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Montag, 4. Juni 2012

Ungeahnte Auswirkungen des zukünftigen "pro multis"

Vorsicht Satire! Als Nebenwirkungen können auftreten: anhaltendes Zucken in den Mundwinkeln und unkontrollierbares Grinsen; Kopfschütteln, Zornesröte oder Brechreiz.

Wie im Zusammenhang mit der als „Vatileaks“ benannten Affäre aus gut unterrichteten Kreisen bekannt wurde, hat die von Rom geforderte Änderung des Kelchwortes von „für alle“ in „für viele“ weit größere Auswirkungen für die gesamte Gesellschaft als bislang geahnt. Darin nur ein marginales, liturgisches Thema zu sehen, greift daher in dieser Angelegenheit wesentlich zu kurz. Die Kinder- und Chorarbeit ist davon ebenso betroffen wie die Naturwissenschaften, die Medizin genauso wie der Sport. Die Behauptung Benedikts, außer dem kleinen Wort "alle" ändere sich inhaltlich nichts, wird damit Lügen gestraft.

Im einzelnen:

Der Vatikan empfiehlt den deutschen Bischöfen nachdrücklich, auch in anderen Zusammenhängen als bei der Eucharistie, ebenso auch unabhängig von der Präposition "für", sehr genau die Angemessenheit der Nutzung des Wortes „alle“ in allen (sic!) Lebenszusammenhängen zu überprüfen und gibt als Beispiele folgende Hilfestellungen:

So mögen zukünftig in katholischen Kindergärten genauso wie in Kirchenchören Lieder wie: 1. „Alle Jahre wieder“, 2. „Alle Vögel sind schon da“ oder 3. „Alle meine Entchen“ vermieden oder geändert werden.

Zu 1.: Bei den Umbrüchen in den letzten 2000 Jahren der Kirchengeschichte könne nicht sichergestellt werden, dass wirklich jedes Jahr das Christuskind auf die Erde hernieder gekommen sei. Vermutlich handle es sich bei dieser Tradition gar um reformatorisches Gedankengut, welches auf Martin Luther selbst zurück gehe. „Viele Jahre wieder“ wäre daher dem Dahinterstehenden wesentlich angemessener, andernfalls möge dieses Lied aus dem Repertoire gestrichen und schon gar nicht mehr im Rahmen von katholischen, gottesdienstlichen Feiern gesungen werden.

Zum 2.: Es könne nicht davon ausgegangen werden, dass in jedem Frühling nach Abschluss des Vogelzuges wirklich sämtliche Exemplare des vergangenen Jahres in heimische Gefilde zurückgekehrt seien. Noch immer würden, wenn auch verbotenerweise, gerade in Italien aber auch anderswo, Singvögel in großen Netzen gefangen. „Alle Vögel sind schon da“ verbiete sich daher aus schöpfungstheologischer Sicht und müsse ebenfalls abgewandelt werden in „Viele Vögel sind wieder da“. Die dabei entstehende "rhythmische Unebenheit" ließe sich dabei verschmerzen. stelle auf performativer Ebene äußerst angemessen den schöpfungstheologischen Schmerz der Inhaltsebene dar. (wundervoll präzisierende Ergänzung durch Kommentator "dilettantus in interrete"; s.u.)

3.: Wesentlich und grundsätzlich zu überprüfen wäre im Zusammenhang mit diesem Lied die Frage: Wem gehören eigentlich die Entchen, von denen im betreffenden Lied gesungen wird? Wäre es nicht eigentlich nur recht und billig, dieses in der Vergangenheit beliebte Lied alleine den Entchenbesitzern und -besitzerinnen zu überlassen? Da nicht davon ausgegangen werden kann, dass die in Kindergärten oder Chören Singenden alle im Besitz von Entchen, gar von allen Entchen der Welt sind, wird aus vatikanischer Sicht ganz vom Singen dieses Liedes abgeraten.

Das ebenfalls in Kindergärten, Kindergruppen und Familien beliebte Spiel "Alle Vögel fliegen hoch!" möge aus ähnlichen Erwägungen ebenfalls nicht mehr gespielt werden. Eine Änderung in "Viele Vögel fliegen hoch!" würde in entsprechenden Kreisen vermutlich nur in den folgenden Runden (z.B. "Viele Tische fliegen hoch!") zu nicht enden wollenden Dialogen führen (Ein mit Gas gefüllter Ballon in Form eines Tisches kann ja tatsächlich fliegen; aber ist es in diesem Fall richtig von "viele" zu sprechen, wo es doch nur um einige wenige gehen kann?). Dialogprozesse lägen allerdings allein in den Händen der Bischöfe und könnten nicht unkontrolliert in die Verantwortung von Kindergärten, Kindergruppen und Familien gegeben werden.

Im Gotteslob werde im Zuge der Neuzusammenstellung mit großer Sorgfalt auf die Formulierungen bei kirchlichem Liedgut geachtet. So solle beispielsweise zukünftig „Viele Augen warten auf dich“ gesungen werden, da sich unter den Singenden auch immer Zweifelnde befinden könnten. Auch „Alle Tage sing und sage“ werde in „Viele Tage sing und sage...“ abgeändert, was der Tatsache der zurückgehenden Werktagsgottesdienste geschuldet ist. Denn viele Gläubige hätten tatsächlich nicht mehr die Möglichkeit, ein solches Lied täglich, also "alle Tage", im Rahmen einer Messfeier zu singen.

Auf wesentlich mehr Widerstände würden vermutlich die Umbenennung traditionell katholischer Feste stoßen. So wäre es gerade bei den ständig laufenden Heilig- und Seligsprechungsprozessen nicht mehr angemessen „Allerheiligen“ und „Allerseelen“ zu feiern, denn es sei nie klar, wer denn diese „alle“ Heiligen und Seligen seien. Nach einer entsprechenden kurzen Katechese in diesem Jahr sollten demnach ab November 2013 die Feste umbenannt werden in „Vielerheiligen“ und „Vielerseelen“. Die Kalenderverlage seien bereits informiert.

Auch im Bereich der Geographie wird sich das eine oder andere ändern müssen. Kann man guten, gläubigen Gewissens von einem „All“ sprechen ohne im Detail zu wissen, um was es sich dabei handelt? Die Astronomie kennt erst viele Sterne, lange noch nicht alle. Daher werden die Astronomen, die vatikanischen allen voran, zukünftig vom „Viel“ sprechen oder falls sich dies nicht durchsetzen lässt, möglicherweise auch vom „Universum“ (entsprechende Untersuchungen laufen aber noch).

Auch auf regionaler Ebene wird man sich umgewöhnen müssen. So liegen am kleinen sachsen-anhaltinischen und niedersächsischen Flüsschen „Aller“ etliche Dörfer und Städte mit dem Fluss im Ortsnamen. Wenn die „Aller“ erst einmal umbenannt ist in „Vieler“ (was im Rahmen des gesamten Umbenennungspaketes nur konsequent sein dürfte), müssten sich auch Städte wie Verden, Winsen oder Müden umbenennen in „Verden an der Vieler“, „Winsen an der Vieler“ oder „Müden an der Vieler“. Die durch die Umbenennung auf die Kommunen zukommenden Kosten könnten leider nicht aus kirchlichen Mitteln übernommen werden.

Eine heftige Auseinandersetzung steht im Bereich des Kegelsports bevor. Ist es legitim, weiterhin „Alle neune“ zu sagen? In diesem Fall handelt es sich ja tatsächlich nur um neun Kegel, die alle umfallen könnten. Doch darf man auf dermaßen profane Art dieses bedeutsame Wort benutzen? Eine entsprechende vatikanische Kommission beschäftigt sich momentan noch mit diesem Problem in Theorie und Praxis.

Zur Zufriedenheit des Vatikans geklärt hingegen ist die neue Sprachregelung im Bereich der Medizin: Aus der „Allergie“ wird zukünftig die „Vielergie“. Denn glücklicherweise ist kein Mensch auf der Welt bekannt, der auf sämtliche Stoffe mit einer Reaktion seines Immunsystems reagiert, immer nur sind es maximal "viele".

Schließlich würden auch Google und andere Suchmaschinen aufgefordert werden, ähnlich wie beim Thema Abtreibung, Artikel, die ein „für alle“ enthalten, nicht mehr anzuzeigen. (bitte einmal Versuchshalber eingeben, ob diese Forderung bereits umgesetzt wurde!).

Doch auch wenn es sich um eine sehr vertrauenswürdige Quelle handelt, die diese bislang geheimen vatikanischen Pläne entdeckt und exklusiv mir zugespielt hat, gilt auch bei diesem Post: Alle Angaben ohne Gewähr. Oder zumindest viele...


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Kommentare:

  1. Liebe Ameleo,

    von den Auswirkungen bin ich auch überrascht.

    Deinen Text studiere ich noch gründlicher.

    Liebe Grüße

    Elisabeth

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  2. Einerseits muß ich ja schmunzeln. Nett geschrieben.
    Aber andererseits kommt mir auch in den Sinn, daß Du vor einigen Tagen Dein (und anderer Verhältnis) zur Theologie thematisiert hast ... Du ahnst vielleicht, worauf ich hinaus will.

    Oder ich sage es nochmals anders: Mir fällt einfach auf, daß das Schreiben des Heiligen Vaters zu diesem Thema zumindest bei Teilen der Theologen mit einer gewissen, ich würde es fast: frustierten bis respektlosen Häme aufgenommen wurde - und diese scheint mir ähnlich gestrickt wie unsereiner gelegentlich Lamento auf die aktuelle Theologie.

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  3. "Die dabei entstehende 'rhythmische Unebenheit' ließe sich dabei" nicht einfach nur "verschmerzen". Nein, nein: Auf performativer Ebene stellt sie den schöpfungstheologischen Schmerz der Inhaltsebene vielmehr äußerst angemessen dar!

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