eine Auswertung wesentlich anspruchsvoller, differenzierter und nehmen dem Ergebnis das für eine Zeitung attraktive Plakative.

Wäre ich danach befragt worden, ob ich daran glaubte, "dass es Engel gibt, die das Gute verkörpern", hätte ich ehrlicherweise mit "Nein" antworten müssen. Denn in einer solchen Aussage sehe ich eine unzulässige Verkürzung von Engeln auf die "Verkörperung des Guten". Mein biblisch orientiertes Engelsverständnis sieht aber als erstes deren Botenfunktion und eine kaum zu überblickende Vielfalt von himmlischen Boten. Glaube ich deshalb überhaupt nicht an Engel? Das wäre mit meinem "Nein" als Antwort bei der Umfrage von mir so nicht gemeint gewesen, würde in der "Statistik" aber so interpretiert werden.

Oder die Frage nach dem Glauben daran "dass Gott die Welt erschaffen hat". Dass alles Existierende seinen Urgrund in Gott hat, davon bin ich selbstverständlich überzeugt. Dass die Welt historisch gesehen in sieben Tagen entstand, wie es evangelikale Fundamentalisten sehen, und wovon jeder vernünftig denkende Mensch sich nur entschieden distanzieren kann, glaube ich hingegen nicht. Unser beider "Ja" würde in der Statistik zusammengefasst, obwohl der dahinter stehende Glaube wohl nicht verschiedener sein kann. Wie also wird jemand, der nicht in die Kiste der Evangelikalen gesteckt werden möchte, auf die Frage nach der Erschaffung der Welt durch Gott antworten?

Am Umfrageergebnis gefreut hat mich das niedrige Ergebnis bei der Frage nach der Existenz einer "Hölle" oder dem personifizierten Bösen, dem "Teufel". Nur 2% der Befragten glauben noch an eine "Hölle", immerhin noch 10% an die Existenz des "Teufels". Die Macht der Einschüchterung durch die "frohe Botschaft" ist offensichtlich glücklicherweise zurück gegangen! Hier stellt sich mir wiederum die Frage, wie das Ergebnis wohl ausgesehen hätte, wenn andere Formulierungen für die Fragestellung benutzt worden wären und man statt nach dem "Teufel" nach der Existenz "des Bösen in der Welt" gefragt hätte und anstelle der Frage nach der "Hölle" nach einer möglichen Verantwortung für das eigene Handeln über den Tod hinaus. Ich gehe bei einer solch geänderten Fragestellung von einem ziemlich anderen Ergebnis aus!

Die Situation einer telefonischen Umfrage lässt Rückfragen, Nachdenken und Differenzierungen allein schon aus zeitlichen Gründen nicht zu. Sie können daher nicht in ein ernst zu nehmendes Ergebnis einfließen.

Die Frage "Glaubst du, dass ...?" steht darüber hinaus allerdings auch grundsätzlich außerhalb eines liturgischen Kontextes in der Gefahr, in die Irre zu führen. Im Rahmen der Liturgie, also in einem Gemeindegottesdienst, einer Tauffeier, der Tauferneuerung z.B. während der Osternacht o.ä. ist kein Raum zur persönlichen Entfaltung eines eigenen Glaubensbekenntnisses. Hier reihe ich mich beim Sprechen der uralten Worte des Glaubensbekenntnisses ein in eine breite Glaubensgemeinschaft, die als Minimalkonsens diese Sätze formuliert und tradiert hat. Meinen eigenen Glauben bette ich ein in diese Sätze. Seit dem Lesen des Publik-Forum-Dossiers zum Credo sind mir beim Sprechen dieser Worte neu auch alle die im Sinn, die über die Jahrhunderte immer wieder ausgegrenzt wurden, eben weil sie in Bezug auf ihren Glauben zu anderen Formulierungen und Überzeugungen gelangten.

Außerhalb dieses liturgischen Rahmens, (in der die Frage übrigens nicht lautet "Glaubst du, dass...?" sondern "Glaubst du an...?" worin ich einen wesentlichen, qualitativen Unterschied sehe!), in dem ich auf formelhafte Fragen ebenso formelhaft liturgisch antworte, darin aber unendlich viel mehr mitschwingt, geraten Fragen nach dem Glauben, wenn sie nur ein Entweder-oder zulassen, schnell in die Gefahr einer unzulässigen Verkürzung.

Der/die Fragende muss sich dabei die Frage nach seinem/ihren Erkenntnis leidenden Interesse gefallen lassen:
  • Geht es um eine echte Frage, weil der/die Fragende selbst nach einer tragfähigen Antwort sucht?
  • Geht es um ein ehrliches Interesse an der befragten Person und ihrer Überzeugung, also um das Eintreten in ein Gespräch unter suchenden, vorsichtig formulierenden, sich gegenseitig bereichernden Dialogpartner_innen?
  • Oder geht es um das schulmeisterliche (besserwisserische) Abfragen von zu erratenden Antworten, um aus einer vermeindlich überlegenen Position heraus das Gegenüber be- und abzuwerten?
  • Oder was sonst soll mit einer solchen Frage erreicht und bezweckt werden?
Auch die Umfrage des "Standard" bleibt eine Offenlegung des zugrunde liegenden Interesses schuldig. Sie wird mit einer in der Karwoche höheren Sensibilität für und Attraktivität von religiösen Themen, den Erwartungen der Leserschaft und vor allem mit Verkaufszahlen zu tun haben, vermute ich.

Welche Erkenntnisse lassen sich nun meiner Ansicht nach gewinnen aus dem Beitrag des "Standards" in Bezug auf das, was "die Österreicher glauben"? An verwertbaren Aussagen über den Glauben der Befragten wenig, viel aber über solcherlei Art von Befragungen. Sie stellt die Sinnhaftigkeit der Abfrage von Glaubensfloskeln in Frage und verweist zudem erneut darauf, dass sich die Kirche nach wie vor damit schwer tut, ihre Glaubensinhalte so zu formulieren, dass sie auch von Pressemenschen und solchen, die Umfragen veranstalten oder sich daran beteiligen, verstanden werden.

Um aber eine solche verständliche Glaubenssprache zu entwickeln, hilft das wiederholte Rezitieren von vorformulierten Glaubensfloskeln nur wenig. Unsere Alltagssprache und unsere alltäglichen Erfahrungen bieten da ein unerschöpfliches Reservoir an alten und neuen, verständlicheren Bildern, Vergleichen und Formulierungen, die sich jedoch nur im vertrauensvollen Gespräch in die Verschiedenheit akzeptierender gegenseitiger Wertschätzung erschließen. Dieses Reservoir sollte auch von offizieller Seite wesentlich ausgiebiger genutzt werden!

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Kommentare:

  1. Interessante Gedanken. Besten Dank dafür.

    Hast Du den Artikel im Freitag zu den nächsten 10 Geboten schon gesehen?

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    1. Den kannte ich noch nicht. Ist in seiner Vielfalt sehr spannend, auch wenn ich nur mancher Begründung folgen kann. Danke für den Hinweis!

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  2. Seltsam - gerade eben schickte mir ein Leser den Link zu einer Umfrage in Österreich, die ganz im Gegenteil davon ausgeht, dass die Österreicher besonders religiös sind.

    http://www.rd-presse.de/pressemitteilungen/magazin-readers-digest/acht-von-zehn-osterreichern-glauben-an-gott

    Was lernen wir daraus?

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    1. Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast...

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  3. Zitat: Außerdem werden sie bei ihrem tastenden Suchen nach im Alltag tragenden Formulierungen von ihren Kirchen nicht sonderlich unterstützt./Zitat

    DAS ist der eigentliche Grund für den Niedergang der Kirchen. Dort werden Fragen beantwortet, die sich kaum jemand stellt, weil sie für sein persönliches, tägliches Leben völlig unwichtig sind, auch wenn der katholische Klerus sie ganz hoch hängen will.

    Andererseits werden Fragen die heute auftreten mit Antworten abgefertigt, die vor Jahrtausenden mal von einem nomadisierenden Wüstenvolk für deren Probleme gefunden worden sind.

    Und damit soll eine "Neuevanglisierung" Deutschlands, Österreichs oder gar Europas gelingen? Das klappt nie und nimmer, weil einfach niemand zuhört, wenn Fragen beantwortet werden, die für niemanden relevant sind, auch wenn die Missionare glauben, dass sie wahnsinnig wichtig sind, dies aber niemandem auch nur im entferntesten begreiflich machen können. Schade eignetlich, weil die Frohbotschaft im Kern wahr und wichtig ist, die Missionaren aber immer nur als Sündenzuweiser agieren.

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    1. Die "Antworten ..., die vor Jahrtausenden mal von einem nomadisierenden Wüstenvolk für deren Probleme gefunden worden", sind allerdings häufig in ihrer Bildhaftigkeit und Symbolsprache so offen, dass sie nach meiner Erfahrung durchaus auch heute noch sprechen können - im Gegensatz zu mancher lehramtlicher Äußerung, die einengt oder zumindest ein einengendes Verständnis provoziert.

      Zumindest können die alten biblischen Bilder dazu anregen - wie ich oben schon schrieb - nach eigenen Bildern und Symbolen in all ihrer Offenheit und Komplexität zu suchen.

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  4. Zitat:... sind allerdings häufig in ihrer Bildhaftigkeit und Symbolsprache so offen, dass sie nach meiner Erfahrung durchaus auch heute noch sprechen können/Zitat

    Also das finde ich absolut grossartig! jeder interpretiert dann alttestamentarische Texte nach seinem Belieben völlig willkürlich.
    Was würden Arbeitgeber wohl herauslesen? Die Rechtmässigkeit von Sklaverei und Leibeigenschaft, um kostenlos an Arbeitskräfte zu kommen?
    Und Ehemänner die mit einer Ehefrau nicht zufrieden sind legen sich einen abrahamitischen Harem zu? Und obendrauf ein kleinlicher Stinkstiefel als Oberaufseher, der so ab und an einen Treuebeweis durch Abschlachtversuche an den eigenen Kindern fordert. Ad maiorem dei gloriam! Halleluja!

    OK, fangen wir an zu suchen, in Offenheit und Komplexität, was immer das bedeuten mag. Wir werden schon was finden, was der katholischen Hierarchie in den Kram passt. Oder auch nicht.

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    1. In der Tat kann der Umgang mit Bildern und Symbolen auch missbraucht werden, wie hier sehr schön gezeigt wird.

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