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Mittwoch, 13. Juni 2012

Theologische und spirituelle Aufarbeitung der Missbrauchsfälle

Um das Thema Missbrauch durch kirchliche Amtsträger ist es ein wenig ruhiger geworden. Auf rechtlicher und kirchenrechtlicher Ebene haben sich entsprechende Vorgänge offensichtlich eingespielt. Die Dramatisierungen durch die Medien haben ebenso nachgelassen wie die Verharmlosungen und Bagatellisierungen an manch binnenkirchlicher Stelle. An vielen Stellen wurde das Schweigen gebrochen. Die Überlebenden bekommen Entschädigungen über deren Angemessenheit gestritten werden kann und muss. Manche bemühen sich um eine therapeutische Aufarbeitung des Geschehens.

Dass es über den rechtlichen, finanziellen und psychologischen Rahmen hinaus innerhalb der Kirche um noch mehr gehen muss, war Thema einer Veranstaltung beim Alternativprogramm zum Katholikentag. Peter Otten schreibt dazu auf seinem Blog "Theosalon":

Ein großes Unglück, ja eine Tragödie ist, dass die katholische Kirche die theologische spirituelle Ebene des Missbrauchs bislang nicht ins Wort gebracht hat. (...) Auch die theologische Dimension von Sühne, Versöhnung und Vergebung wird weiterhin konsequent ausgeblendet, wenn die Täterinstitution einseitig die Bedingungen für eine Entschädigung festlegt.
Im Alternativprogramm des Mannheimer Katholikentags gab es im Vorfeld eines Podiums "Die Täter, die Opfer, das System. Sexuelle Gewalt in der Kirche" eine Bibelarbeit, bei der die Pastoralreferentin Jutta Lehnert anhand der biblischen Geschichte von der Vergewaltigung des Mädchens Tamar durch ihren Halbbruder Amnon Täterstrategien aufzuzeigen versuchte. "Es muss erstaunen, dass wir in einem über 2500 Jahre alten Text ein solch klares Analyseinstrumentarium für Täterstrategien erkennen können", sagte sie dort. "Die Kirche hat diese Tradition des Einfühlungsvermögens und der Erkenntnis nicht genutzt; ein weiteres Beispiel dafür, wie weit sie vom biblischen Text entfernt ist."
Von Tamar, der Tochter Davids (2. Samuel 13,1-22) wusste ich zwar durch eigenes Bibelstudium, im liturgischen Rahmen aber habe ich noch nie etwas von ihr gehört. Um so beeindruckender finde ich die Zusammenfassung der Bibelarbeit von Jutta Lehnert hier bei Theosalon. Das, was wir heute über sexualisierte Gewalt und das Vorgehen der Täter wissen, ist in diesem biblischen Text verdichtet zusammengefasst: wie aus Phantasien Übergriffe werden, aus sexualisierter Gewalt Verachtung und Hass gegenüber dem Opfer, wie das Umfeld bagatellisiert, schweigt und Schweigen verlangt, das Opfer sich zunächst kraftvoll wehrt und später resigniert und innerlich zerbricht.

"Der Text ist bis zum Schluss einfühlsam und solidarisch auf Seiten des Opfers: „So blieb Tamar völlig zerstört im Haus ihres Bruders Abschalom wohnen.“ Wer den Text geschrieben hat, weiß um das Schicksal von Opfern und kennt die Folgen dieses Verbrechens." so Jutta Lehnert.
Überaus lesenswert! Von möglichst vielen!

Mehr zu diesem Bibeltext fand ich in einer Broschüre des evangelischen Kirchenkreises Halle im Zusammenhang mit dem Themenkomplex häuslicher Gewalt hier. Dort findet sich nicht nur der Text aus dem 2. Samuelbuch in verschiedenen Übersetzungen (u.a. aus der "Bibel in Gerechter Sprache" auf S. 7) nebst exegetischer (S. 9f) und psychologischer Deutung (S. 14ff), sondern auch ein Gottesdienstentwurf, in dem er eine zentrale Rolle spielt.


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Kommentare:

  1. Liebe Ameleo,

    herzlichen Dank für deine guten Informationen.

    Liebe Grüße

    Elisabeth

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  2. Aufregend zu lesen.

    Ich habe bei deinen Lesenswert links gestöbert heute Morgen. Da gibt es ganz viel zu entdecken. Ich freu mich .

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  3. Vielen Dank für den Hinweis auf die Bibelarbeit und den Theosalon-Blog. Die Bibelarbeit finde ich sehr klar und beeindruckend.

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  4. Was mir hier wieder ganz neu bewußt wurde ist doch wie alt diese Thema ist und doch hat noch keine Generation dazu gelernt. Keine Veränderung im Wesen des Menschen er ist und bleibt der selbe heute und morgen zu aller Zeit.

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    1. In der Tat ist das Thema uralt. Wir haben aber jetzt die Möglichkeit dazuzulernen, hinzuschauen, das Schweigen zu brechen und potentiellen Tätern deutlich die Grenzen aufzuzeigen. Dann bleibt "der Mensch" vielleicht derselbe, aber das Miteinander ändert sich.

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    2. @ Amelo: Wie stellen Sie sich das vor? Jeden erstmal unter Generalverdacht stellen?

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    3. Jeden unter Generalverdacht stellen ist sicher verkehrt und überflüssig. In der Vergangenheit wurde aber - wie in dem biblischen Text - trotz des sicheren Wissens(!) um Übergriffe zu häufig geschwiegen und der Täter gedeckt. Dieses Schweigen könnten wir zukünftig brechen und im Zweifel erst mal mit einer vertrauenswürdigen Person über den Verdacht sprechen.

      Wir können darüber hinaus Kinder in ihrer Selbstwahrnehmung und ihrem Selbstwertgefühl stärken in dem wir ihre Person und ihre Gefühle achten. Beispiel: Ein Kind hat sich weh getan und weint. Äußerungen wie: "So schlimm ist das doch gar nicht!" Oder: "Stell dich nicht so an!" gehen gar nicht und sind respektlos. Das setzt allerdings auch eine eigene innere Stärke und einen angemessenen Umgang mit den eigenen Gefühlen voraus.

      Wenn Interesse an dem Thema Gewaltprävention, wozu auch sexueller Missbrauch gehört, besteht, suche ich die Tage mal entsprechende Links raus. Gerade im kirchlichen Bereich hat sich da in letzter Zeit eine Menge getan!

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  5. Sicher Ameleo haben wir jetzt die Möglichkeit dazuzulernen, anderen die Grenzen aufzuzeigen durch die neuen Medien und was es alles gibt den Tätern auf die Spur zu kommen. Der Mensch wird sicher der selbe bleiben aber ob sich das Miteinander ändern wird möcht ich noch bezweifeln, denn dazulernen konnte man in jeder, zu jeder Zeit und hat es auch in manchen Bereichen, aber nicht was das Miteinander angeht da ist und bleibt der Mensch das was er ist.

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    1. Ich erlebe das anders, aber vielleicht meinen du und ich auch Verschiedenes.

      Wo sich z.B. ganz Entschiedenes im zwischenmenschlichen Umgang geändert hat, ist z.B. der Umgang zwischen Männern und Frauen. Natürlich gibt es auch in diesem Bereich "Spätzünder" und konsequente Ignoranten, gesamtgesellschaftlich gesehen hat sich da in den letzten 50 Jahren aber unwahrscheinlich viel getan. Heute ist z.B. Vergewaltigung in der Ehe ein Straftat, früher war es ein Recht der Männer.

      Aber wie gesagt: vielleicht meinst du etwas ganz anderes.

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    2. Und zwar ein Ego-Zentaur.Und der Ansicht, dass gerade er nicht ertappt wird.Vieles ist auch einfach nur krank und der Vernunft nicht zugänglich.

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    3. meine direkte antwort auf paradise ist woanders gelandet..

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  6. Im Zwischenmenschlichenbereich mag sich da schon viel geändert haben und ist sicher richtig das Vergewaltigung in der Ehe eine Straftat ist, aber und vielleicht mein ich da wirklich was anderes wie Sie. Auch wenn es zu mehr Aufklärung kommt und die Opfer bereiter sind zu sprechen und sich auch zu trauen werden die Taten ansich nicht geringer die sind garantiert noch genauso und hat sich nicht verändert. Mißbrauch ist noch genauso vorhanden in welcher Form auch immer nur das öffentliche Verständnis hat sich geändert. Nicht die Tat ansich.

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  7. Die Gesellschaft mit ihren Ansichten hat Kirche damals unterstützt und weigert sich offenbar, ihre Mitschuld anzuerkennen.Mißbrauchprozesse noch in den 70 ern endeten damit, dass die Mädchen ins geschlossene Erziehungsheim kamen.. Kirche isoliert von Gesellschaft zu sehen ist ein Unding. Es ist um die Opfer und Täter ruhig geworden, weil auch viele Opfer ihre Ruhe haben wollen, denn Medien sind nicht an Aufklärung und guten Umgang mit den Opfern interessiert, sondern an Auflagen.Es kommt beim kirchlichen Mißbrauch drauf an, was man verloren hat.Durch den Mißbrauch. Im Großen und Ganzen sind die Kirchenvertreter, die mit dem Thema umgehen können, r a r.Wer sich auskennt, weiß, kirchlicher Mißbrauch konnte nur dort stattfinden, wo das Elternhaus vorgearbeitet hat. Entsprechend wird eine Therapie einen ganzen Sumpf aufdecken. Kirche ist ein Teil davon.

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  8. Teresa_von_A. hat mich verstanden wie immer.

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  9. ich denke gerade daran, dass in berlin neulich wieder 2 frauen von ihren ehemännern ermordet wurden. und zwar öffentlich.dass sie im knast landen, oder gar ausgewiesen werden, hilft niemandem..beugt auch nicht vor, denn es kommt leider öfters vor.das sind nicht irgendwelche aus dem alten schlag, sondern junge männer.

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    1. Es gibt viele Gründe, warum jemand kriminell wird. Zu einem Teil sind auch Gesellschaft und Politik mit dafür verantwortlich. Mit den Hartz 4 Gesetzen wurde die Armut verschärft, verbreitert und zementiert. So schafft man sich Probleme, für die eben an anderer Stelle Geld ausgegeben werden muss und hat letztlich nichts gespart.

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    2. Liebe Ameleo ehrlich gesagt das ist mir zu einfach alles auf Gesellschaft und Politik oder einzelne Gruppen, Gemeinschaften, Kirchen abzuschieben und verantwortlich machen. Wer ist das denn das sind wir Menschen, die wir uns zwar gerne verändern möchten, besser werden möchten doch es einfach nicht können, weil wir so sind wie vor Annodazumal. Jede Generation in jedem Jahrhundert hat ihre Probleme, die sie selber lösen mussten und noch müssen. Angefangen beim Einzelnen Menschen und jeder mussen Wollen. Das ist für jeden einzelnen ein lebenslanger Prozess und Weg der sehr hart und steinig sein kann oder auch ist. Es ist kein einfacher Weg und es ist viel leichter auf andere abzuschieben, auf die Gesellschaft, die Politik oder Hartz 4, man muss schon auch selber was dafür tun, jeder einzelne ist gefordert. Jeder mit seinen Möglichkeiten und Berufungen und es müssen auch keine großen Taten sein. Ein lebenslanger Lernprozess, vielleicht der Auftrag jedes einzelnen Lebens. Ich selber sehe das als Auftrag, der sicher nicht leicht ist.

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    3. @ Paradise:
      Natürlich liegt ein großer Teil der Verantwortung bei dem und der Einzelnen. Deshalb habe ich auch nicht "alles auf Gesellschaft und Politik oder einzelne Gruppen, Gemeinschaften, Kirchen" abgeschoben, sondern bewusst geschrieben "Zu einem Teil sind auch Gesellschaft und Politik mit dafür verantwortlich."

      Es greift aber genauso zu kurz, alle Verantwortung auf die Einzelperson zu reduzieren. Große Institutionen wie der Staat und die Kirchen tun das sehr gerne und versuchen sich so aus der Verantwortung zu ziehen. In Sachen Hartz 4 frage ich mich schon, wer hat Interesse daran, Millionen Menschen in die Armut zu drängen und wer profitiert davon? Und dass soziale Ungerechtigkeit und Kriminalität zusammengehören, ist lange bekannt.

      Im Fall sexueller Gewalt scheinen es allerdings andere soziale und in der Persönlichkeit eines Menschen liegende Gründe zu sein. Und es bleibt vermutlich immer ein Rest bei der Frage nach den Ursachen von Gewalt, die sich rational nicht beantworten lässt.

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  10. @ Ameleo ich reduziere nicht auf die Einzelperson, aus was setzt sich denn eine große Instituionen, Staat, Kirchen usw zusammen sind das nicht alles Einzelpersonen mit gleichen Ineressen? Wer hat Interesse und profitiert davon sind das nicht auch Einzelpersonen, ja natürlich sind es nicht die Armen, es sind die Reichen, aber auch Einzelpersonen und dann lasst mal einen Armen (muss jetzt nicht jeder sein, nur angenommen) reich werden wird der dann nicht auch mit der Masse mitschwimmen es genauso machen wie alle anderen vor ihm, mit wenigen Ausnahmen.

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    1. Was also schlägst du vor außer dem fatalistischen und resignierten "Da kann man nix machen. Der Mensch ist und bleibt so (schlecht), wie er ist."?

      Ausgangspunkt meines Posts war die Beschäftigung mit der spirituellen und theologischen Dimension von Missbrauch und die Frage, ob sich der Mensch ändern kann. Da drehen wir uns im Moment im Kreis, denn es gibt den persönlichen Anteil, der zu dieser Form von Gewalt führt und den gemeinschaftlichen, institutionellen, des Deckens der Täter und des mangelhaften Schutzes der von Übergriffen Bedrohten etc.

      Bei uns im Bistum wird im Moment viel getan, um auf allen Ebenen für die verschiedenen Formen von Übergriffigkeit bis zu Gewalt zu sensibilisieren. Das ist der Teil an institutioneller Verantwortung, die da jetzt versucht wird zu übernehmen. Mein persönlicher Anteil ist, daraus zu lernen, wo ich selbst unangemessen agiere und reagiere, genauer hin zu sehen, wo mir unangemessenes, übergriffiges Verhalten begegnet und dann entsprechend Grenzen aufzuzeigen und Konsequenzen durchzusetzen. Ob das ausreicht, wird die Zeit zeigen. Aber früher wurde da eher weggeschaut und bagatellisiert. Da sehe ich eine Änderung.

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    2. Da kann man nix machen, dass sollte so eigentlich nicht rüber kommen. mir ist auch klar um was es ging im post. Vorallem der Aspekt ob sich der Mensch ändern kann hat mich ja inspiriert das zu schreiben. ich will auch gar nicht bestreiten das nichts getan wird aber man wird es nicht verhindern können diese Spirale der Gewalt, jede Art von Übergriff ist Missbrauch.
      Bei all den ganzen Gewalttaten, Missbräuchen, wo Männer ihre Frauen umbringen oder ihre ganze Familie es wird zwar aufgedeckt, darüber geredet, viel geschrieben und meistens steht es sowieso nur auf dem Papier weil Papier ja geduldig ist. Für alles gib es Standards und Richtlinien: nur hält sich jemand dran, nein. Wieviel schreibt der Papst, liest das jemand und wenn dann wird es auseinadergelegt und zerlesen und falsch interpretiert es mag nicht immer alles super sein, aber es gibt genug und wird nicht verstanden.
      Das ist wie eine Spirale. Gewalt löst wieder Gewalt aus, man hat sogar das Gefühl die Taten werden immer ausgefallener und raffinierter. Du fragst was ich vorschlage habe ich eigentlich schon geschrieben nämlich bei sich anzufangen, nur bei sich denn kein Mensch kann andere ändern man kann sich nur selber ändern. Es geht nicht durch andere Menschen, nur durch einen selber und eine höhere Macht (Gott) sag ich jetzt mal aber man muss selber was dafür tun, ohne Eigeninitiative geht gar nichts. Man braucht einen starken eigenen Willen. Dieser eigene Willen für das Gute muss/sollte gefördert werden. Wird es?gering höchstens.
      Hier ein Beispiel Aktenzeichen XY wieviele Jahre gibts das schon da wird zur Vorbeugung gezeigt wie Betrüger vorgehen, wird es besser nö eher noch gewalttätiger und brutaler. Auf Gewalt folgt Gewalt.
      Änderung ist gegeben hellhöriger ist man geworden ja...was macht man draus? nix.

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  11. da ist schon eine änderung. im hinschauen. fangt erstens bei den familien an mit den veränderungen, sodass kinder sich keine ersatzeltern suchen müssen. dann: fatalismus oder realismus. haben diverse gammelfleischskandale dazu geführt, das konsumverhalten(geiz ist geil) zu verändern? geht das überhaupt im hartz 4 zeitalter? deutschland hatte lange keinen krieg mehr. gehen die menschen freundlicher miteinander um? stichwort messerstecherei. was mich stört, wenn die dinge isoliert betrachtet werden, wie ich bereits sagte.kirche ist so aktiv wie gesellschaft es ihr erlaubt und die welt ruht sich zur zeit auf kirche aus.macht dann in der virtuellen welt weiter. doktort an symptomen herum.

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