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Freitag, 1. Juni 2012

Was ich nicht verstehe. Oder: Mein Verhältnis zur Theologie

Leidenschaftlich gern bin ich Theologin. Lange Jahre habe ich es nicht geschafft, neben meiner Arbeit oder als ein Bestandteil dessen, mich theologisch so auf dem Laufenden zu halten, dass ich damit zufrieden gewesen wäre (auch wenn ich offenbar schon damals mehr gelesen habe als andere, wie mir immer wieder Kolleg_innen rückmeldeten). Zu lesen und studieren habe ich lange Zeit sehr vermisst. Etwas hat sich das gebessert, aber ich freue mich durchaus auf mein Rentnerinnendasein in weiter Ferne, wenn ich dann (hoffentlich!) wieder unendlich Zeit zum Lesen und Studieren haben werde.

Während meiner Studienjahre habe ich das, was mir an Wissen angeboten wurde, nur so aufgesaugt. Es waren sehr glückliche Jahre. Vieles war neu, manches fremd oder befremdlich. Manch Vorstellung von Gott, Jesus, Bibel und Kirche musste ich aufgrund des neuen Wissens und damit verbundenen Glaubens verändern, über Bord werfen, neu formulieren und damit letztlich vertiefen. Viele neue Fragen taten sich auf, ein Teil blieb und bleibt unbeantwortet. Ich erfahre die Theologie als ein großes Geschenk und unendliche Bereicherung für mich und meinen Glauben und schätze gerade ihre verändernde Kraft - bis heute.

Wenn ich nun in anderen Blogs stöbere, befremdet es mich, wie auf "die
Theologie", vielmehr "die Theologen" geschimpft wird und ihre Erkenntnisse zerrissen werden. Besonders empfindlich scheinen manche auf exegetische Forschung und Wissenschaft zu reagieren. Da bekomme ich den Eindruck, wenn etwas nicht so faktisch und nicht so einmalig, wie es in den biblischen Büchern steht, verstanden und rezipiert wird, dann kratzt das gleich am Glauben oder reißt ihm gar den Boden unter den Füßen weg.

Selbst erfahren habe ich dies in der Auseinandersetzung mit meinen Posts rund um Weihnachten. Was war das für ein Aufschrei, als ich in etwa schrieb, die Kindheitsgeschichten seien programmatisch, alte Glaubenserfahrungen fortsetzend und nicht historisierend zu verstehen! Es nimmt doch nichts von der Besonderheit dieses Menschen Jesus von Nazareth, wenn wir heute wissen, dass das biblisch-semitische Denken damals ein anderes Wirklichkeitsverständnis hatte als wir heute mit unserem mathematisch-naturwissenschaftlichen Weltbild, und wir deshalb mit unserem Verständnis von Wahrheit und Wirklichkeit sehr vorsichtig an biblische Texte herangehen müssen.

Aktuell geht es in dem einen oder anderen Blog um den historischen Gehalt der Pfingsterzählung und -erfahrung. Es scheint beinahe ein No-go zu sein, die Faktizität des in der Apostelgeschichte Erzählten in Frage zu stellen. Aber warum eigentlich?

Angenommen, die Apostel hätten etwas so Wunderbares erlebt, dass sie dafür nur Bilder und Vergleiche benutzen konnten, weil es schlicht so unfassbar, unglaublich und unbeschreibbar war. Dass da etwas war, das sie angetrieben hat wie ein kräftiger Wind am Strand oder auf einem Berg, der einen so richtig vor sich herschiebt und etwas, das sie innerlich so entflammt hat, dass Petrus diese brennende Rede vorbringen konnte. Und auch angenommen: außer dem geänderten Verhalten von Jesu Freundinnen und Freunden wäre für die anderen nichts zu sehen gewesen, kein Wind, keine Feuerzungen, wohl aber kraftvoll Entflammte und Angetriebene: was würde dies von dem Wunderbaren nehmen? Für mich bleibt die Erfahrung unserer Urahnen und Urahninnen im Glauben trotzdem unendlich beeindruckend und bis heute in Bewegung setzend, auch ohne historische Wahrheit von unserem heutigen Welt- und Geschichtsverständnis aus gesehen.

Wenn ich die "Zungen wie von Feuer" der Pfingsterzählung mit meinem biblischen Hintergrundwissen dann noch in Bezug setze zu Moses Gottesbegegnung am brennenden Dornbusch und zu der durch die Dunkelheit führenden Feuersäule bei der Durchquerung der Wüste beim Exodus, dann bekommt die Geschichte ob ihrer Größe fast Gänsehautqualität - für mich zumindest. Und ich bewundere darüber hinaus, wie es Lukas, dem Autor der Apostelgeschichte, gelungen ist, Worte und Bilder für eine anders nicht zu beschreibende, tiefe Wahrheit zu finden.

Mir ist es unverständlich, wie eine solche hinterfragende und Beziehungen herstellende Herangehensweise an biblische Texte offensichtlich so abstoßend und/oder verunsichernd wirken kann, dass sie bei manchen auf so massiven Widerstand stößt. Ich selbst habe den wissenschaftlichen Umgang mit Bibel, Kirche, Glauben nie so stark verunsichernd, abstoßend und zerstörerisch erlebt. Wohl verändernd, nachdenklich machend, Überholtes korrigierend, Neues hervorbringend, innerstes Wissen vertiefend.

Und ich erlebe, wie ich immer wieder gerade von Seniorinnen angefragt werde, ob ich ihnen nicht mal sagen könne, "wie das denn alles wirklich war." Denn in den Predigten würden sie  ja nichts darüber erfahren. Sie haben offensichtlich immer wieder das Gefühl, das, was wirklich in den Texten steht, wird ihnen aus ihnen nicht verständlichen Gründen verschwiegen. Gerade bei dieser Generation erlebe ich deshalb einen ungeheuren Wissenshunger nach Hintergrundinformationen. Es scheint, als würden sich diese Frauen auf ihre alten Tage noch einmal ganz neu im Glauben sortieren zu wollen. Damit verantwortungsvoll umzugehen finde ich überaus anspruchsvoll!

Was aber ist es nun, was es manchen so schwer macht, auch ein Stück wissenschaftlich an biblische Texte heran zu gehen? Aus welchen Gründen verwehren sich manche - auch manche meiner Leserinnen und Leser - ganz entschieden gegen ein solches Denken? Was für ein Verständnis von Gott, Bibel und Kirche, was für ein Menschen- und Weltbild haben die, die hinter solchen theologischen Überlegungen etwas grundsätzlich Falsches, gar Häresie und deshalb Abzulehnendes und zu Bekämpfendes sehen? Was könnte und/oder würde sich aus diesem Blickwinkel heraus am eigenen Glauben so stark verändern, was würde "zusammenbrechen", würde man solche Gedanken zulassen oder gar vertiefen?

Warum wirken exegetische Erkenntnisse zu Hintergründen der Entstehung, literarischen Einordnung und (theologischen) Bedeutung biblischer Texte offensichtlich auf manche stark verunsichernd bis abstoßend? Warum scheint es manchen so, als würden durch diese Forschungsergebnisse Glaubensfundamente erschüttert zu werden? Warum ist es deshalb für manche so unglaublich wichtig, biblische Texte historisierend, als "faktisch so geschehen" zu verstehen? Warum empfinden sie es als einen Angriff auf ein (ihr) ganzes Glaubensgebäude, wenn angefragt wird, ob etwas tatsächlich so geschehen sein kann?

Fragen über Fragen. Weiß jemand Antworten?


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Kommentare:

  1. Die Antwort auf die Frage ist relativ einfach. Sie lautet: et incarnatus est. Die Verschränkung von Wahrheit und Wirklichkeit ist das, was alles andere übersteigt und die Evangelien letztlich von guter Literatur unterscheidet.

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    1. Eine Glaubensaussage. Und wer bestreitet die?

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    2. Na, ich schon mal nicht, zum Beispiel.

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  2. Ich will denn mal eine Lanze für die Exegese brechen (bin zwar nur B-Liga, aber immerhin drei Jahre Assistent bei Prof. Zenger s.a. und einige Semester Dozent für Althebräisch an der FU Berlin gewesen)
    Die Frage ist, was kann der Exeget als Exeget feststellen. Nach Abschluß der Textfestellung (das heißt Textkritik!) gilt für mich das Ziel herauszuarbeiten, was der Author (dabei ist egal ob Evangelist - Überlieferungsgeschichte - Hl. Geist) auf Endtextebene sagen will (dabei spielen zum Beispiel Formananlysen eine große Rolle). Dies kann ich und dies sollte ich mit allem mir zur Verfügung stehenden (vor allem philologischen) Rüstzeug tun.
    Wenn mir dann am Endtext und seiner Aussage etwas nicht gefällt, dann kann ich weiterfragen, forschen und interpretieren. Nur: Dann bin ich kein Exeget mehr. Dann bin ich je nach Selbstsicht oder Sicht meiner Hören/Leser: Dogmatiker - Eiseget - Relativist, oder was auch immer.

    Jetzt beobachte ich das eigenwillige Phänomen, daß manche sagen "Jungfrau" ist natürlich nicht biologisch gemein - die "Brüder" Jesu sind aber nicht zu interpretieren. Der Beispiele wären Legion! Da scheint mir - wie bei manchen Gegenpositionen übrigens auch - dann ein (jeweils) erkenntnisleitendes Interesse außerhalb des Textes zu liegen.

    Also: Ran an den Text!

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    1. Da sag ich mal B-Liga mit Aufstiegstendenz! ;-) Schöne Zusammenfassung.

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  3. Ich lese hier im Blog deshalb so gerne mit, weil es so anders ist als die Mehrzahl der katholischeen Weblogs (Blogoszöse) durch die ich mich durchgeklickt habe. Ich finde hier immer wieder die Verbindung von sehr unterschiedlichen Ebenen.

    Mir scheint es so, daß die Mehrzahl bloggender Katholiken einem Glaubenszugang hat und ein Weltverständnis, das sehr weit weg von heutigem Weltverständnis und Alltagsrealitäten ist. Ich finde das, was ich da nachgerade lese, meist eng und provinziell-piefig und sehr von einer katholischen Wagenburgmentalität geprägt. Langweilig ist es obendrein. Und warum eine große Zahl katholischer BloggerINNEN (vielleicht sogar die Mehrzahl) lateinische Blognamen wählen, kann ich sowieso nicht einordnen.

    Abgesehen von Ihrem Blog, dem von Stephan Silber und dem eines katholischen Neutestamentlers aus München, finde ich, was sich da im Internet als katholische Blogs präsentiert, auch noch grauenhaft langweilig und frage mich, warum die katholische Kirche nicht noch mehr Probleme mit Austritten hat als sie schon hat.

    Deshalb würde ich mich freuen, wenn Sie sich von den gelegentlichen Anwürfen aus dieser Szene nicht allzusehr stören lassen und weiterbloggen.

    Die evangelische Blogger-Szene scheint mir um einiges vielfältiger zu sein. Sehr eindrücklich finde ich die englisch sprachige jüdische Bloggerszene.

    Was mich beim obigen Blogpost etwas wundert, daß Sie eher die Parallelen in der wandernden Feuersäule und der Dornbuscherfahrung aufnehmen, als Exodus 19 und 20, wo ja die Grundlage der Pfingsterfahrung zu verorten ist, die Gabe der Torah ans jüdische Völk. Dass die Pfingstgeschichte sprachlich parallel dazu gestaltet ist, finde ich sehr offensichtlich.

    Um es mal relativ platt zu sagen: Zwischen Ostern und Pfingsten liegen 50 Tage - und die Vorlage dafür liefert die jüdische Tradition: 50 Tage liegen zwischen Pessach und Schawuot (Wochenfest) als die Torah gegeben wurde.

    Wilhelm Bruners hat dazu ein sehr schönes Gedicht geschrieben:

    Pfingsten

    Die Nacht war voller Musik
    Tanz und Gesang
    Die Tora hatten sie studiert
    die alten Weisungen neu gehört
    Auf dem Berg
    waren sie gewesen
    Die Stimme hatten sie gesehen

    Jetzt taumelten sie in den Tag
    noch blind von der ersten Sonne

    Einige blieben
    bis das Licht zum Feuer wuchs
    der Wind zum Sturm
    und sie ins Gebet trieb

    in die Preisung
    mit allem

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    1. Ich habe die Bezüge willkürlich gewählt. Es gibt so unendlich viele.

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    2. In der Regel wird die Pfingsterzählung in christlichen Zusammenhängen ja als Gegenentwurf zur Turmbau zu Babel Erzählung (Gen 11) verstanden (da das Missverstehen hier das Verstehen), der einleitende Satz: "Als der Pfingsttag gekommen war ..." in Apg 2,1, der auf das von dir benannte Fest und Ereignis verweist, wird oft übersehen. Wie gesagt: es gibt unglaublich viele Bezüge, die meist nicht in den Blick geraten.

      "Anwürfe aus dieser Szene" stören mich nicht. Ich möchte einfach nur die Hintergründe des mir fremden Denkens gerne verstehe, da ich dahinter etwas Wesentliches für gelingende Kommunikation vermute.

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  4. Ich komm ja aus der Naturwissenschaften und was mir immer auffällt ist, wie wenig in der Theologie verstanden wird, dass jede wissenschaftliche Erkenntnis eine Momentaufnahme ist und wie leichtfertig mit Postulaten und Theorien umgegangen wird.
    Für mich ist da wohl das schönste Beispiel die sog. Q-Theorie, die übrigens auch in meinem Reli-Unterricht als irgendwo existent vorausgesetzt und damit als Wahrheit gelehrt wurde.
    Betrachte ich das aus meiner durch die Biologie geschulten Augen ist diese Theorie weniger gesichert wie die Existenz des Yetis. Immerhin gibt es bei dem schon mal Leute, die behaupten ihn gesehen zu haben.
    Trotzdem würde ein Biologe sich den Spott seiner Kollegen zuziehen, wenn er eine Hominisationstheorie verfasst, in der der Yeti vorkommt, und ihm in den Stammbaum der Hominini einen Platz zuweisen würde, selbst wenn diese Theorie alle Fragen beantwortet, die rezente Arten und frühzeitliche Funde aufwerfen.
    Denn selbst die schönste Theorie kann, dass weiß man zumindest in den Naturwissenschaften, totaler Mumpitz sein. Theologen scheinen mir manchmal von dieser Erkenntnis weit entfernt. Da scheint manch einem noch Nichtmals in den Sinn zu kommen, das seine Erkenntnisse und seine Interpretation völlig an der Wahrheit vorbei gehen könnten. Es gibt bestimmt hunderte von Möglichkeiten wie die Parallelen in den Texten zustande kamen, von denen einige plausibler sind als andere, aber beweisbar? Zur Zeit - wenn ich richtig informiert bin - ist im wissenschaftlichen Sinn keine. So ist die Inspiration durch den Heiligen Geist genau so "wissenschaftlich" wie Tradierungsmodelle.
    Ähnlich sieht es mit der Jungfräulichkeit Mariens aus. Beweisen könnte man sie nur durch einen gynäkologischen Befund. Den wird es allerdings nie geben. Daher bemerkt Thomas richtig, dass hier vorallem im Auge behalten werden muss welches Ziel die Aussagen haben und auch, welche Wirkung sie erzeugen.
    Eine junge Frau, die ein Kind bekommt, nun, dass ist nichts wunderliches. Auch nicht für die Leute von 2.000 Jahren. Welche Belege hat man eigentlich dafür, dass die Leute damals so anders mit Wirklichkeit umgegangen sind? Wäre die Behauptung einer Jungfrauengeburt ohne Jungfrau im biologischen Sinn bei den Zeitgenossen nicht auch als eine Falschaussage wahrgenommen worden? Währe ein Auferstehungsbericht ohne wirkliche leibliche Auferstehung nicht sofort als Lüge enttarnt worden? Schließlich hätte man nur den Leichnam herschaffen müssen, um die Leute davon zu überzeugen, dass die Jünger schlichte Lügner waren.
    Hätte man wirklich damals Leute von einem Auferstanden erzählen können, wenn da im Grab eine Leiche vor sich hingammelte? Waren die Leute damals so anders im Denken?
    Nun, diese Frage umschiffen dann diejenigen gerne, die hier gerne eine Trennung von theologischer Aussage und wirklichem Ereignis machen möchten und erkären einfach, dass die Wunder inkl. der Auferstehung in der Bibel erst später zu den Erzählungen kamen. Also es waren nicht die Apostel, die logen, sondern die nächste Generation, die irgendwie die Einzigartigkeit Jesu hervorheben wollten. Daher mussten dann konsequent auch die NT-Schriften möglichst spät datiert werden. Merkwürdig. Nun, ich verkürz das mal. ...
    Jetzt kannst Du mir gerne entgegen halten, dass diese theologischen Aussagen nicht wirklich Lügen sind, sondern eine andere Realität darstellen. Das tun sie bestimmt. Aber was - gerade bei deinen Seniorinnen - über Jahrzehnte angekommen ist, ist dass man den Texten der Bibel eben nicht Geschehnisse in Zeit und Raum beschreiben, sondern die theologischen Wunschvorstellungen, frommen Hirngespinste und hysterischen Überreaktionen einer sehr, sehr merkwürdigen Truppe, die es mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Der Versuch den sog. historischen Jesus hinter den Übermalungen der Evangelisten und der kirchl. Tradition zu entdecken und freizulegen, hat eben bei vielen nicht zur Vertiefung des Glaubens geführt.

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  5. Gerade das, was aus den Universitäten hinaus in die Gemeinden und Schulklassen getragen wurde, hat zu der Glaubenskrise des Christentums und der Glaubwürdigkeitskrise der Kirche mehr beigetragen als die Skandale in der Kirche. Dieser Jesus ist so unscharf und beliebig, dass es zum Christus nicht mehr reicht. Ich mach gerade die erschreckende Erfahrung, welche Blüten dieses Unsicherheit und dieses Misstrauen treibt. Ich sitze da Erwachsenen gegenüber, die alle einen Hochschulabschluss haben und die Dan Browns Roman Sakrileg mehr Vertrauen entgegenbringen als der Kirchenlehre und die Krönung des ganzen ist, dass scheinbar die hauptamtlichen in der Gemeinde nicht mals ansatzweise über das Wissen verfügen die dort aufgestellten Behauptungen zu entkräften, wo man doch eigentlich nur googlen müsst. Ich finde diese Hilflosigkeit erschreckend und frage mich schon, was da eigentlich auch an Umgang mit Texten vermittelt wurde, wenn man noch nicht mal einen Roman auseinandernehmen kann.
    Ich frag mich auch, wie es sein kann, dass trotz des ganzen Geredes um Spiritualität in den Gemeinden es scheinbar nicht gelingt Leuten eine Gotteserfahrung zu ermöglichen, die derartige Verunsicherungen aufwiegen könnte, aber das ist ein anderes Thema.

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    1. solange man ü b e r..liest..erfährt man nichts.den kontakt zu gott und christus muss man schon selber suchen und finden. dann verbringt man seine zeit auch nicht mehr mit bücher-wurmen.oder mit der frage, wo ist gott?die frage müßte heißen: wo ist der mensch? der mensch liebt umwege.rennt seinen festen vorstellungen nach. und bleibt dort stecken.armer lieber gott. armer mensch.

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  6. Nun, mir ging (oder geht?) es auch ein wenig wie von B. beschrieben: Wo bleibt der Raum für den Christus beim historischen Jesus? Da erschien mir Gerd Lüdemanns Entscheidung, angesichts der Erkenntnisse kein Christ mehr sein zu können, nachvollziehbar (auch wenn ich mich so nicht entscheiden wollte).
    Einen mögliche Antwort habe ich dann in Küngs "Christ sein" gefunden. Ja, bei manchem Katholiken sorgt die Nennung des Namens für eher ablehnende Reaktionen, aber Küng versucht in dem Werk eine Antwort, die mir die Bücher über den historischen Jesus (bzw. den "Jesus der Historiker") nicht boten (bzw. auch nicht bieten konnten, weil es nicht ihre Aufgabe ist).
    Küng konstruiert ausgehend von dem historischen Wissen eine für mich im Grunde überzeugende Antwort, die für mich aber noch vielleicht einiger Ergänzungen bedarf. Aber sie liefert eine solide Basis und ist, und das schätze ich, ehrlich, denn sie spricht auch an, dass Jesus "sich geirrt" hat, und berücksichtigt die historischen Erkenntnisse der 1970er Jahre (die teilweise veraltet sind, in meinen Augen aber nicht allzusehr).
    Um zusammenzufassen: Auf ein solches Buch habe ich gewartet - ich wusste nur lange Zeit nicht, dass es es gab. Bei vielen Menschen (und damit sind jetzt mal wirklich nicht "alle" gemeint, sondern eben "einige") kann ich die Verunsicherung durch historische Forschung nachvollziehen. Bücher wie das von Küng können eine Antwort auf ihre Fragen sein. Aber es hängt natürlich davon ab, welche Fragen die Menschen haben.

    P.s.: Ich möchte nicht sagen, dass ich mit Küng im Allgemeinen (also nicht auf das Buch bezogen) einer Meinung bin; oft schlägt er mit seiner Papstkritik eher über die Strenge. (Gleichzeitig habe ich Respekt für Benedikt, bin aber auch nicht unbedingt ein großer Freund von ihm.)

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    1. Ich find Küngs frühe Sachen garnicht so schlecht. Das er in seiner Kritik an der Hierarchie sich einfach in was verrannt hat, nun, dass kann passieren. Schade. Hast Du schon mal was von Klaus Berger gelesen?

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  7. Die im Post gestellten Fragen kann ich nicht beantworten, sie richten sich an andere. Aber ich nutze die Gelegenheit für eine Rückmeldung: es freut mich sehr, dass auf diesem Blog immer wieder eine Lanze für die Theologie und die Exegese gebrochen wird.

    Mit welchen negativen Pauschalurteilen man als Theologe zu kämpfen hat, zeigt ja Kommentator B. Er weiß, dass die Existenz der Logienquelle Q als "Wahrheit" verhandelt und einfach vorausgesetzt wird. Ganz so ist es nicht: Wir tauschen tatsächlich Argumente aus und diskutieren, welche Deutung den Textbeobachtungen am besten gerecht wird. Es ist schon erstaunlich, dass einer, der aus der Naturwissenschaft kommt, die Inspiration durch den Heiligen Geist als genauso wissenschaftlich bezeichnet wie Tradierungsmodelle. Das kann er nur sagen, weil er seine Aussage auf eine Karikatur von Exegese bezieht. Zu Jungfrauengeburt und Ostererzählungen stellt er Fragen, die in der theologischen Diskussion weiß Gott nicht umschifft werden. Im Übrigen sind es die Texte selbst, die die Frage provozieren, inwiefern sie auf historische Gegebenheiten zielen. Ist der Auferstandene in Galiläa oder Jerusalem erschienen? Mt kennt nur die Galiläa-Tradition, Lukas schließt sie geradezu aus (Lk 24,49). Und wie sich die Kindheitsgeschichten des Mt uns Lk auf der historischen Ebene vereinbaren lassen sollen, bleibt ein Rätsel. Sicher kann man erschrecken, wenn Hauptamtliche nicht in der Lage sind, zu Dan Browns "Sakrileg" nicht Stellung zu beziehen. Aber aus einer solchen persönlichen Erfahrung auf den Zustand der Theologie zu schließen ("was aus den Universitäten hinaus in die Gemeinden und Schulklassen getragen wurde"), ist nicht fair.

    Umso wertvoller ist es, dass auf diesem Blog die Theologie hochgehalten und mit Fragen aus der Pastoral und zur Spiritualität verbunden werden.

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  8. @ B:
    Wenn ich das, was du hier schreibst, zusammen nehme mit dem Post auf deinem Blog zum Thema (http://seitenichtgefunden.blogspot.de/2012/06/fur-das-leben-lernen-oder-so.html), dann hast du zwar einiges an biblischen Hintergrundwissen erfahren, aber offenbar auf eine Weise, die dir nicht entsprach/entspricht. Deine Religionslehrer (bezogen auf den o.g. Post, nicht auf den Kommentar hier) wussten offensichtlich mit den kritischen Rückfragen von deinen Mitschüler_innen und dir, die so ja auch in der Theologie gestellt wurden und werden (z.B. Welche anderen Möglichkeiten gibt es neben der Zweiquellentheorie, Parallelen in biblischen Texten zu erklären?), auf eine für dich angemessene Weise umzugehen. Das ist bedauerlich und prägt dich anscheinend, wie ich deinen Worten entnehme, bis heute.

    Aber dies zum Maß der Theologie zu machen ist, wie auch Gerd Häfner kommentierte, ein nur wenig reflektiertes Pauschalvorurteil. Um eine kurze Übersicht über die Lösungsansätze zum synoptischen Problem zu bekommen, reichte ein Klick auf Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Synoptisches_Problem). Ebenso, um den derzeitigen Stellenwert der Zweiquellentheorie (http://de.wikipedia.org/wiki/Zweiquellentheorie) und der Hypothese einer Logienquelle Q (http://de.wikipedia.org/wiki/Logienquelle_Q) grob auch innerhalb der katholischen Theologie einschätzen zu können. Das setzt aber ein entsprechendes Interesse voraus und die Bereitschaft, sich kritisch mit der in der eigenen Kindheit erworbenen (Ver-)Bildung auseinander zu setzen.

    Dieses wissenschaftliche Wissen um Theorien von innertextlichen und kompositorischen Zusammenhängen ersetzt aber nicht die Frage danach, was dies für meinem Glauben bedeuten und wie es mit meinem Alltag korrespondieren könnte. Es geht da erstmal um zwei Ebenen, die sich für den einen mehr, die andere weniger gut aufeinander beziehen und einander durchdringen lassen.

    Zu Dan Browns „Sakrileg“ und seiner theologischen Bedeutung könnte ich auch nichts sagen, denn ich habe es nie gelesen und es derzeit auch nicht vor. Ich finde es allerdings höchst spannend, welchen Einfluss Literatur und auch Fernsehsendungen auf die „Alltagstheologie“ nehmen können. Das scheint mir in der Kirche oftmals unterschätzt zu werden.

    Danke, dass du mir und den Leser_innen einen kleinen Einblick in deine Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex gewährst!

    @ Gerd Häfner:
    In der Tat ist es nicht fair, von den persönlichen Erfahrungen her auf den Zustand der Theologie im allgemeinen zu schließen. Aber es ist menschlich, passiert ständig und ist damit indirekt eine Antwort auf meine Fragen. Das größte Problem der Theologie ist der Mensch: der, der sich bewusst in Forschung und Lehre mit ihr auseinandersetzt und der, der fragend oder ungefragt mit ihr in Berührung kommt in Bildung und Verkündigung. Da kann unendlich viel schief laufen sowohl auf der Ebene der Beziehung als auch bei der methodischen Vermittlung von Inhalten.

    Der Mensch ist aber nicht nur das größte Problem der Theologie sondern auch deren größte Chance und einzige Möglichkeit, mit der ihre Ergebnisse kommuniziert werden können. Nach meiner Erfahrung liegt nicht alles in der Hand des/der Einzelnen, was „rüberkommt“ bei dem Versuch, Theologisches so zu vermitteln, dass nicht nur kognitiv etwas ankommt, sondern es auch geistlich-religiös fruchtbar werden kann. So etwas wie eine „Gnade“ des richtigen Moments, der richtigen Worte, der „richtigen Chemie“ zwischen zwei oder mehr Personen gehören sicher mit dazu. Das ist aber auch mit bester Ausbildung und großer Sensibilität nicht immer machbar, sondern in weiten Teilen Geschenk. Danke für ihren Zuspruch!

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    1. Schön, dass es vieles jetzt einfach im Internet gibt. Daher bin ich ein echter Fan der Allwissenden Datenmüllhalde. Nur, Internetzugang war bis Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts für nur sehr wenige Menschen möglich. Ich hatte Glück, ich war eine davon. Und irgendwann so um die Jahrtausendwende kam dann auch Wikipedia ins Netz. Davor musste man- ich denke Du erinnerst Dich - sich entweder auf das Verlassen, was einem Fachleute in Rundfunk und Fernsehen, Schule oder Zeitschriften vermittelten oder man musste selber Bücher wälzen und wenn man nicht ziemlich viel Geld ausgeben wollte, seine Zeit in Bibliotheken verbringen. Erinnerst Du dich noch an die Fernseh diskussionen im staatlichen Fernsehen der späten achziger und neunziger Jahre? An die Art wie da unsere deutschen Startheologen mit dem vorschlaghammermäßig gegen alles was die Kirche lehrt vorgingen und ziemlich öffentlich die Bibel zerrupften? Bestseller wie "Eunuchen für das Himmelreich" wurden produziert und von der Presse gefeiert. Und das hat ja nicht aufgehört. Schau dir an was große Nachrichtenmagazine pünktlich zu großen christlichen Festen auf den Markt werfen. Die Buchkritiken zu Dan Browns Sakrileg in der NYT und im Spiegel sind sehr lesenswert. Danny Boy und auch Leute wie Tiki Küstenmacher - mit seinem neuen Projekt Gott 9.0 - knüpfen genau da an, wo im staatlichen Religionsunterricht aufgehört wurde.
      Ich bin, wenn ich mich umhöre, nicht die einzige, die man mit viel Geduld verbildet hat. Wenn Du wissen willst wie man Leute richtig abholt, schau dir die Romane und Bücher auf amazon an, die uns erzählen wer Jesus nun wirklich war und was alles so richtig falsch am Christentum ist. Feistlich-religiös fruchtbar ist das wohl eher für Leute wie Ecki Tolle.
      Ich bin irgendwann einfach auf englisch-sprachige Bücher umgestiegen, was definitiv auch was mit auch was damit zu tun hat, dass die ersten Leute, die bereit und fähig waren mir zu antworten englisch-sprachig waren. Gerade die Amis müssen ihr Christsein nicht nur gegen die Flut der Bücher von hippen Pop-Atheisten und Jesus-Seminar-Ablegern verteidigen, sondern auch ihr katholisch sein so ziemlich auf allen Ebenen begründen von Chick-Traktaten bis Aufsätzen von Peter J. Leithart. Dass sie das als quasi Freelancer tun müssen, weil die Unis in USA eben keinen Beamtenstatus für Professoren kennen und sie häufig darauf angewiesen sind, gelesen und verstanden zu werden, macht sie zu good reads. Ich mag die Sachen von Jeremy Driscoll,Dr. John Bergsma, Dr. Brant Pitre, Peter Kreeft, Fulton J. Sheen, Scott Hahn, Frank Sheed.
      Der Grund warum viele Leute so sauer auf "die Theologie" sind, ist wahrscheinlich weil sie ähnliches oder sogar noch weniger über den Glauben im Reli-Unterricht und in den Gemeinden erfahren haben und sich meist erst durch einen Berg von mehr oder weniger spannenden Bücher quälen mussten, um sich den Glauben zu erschließen.
      Das hätte alles einfacher, schneller und früher geschehen können und bei vielen wären auch einige Lebensentscheidungen anders ausgefallen.
      Warum wird z.b. so wenig in den Gemeinden und Schulen über die Theologie des Leibes geredet, wo Kritik an der Morallehre von jedem Hans und Franz in den Medien geübt wird? Warum gibt es in Deutschland - okay, Ansätze sind wohl da- keine Theology on Tap? Warum keine Great Adventure? Warum gibt es solche Angebote, wenn überhaupt, nur in den Bewegungen? Und warum kommt bei vielen wirklich nur Theologie in Form von Karikaturen an? Warum muss ich Doof mich mit Erwachsenen hinsetzten und die erstmal davon überzeugen, dass es keinen Heiratszwang für jüdische Männer zur Zeit Jesu gab und et Magda vielleicht nicht die Ehefrau von Jesus war? Nicht etwa Leute, die ihr Lebentag keinen Fuß in die Gemeinde gesetzt haben, sondern Menschen, die dreizehn Jahre Reli-Unterricht mit guten Noten hatten und selber als Katecheten in Gemeinden wirken? Ich versteh es echt nicht.

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