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Donnerstag, 26. Juli 2012

Nachgedanken aus Frauenperspektive zum Thema rituelle Beschneidung

Eine Wahnsinns-Debattenlawine hat die Entscheidung des Kölner Landgerichts vor drei Wochen zum Thema Beschneidung von Minderjährigen aus religiösen Gründen ausgelöst. Die Diskussion wird, wie so häufig bei religiösen Fragen, an vielen Stellen hochgradig emotional geführt, manchmal sogar bis ins bewusst Provokative und Polarisierende. Darum geht es mir hier nicht. Ich möchte einfach mal zusammenfassen, was mir bei dieser komplizierten Diskussion aufgefallen ist und welche Fragen für mich nach wie vor offen sind. Dass ich als Christin nicht alle Details anderer Religionen kenne, möge man mir nachsehen und eventuell notwendige Korrekturen in den Kommentarbereich schreiben.

Um es vorweg zu nehmen: genauso, wie ich mich vor etwa 20 Jahren gegen die damals diskutierte Genitalverstümmelung von Mädchen eingesetzt habe, habe ich mich auch damals schon gefragt, warum es nicht eine ähnliche Kritik an der Beschneidung aus religiösen Gründen bei kleinen Jungs gab. Die Zeit war noch nicht reif. Gut, dass das Thema jetzt diskutiert wird!

Mir scheint, es gibt beinahe genauso viele gute Argumente pro wie kontra rituelle Bescheidung. An manchen Stellen wird allerdings mit unlauteren, unfairen Mitteln gestritten. Zum Beispiel wenn - wieder einmal - darüber diskutiert wird, ob Unbeteiligte sich überhaupt zu diesem Thema äußern dürfen. Diese Frage ärgert mich. Warum sollte jemand nicht mitdiskutieren dürfen, wenn ihn oder sie ein Thema zwar nicht unmittelbar betrifft aber dennoch bewegt? Es ist aus meiner Sicht ein Zeichen der Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung, wenn sich auch mit Themen auseinandergesetzt wird, die jenseits von persönlicher Betroffenheit liegen.

Natürlich muss jede Religionsgemeinschaft letztlich selbst für ihren Bereich Entscheidungen treffen, aber von der Diskussion sollte niemand ausgeschlossen werden. Die staatlichen Stellen müssen darüber hinaus mit einem wachen Blick auch in Bezug auf die Religionsgemeinschaften ihrer Verantwortung, für das Wohl der Bürgerinnen und Bürger zu sorgen und einen entsprechenden Rahmen abzustecken, nachkommen. Der Versuch, das Thema Beschneidung gleich zu einer strafrechtlichen Angelegenheit zu machen, schießt dabei jedoch übers Ziel hinaus, finde ich.

Der Vorwurf des Antisemitismus und der Islamfeindlichkeit wurde im Zusammenhang mit dem Thema Beschneidung auch immer wieder geäußert. Durch die Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremem Gedankengut auch in der nahen Vergangenheit und Gegenwart, gilt es natürlich an dieser Stelle besonders wachsam zu sein. Mit dem wiederholten Vorwurf kann man andererseits allerdings auch jegliche berechtigte Kritik und Diskussion bereits im Keim zu ersticken versuchen. Immer mal wieder wird so auch versucht, an das chronisch schlechte Gewissen Deutschlands wegen seiner NS-Vergangenheit zu appellieren. Das halte ich für unzulässig. Auf so eine Ebene lasse ich mich nicht ein.

Auch wenn immer wieder betont wird, dass die Beschneidung von Jungs aus religiösen und/oder kulturellen Gründen nicht vergleichbar ist mit der Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen (aus eben solchen Gründen): die Argumente dafür bzw. dagegen gleichen sich auffällig. Nur dass es sich bei den Befürwortern der weiblichen Genitalverstümmelung nicht um eine Weltreligion sondern in der Regel um nicht organisierte, traditionelle Religionen handelt, die oft eher abwertend als "Naturreligionen" bezeichnet werden. Darf man sie deshalb schärfer kritisieren? Diese Rituale seinen aufs engste mit religiösen und kulturellen Traditionen verknüpft, deshalb unaufgebbar und identitätstiftend, sind die zentralen Begründungen sowohl für die inzwischen geächtete weibliche Genitalverstümmelung als auch für die religiöse Beschneidung minderjähriger Jungen. Den Anhänger_innen der traditionellen Religionen traut und mutet man inzwischen zu, andere Rituale zu finden und finden zu können. Warum nicht auch dem Islam und dem Judentum?

Das Thema stellt sich für Muslime und Juden unterschiedlich drängend. Im Islam ist der Verzicht auf die Beschneidung von Minderjährigen, da davon nichts im Koran steht, weniger problematisch. Eine Verschiebung auf die Zeit der Religionsmündigkeit, so wie im christlichen Bereich die Feier von Konfirmation oder Firmung, wäre - so gewollt - also durchaus denkbar. Mit der Brit Mila der jüdischen Tradition scheint es schwieriger zu sein, allerdings stelle auch ich hier in Frage, dass es unmöglich sein soll, eine solche Tradition zu verändern, wie in der Diskussion oft behauptet wurde und wird.

Was ich nicht verstehe: Jüdisch wird ein Kind ja durch Geburt von einer jüdischen Mutter, ein Mädchen wie ein Junge. Warum dann die Eile mit der Beschneidung am achten Tag? Sicher, es wird sich dabei auf Gen 17,10–14 berufen. Aber gibt es nicht auch im Judentum so etwas wie eine historisch-kritische Exegese, die dieses Gebot Gottes entsprechend einordnet? Warum die Kinder nicht ganz normal im Glauben der Eltern und ihrer Gemeinde erziehen, aber warten bis zum Erreichen der Religionsmündigkeit, und es einem Jungen dann selbst überlassen, ob er sich zum Schließen des Bundes mit diesem körperlichen Zeichen entschließt? Warum nicht darüber nachdenken, wie auf andere, weniger einschneidende Weise der Bund mit dem Schöpfer ausgedrückt und die Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der Glaubenden gefeiert werden kann? Sicher, ein so altes Zeichen legt man nicht leichtfertig ab, aber darüber nachzudenken muss erlaubt sein. Das Jüdisch-Sein an sich allerdings kann eigentlich nicht von einer Säuglingsbeschneidung abhängen, wenn es bereits qua Geburt erlangt wurde.

Und wie sieht es eigentlich aus mit innerjüdischer Kritik an der Brit Mila? In der Öffentlichkeit schien es lange so, als gäbe es sie gar nicht, was ich mir nicht recht vorstellen konnte. Und es gibt sie auch, wie ich in der Sendung "Brisant" (mdr) vom 24.07.2012 erfuhr. Inzwischen bin ich auch im Netz fündig geworden und habe diese kritische Gruppe ausfindig gemacht: In Israel gibt es eine noch kleine aber wachsende Anzahl von jüdischen Eltern, die die Beschneidung ihrer kleinen Jungen ablehnen (nach eigenen Angaben momentan ca. 2%). Sie haben sich zu einem Verein zusammengeschlossen, der den Namen "Ben Schalem", d.h. "intakter Sohn" trägt. Hier und hier lässt sich etwas dazu nachlesen. So ganz unvorstellbar ist es also auch innerhalb des Judentums nicht, alte Traditionen zu verändern!

Was ich mich ebenfalls frage: Was ist eigentlich mit den jüdischen Mädchen und Frauen? Welche Rolle spielen sie in der Diskussion? Von ihnen habe ich noch überhaupt nichts gehört. Es wurde immer wieder behauptet, würde die Beschneidung verboten, käme das einem Verbot jüdischem Lebens gleich. Aber die Brit Mila betrifft ja nur die Jungs und Männer, für den weiblichen Teil der jüdischen Gemeinden würde sich doch gar nichts ändern! Oder inwieweit wäre weibliches jüdisches Leben und Glauben betroffen, würde die Beschneidung erst mit der Religionsmündigkeit vorgenommen? Mal wieder die dominierende patriarchale Struktur einer Religion, die sich hier äußert??? Wie geht es eigentlich den Müttern, wenn sie zusehen müssen, wie ihrem gerade geborenen Baby Schmerzen zugefügt werden? Oder sind sie gar nicht dabei, wohlweislich weil es ihnen möglicherweise in der Seele weh tun würde, zu sehen, was da geschieht? In dieser Sache habe ich schlicht keine Ahnung und bin bislang auch nicht fündig geworden. Ist dieses Thema für Frauen vielleicht tabu?

In einem Artikel der "Jüdischen Zeitung" habe ich allerdings einen (!) Artikel entdeckt, in dem deutlich wird, dass einige Frauen unzufrieden damit sind, dass die neugeborenen Mädchen nicht ebenfalls mit einem Ritual - allerdings nicht mit so einem schmerzhaften - in ihrer Glaubensgemeinschaft willkommen geheißen werden, und dass die Frage nach einem eigenen Ritual auch für neugeborene Mädchen durchaus diskutiert wird:
Schon vor 25 Jahren suchte Ruth Sohn zusammen mit anderen jüdischen Männern und Frauen nach einem Ritual für neugeborene Mädchen, das der Brit Mila gleichwertig sein sollte. Schließlich beschlossen sie, den Mädchen die Füße zu waschen. Die Idee dazu kam ebenfalls aus der Tora: Nach der Beschneidung Abrahams und seiner Söhne erscheint ihm Gott in Begleitung dreier Männer. Denen wäscht er die Füße. Zudem werden Frauen in der Tora oft mit Wasser in Verbindung gebracht.
Es scheint also durchaus denkbar und möglich zu sein, auch neue Rituale entwickeln zu können wie in diesem Fall für kleine Mädchen. Warum dann nicht auch für die kleinen Jungs als Alternative zur Beschneidung?

Es sind offensichtlich erst wenige, die sich innerjüdisch so kritisch mit diesem Themenkomplex auseinandersetzen, aber es gibt sie! Und ich vermute: unter Muslim_inn_en gibt es sie auch! Minderheitenmeinungen haben es gemeinhin nicht einfach, gehört zu werden. Um so wichtiger, sie nicht tot zu schweigen - auch wenn sie vermutlich noch lange brauchen werden, um mitgestaltende Bedeutung zu erlangen.

Ich finde es wichtig, das Thema der Beschneidung Minderjähriger aus religiösen Gründen weiter zu bedenken. Den strafrechtlichen "Geschmack" finde ich dabei allerdings, wie schon gesagt, eher hinderlich. Außerordentlich wichtig finde ich weiterhin, zu respektieren, dass jede Religion ihre eigenen Zeichen und Initiationsriten braucht, selbst entwickelt und verantwortungsvoll damit umgeht. Erst da, wo unter dem Deckmantel des Glaubens Menschen manipuliert und geschädigt werden wie durch Sekten und Psychokulte, muss auch der Gesetzgeber einschreiten.

Für eine Überreaktion halte ich die beinahe reflexartigen Äußerungen der Art: "Wenn in Deutschland die Beschneidung nicht (mehr) erlaubt ist, heißt das, jüdisches und muslimisches Leben ist nicht mehr erwünscht, Anhänger_innen beider Religionen werden so aus dem Land vertrieben." Ein Gericht hat in einem konkreten Fall entschieden und damit Kritik geübt an einer Tradition, die für einige von großer Bedeutung ist. Aber daraus gleich die große Ablehnung und Ausweisung heraus zu lesen, ist dann doch etwas übertrieben.

Die Frage, die ich, abgesehen von dem konkreten Fall, dahinter sehe, ist, ob es erlaubt sein kann, an zentralen religiösen Inhalten, Riten, Vorschriften oder Personen Kritik zu üben. Und da gehen die Meinungen quer durch alle Religionen auseinander. Ich halte solche Anfragen und Kritik selbstverständlich für zulässig, auch von Andersgläubigen/Andersdenkenden.

Darüber hinaus halte ich es sogar für sehr wertvoll, wenn Außenstehende sich äußern, kritisieren und nachfragen, wenn ihnen etwas unverständlich oder fragwürdig an einer anderen Religion (oder auch an der katholischen Kirche) erscheint. Im besten Fall führt es nach außen zu mehr gegenseitigem Verständnis und Respekt und ist so Frieden stiftend. Nach innen können Nachfragen und Kritik - so sie denn in gegenseitigem Respekt und mit Offenheit vorgebracht werden und nicht auf sehr unsichere, fundamentalistische und/oder besonders missionierungsfreudige Gläubige treffen - sogar beitragen zu einer geistlichen Vertiefung und einem besseren Verständnis des eigenen Glaubens.

Für das Wichtigste in der aktuellen Beschneidungsdebatte halte ich deshalb: Nicht vorschnell verurteilen, Böses unterstellen, polarisieren, gekränkt zurückschießen oder sich zurückziehen, vertuschen oder schön reden, sondern im Gespräch bleiben.

Creative Commons LizenzvertragFrech.Fromm.Frau. von Ameleo steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Kommentare:

  1. Liebe Ameleo,

    auf deine Fragen habe ich keine Antworten.
    Ich möchte dir nur schreiben, dass ich deine
    Anregungen wieder sehr gut finde.

    Direkt angesprochen fühle ich mich auch:
    Was wäre ich arm dran, wenn mich nur das interessieren würde, was mich direkt betrifft?

    In herzlicher Verbundenheit
    Elisabeth

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  2. Ein interessanter, ausgewogener Beitrag zur Debatte. Interessant finde ich besonders die Parallele zur weiblichen Beschneidung, die Du ziehst. Obwohl sie eigentlich auf der Hand liegt, wird sie gerne gleich abgebügelt. Man hat einiges gelesen an Argumenten für die Beschneidung: Hygiene (Wasser und Seife?), Schutz vor Peniskarzinomen (die 0,9% von 100000 Männern ab dem 60. LJ betreffen und einer Komplikationsrate von Beschneidungen gegenübersteht, die mit 2-10% angegeben wird) oder gar das "Stehvermögen" und die Vorzüge für die Frau (klasse Argument für das herumschnippeln an Jungs). Nix Substantielles also.
    Was dafür spricht ist einzig und allein die Tradition. Oder wie es Deniz Yücel von der TAZ formulierte: man sollte wenigstens die Eier haben zu sagen, dass man beschneidet, weil Gott es will. Und da wird es schwierig, finde ich: denn letztlich ist das Ganze ein Angriff auf die Religionsfreiheit. Und man las dann auch prompt Leserkommentare, die ein Verbot von Kindstaufen forderten. Sicher sind missionierungswütige, fundamentalistische "Evolutionäre Humanisten" eine kleine Minderheit. Aber wenn man sieht, wie eifrig AUSSENSTEHENDE die Kopfbedeckungen von Musliminnen diskutieren, bekommt das ganze eine gewisse kulturkämpferische Qualität. Also ich bin da hin- und hergerissen.
    Vor allem auch, weil ich glaube, dass wir es mit einem Gott zu tun haben, der Traditionen stiftet, bevor er Schriften verkündet. Weil Traditionen eben in der Menschheitsgeschichte das zuverlässigste Mittel sind, Botschaften durch die Zeit zu tragen.

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  3. Die Beschneidung scheint mir in der Außenwahrnehmung oft auf den medizinischen Akt reduziert zu werden. Es ist aber auch ein Willkommensritual, das als Familienfeier begangen wird. Da es für Mädchen im traditionellen Judentum kein entsprechendes Ritual gab, haben Jüdinnen aus dem liberalen Spektrum für Mädchen eine neue Form entwickelt. Die im Blog geschilderte Form „brit rechiza“ Bund des Benetzens“ wird aber inzwischen kaum noch durchgeführt, weil viele sich wegen der Nähe zur christlichen Taufe nicht wohlfühlen. Die inzwischen weitgehend übliche Form kann man unter „baby naming“ oder „brit banot“ go.gln. Da es ja für Jungen mit der Beschneidung ein Ritual gibt erübrigt sich ein Ersatzritual. Das gibt es nur, wenn ein Mann zum Judentum konvertieren will und bereits beschnitten ist (hatafat brit dam).

    Ein Kind ist jüdisch durch Geburt, wenn die Mutter jüdisch ist. Die Beschneidung ist eine Art Bestätigung dieses Bundes. Sie konstituiert ein Stück weit jüdische Identität. Da muß natürlich noch Erziehung dazukommen.
    Die innerjüdische Kritik an der Brit Mila ist schwach ausgeprägt. Von diesen Gruppen hört man sehr wenig.
    Ich war schon bei diversen Taufen eingeladen, aber mir würde nie in den Sinn kommen, darüber befinden zu wollen, ob nun die Säuglingstaufe oder die Erwachsenentaufe die adäquate Form ist. Und großenteils läuft die öffentliche Diskussion ja so, daß alle möglichen Leute, die bestimmte Vorstellungen über Beschneidung haben, darüber befinden wollen, wie Juden und Muslime damit umzugehen haben. Das geht meist über freundliches Interesse und Nachfragen deutlich raus.
    Das Verbieten der Beschneidung hat außerdem einen Subtext, der in der nicht-jüdischen Umwelt meist nicht wahrgenommen wird: Wer Beschneidung verboten hat, wollte immer damit gegen jüdisches Leben vorgehen, ob das nun in der Zeit der Makkabäeraufstände war oder in der Zeit des Stalinismus. Von daher sind begreiflicherweise bestimmte Sensibilitäten da.

    „Für das Wichtigste in der aktuellen Beschneidungsdebatte halte ich deshalb: Nicht vorschnell verurteilen, Böses unterstellen, polarisieren, gekränkt zurückschießen oder sich zurückziehen, vertuschen oder schön reden, sondern im Gespräch bleiben.“
    Diese Bemerkung halte ich für ziemlich daneben und sie hätte mich fast dazu gebracht, nicht zu kommentieren, denn ich finde, von Duktus des Textes ist nicht eindeutig klar, daß sich das an alle Beteiligten richten muß und nicht nur an Juden und Muslime („gekränkt zurückschießen“, „zurückziehen“, „vertuschen“ …). Und von „im Gespräch sein“ kann auch nicht die Rede sein, weil es doch weitgehend als Rechtfertigungsdiskurs inszeniert worden ist.

    Und wenn ich mir mal im Hinblick auf Kinderfreundlichkeit christlich geprägte, muslimische und jüdische Gesellschaften anschaue, dann bekomme ich zunehmend den Eindruck, daß die Beschneidungsdiskussion eine Art Stellvertreterfunktion hat, an der man sich abarbeitet.

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    1. Liebe IWe,
      "dass sich das an alle Beteiligten richten muß und nicht nur an Juden und Muslime": ganz klar so hatte ich das gemeint und gedacht, dass sich das aus dem vorangegangenen Abschnitt auch deutlich erschließen würde. Nevertheless: Danke, dass du trotz deines Ärgers so ausführlich geantwortet hast!

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  4. Ich hätte dir gern eine e-mail zu dem Thema geschrieben, aber leider auf die schnelle keine Adr. gefunden.
    Ich wollte nur auch noch einmal sagen, dass man die Beschneidunge von Jungs wirklich nicht mit der von Mädchen vergleichen darf. Die von Mädchen hat keinerlei hygienischen oder medizinischen Aspekt und ist für die Mädchen sehr qualvoll. Die Beschneidung selbst, die Umstände unter denen sie erfolgt und die Folgen.
    Bei den Jungs kann es sehr wohl andere als religiöse Vorteile haben und das Vorgehen ist viel einfacher. In vielen Ländern ist sie ohne religiösen Gründen fast als Standart anzusehen. Ich würde es als problematischer ansehen wenn man unter solcher religiöser Prägung lebt man bis zu einer Religionsmündigkeit warten müsste. da es bei älteren Kindern komplizierter ist als bei Neugeborenen. Bei Säuglingen verheilt es sehr schnell, und hat den großen Vorteil, das sie noch in Windel sind und sich nicht viel bewegen.
    Ich habe es bei Kindergartenkindern erlebt, wo es aus medizinischer Sicht notwendig wurde und einfach länger gedauert hat, das Kind eingeschränkt war und das ganze auch psychisch verarbeiten mußte (weil es eben nicht Kulturüblich war.)
    Man muß ja auch sehen in welcher Kultur und Familie das Kind aufwächst und sich als Junge eben dann auch identifizieren muß.
    Meine Meinung zu diesem Thema hat sich auch verändert über die Jahre. Ich mußte mich zweimal intensiv damit beschäftigen ;-)

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    1. Liebe Chris,

      ich wollte das eine auch nicht mit dem anderen vergleichen, wohl aber die Argumente, denn die sind sich sehr ähnlich!

      Meine Email-Addy steht übrigens unter "Über dieses Blog", der Hinweis darauf in meinem Profil.

      Liebe Grüße
      Ameleo

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  5. Petition gegen Beschneidung
    20. Juli 2012

    Text der Petition

    Der Deutsche Bundestag möge beschließen, Personensorgeberechtigten jede rituelle, medizinisch nicht indizierte Beschneidung eines Jungen (Zirkumzision) oder eines Mädchens (nach der Typisierung der World Health Organisation die FGM vom Typ I, II, III, IV) im Hinblick auf die Verwirklichung der körperlichen Unversehrtheit des Kindes oder Jugendlichen bis zu dessen Volljährigkeit zu untersagen. Um dem Individuum die Option auf ein Leben mit unversehrten Genitalien und mit der Option auf eine selbstgeschriebene Biographie zu ermöglichen, insbesondere im Hinblick auf die Entscheidung, ob eine lebenslange Sexualität mit oder ohne Präputium (Junge) oder Klitorisvorhaut (Mädchen) verwirklicht wird, möge der Bundestag beschließen, in das Bürgerliche Gesetzbuch Buch 4 Familienrecht Abschnitt 2 Verwandtschaft Titel 5 Elterliche Fürsorge § 1631 Inhalt und Grenzen der Personensorge einzufügen:

    § 1631d
    Verbot der rituellen Genitalmutilation

    Die Eltern können nicht in eine rituelle, medizinisch nicht indizierte Beschneidung ihres Sohnes (Zirkumzision) oder ihrer Tochter (nach der Typisierung der World Health Organisation die FGM vom Typ I, II, III, IV) einwilligen. Auch das Kind selbst kann nicht in die Beschneidung einwilligen. § 1909 findet keine Anwendung.

    Begründung

    Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR, Paris 10.12.1948) und das auf ihr beruhende Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (23.05.1949) richten sich zuallererst an den Menschen als Individuum und nicht, wie in der von Stammesreligion, Rechtspluralismus und Initiationsriten geprägten kulturellen Vormoderne, an den Menschen als Angehörigen eines ethnoreligiösen Kollektivs (...)

    http://eifelginster.wordpress.com/2012/07/21/297/

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  6. Liebe Almeleo,

    du schreibst, nicht ganz unbescheiden, klangvoll ertönend aber leider argumentationsfrei: "Und ganz genau so geht es eben nicht!" - und scheinst die Petition von Edward von Roy vom 20. Juli 2012 zu meinen. Das ist nicht zivilcouragiert, sondern leider gegenwartstypisch theologisch, die karrierebewussten Damen und Herren kriegen den Mund nicht auf gegen die Scharia und sagen deshalb auch nichts gegen die Zirkumzision (oder sind Fundis und glauben noch an blutige Himmelsbefehle).

    Ob das "ganz genau so" geht oder nicht "ganz genau so", mag die freiheitliche Demokratie entscheiden, also zunächst das, was der Mehrheit einleuchtet zum einen, und zum anderen das, was das Bundesverfassungsgericht als grundgesetzverträglich betrachtet.

    Eins verbindet uns beide: Auch ich befasse mich mit FGM und MGM seit zwanzig Jahren. Und auch bewusst christlich und darüber hinaus proreligiös empfinden wir anscheinend beide. Aber was willst du - nochmal viertausend Jahre diskutieren und, zwischenzeitlich und erwachsen, irgendwie vom Heiligen ergriffen, männlichen Kindern andächtig Vorhäute abschneiden (lassen)?



    Mit besten Grüßen vom Niederrhein
    Cees van der Duin


    PS:
    Zum Thema Jungenbescheidung und
    zum Weiterlesen:

    The Intactivism Pages

    http://www.circumstitions.com/

    Intactivists Blog

    http://intactivists.blogspot.de/

    MAC - Mothers Against Circumcision

    http://www.mothersagainstcirc.org/

    ERIC - End Routine Infant Circumsision

    http://www.4eric.org/

    D.O.C. - Doctors Opposing Circumcision

    http://www.doctorsopposingcircumcision.org/

    NOCIRC - National Organization of Circumcision Information Resource Centers

    http://www.nocirc.org/

    NOHARMM - National Organization to Halt the Abuse and Routine Mutilation of Males

    http://www.noharmm.org/

    NORM-UK

    http://www.norm-uk.org/

    Hier beispielsweise ERIC im Sommer 2012 im Interview über die deutsche Beschneidungsdebatte, bei THE INQUISITR

    http://www.inquisitr.com/287672/circumcision-ban-in-germany-heralded-by-intactivists-an-interview-with-eric-op-ed/

    SICS - Stop Infant Circumcision Society

    http://www.stopinfantcircumcision.org/SICSlink.htm

    SGI - Students for Genital Integrity

    http://www.studentsforgenitalintegrity.org/

    JAC - Jews Against Circumcision

    http://www.jewsagainstcircumcision.org/

    Beyond the Bris: Questioning Jewish Circumcision

    http://www.beyondthebris.com/

    ---

    Und nicht vergessen: Beschneidung erst ab 18

    http://www.circumstitions.com/Images/news-images/bumpersticker-beschneid-18.png

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  7. @ Cees van der Duin: Das Thema ist wesentlich komplexer als du schreibst und als es die Petition vermuten lässt. Meine Überlegungen stehen oben, auf die nimmt die Petition keinen Bezug und auf die gehst auch du nicht ein. An einem plumpen Schwarz-Weiß-Denken habe ich kein Interesse, es wird der Sache nicht gerecht!

    Über die "Petition" habe ich mich darüber hinaus geärgert, weil sie offensichtlich überall im Netz, wo etwas zum Thema gefunden wurde, als Kommentar eingestellt wurde. Das nervt!

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  8. Von weiteren ellenlangen Linkliste in Kommentaren bitte ich abzusehen. Ich werde diese, auch wenn sie darüberhinaus echten Inhalt aufweisen, nicht mehr freischalten!

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  9. Bundestagspetition gegen Beschneidung

    Endlich reagierte der Petitionsausschuss des Bundestags (ohne Datum) und gibt meiner Petition vom 20. Juli ein Aktenzeichen:

    Pet 4-17-07-451-040847

    Die Behörde sagt:

    “Zu der von Ihnen vorgetragenen Thematik liegen dem Petitionsausschuss bereits Zuschriften anderer Bürgerinnen und Bürger vor. Ermittlungen hierzu sind eingeleitet worden. Ihre Ausführungen werden in diese Ermittlungen einbezogen und gemeinsam mit den anderen Petitionen beraten.

    Der Deutsche Bundestag wird auf Empfehlung des Petitionsausschusses zu diesen Petitionen einen Beschluss fassen, der Ihnen mitgeteilt wird.

    Bitte haben Sie Verständnis, dass in diesem Beschluss zu den Zuschriften vieler Bürgerinnen und Bürger nicht auf alle der vorgetragenen Aspekte im Einzelnen eingegangen werden kann.”

    Soweit der Bundestagsausschuss.

    Gar nicht zufrieden bin ich, dass meine Eingabe unter Besonderer Teil des Strafgesetzbuches einsortiert wird; hier könnte (Mehrfachpetition bzw. sogar Massenpetition) eine Leitpetition sozusagen das Gleis, den Kanal bestimmt haben; ich habe aber unmissverständlich gesagt BGB, und gar nicht StGB:

    “möge der Bundestag beschließen, in das Bürgerliche Gesetzbuch Buch 4 Familienrecht Abschnitt 2 Verwandtschaft Titel 5 Elterliche Fürsorge § 1631 Inhalt und Grenzen der Personensorge einzufügen: § 1631d Verbot der rituellen Genitalmutilation”

    http://eifelginster.wordpress.com/2012/07/21/297/

    Ich werde den Petitionsausschuss deshalb bitten, meine Eingabe unter BGB / Familienrecht zu verbuchen – und bin da auch sehr gerne Leitpetition. Dann gibt es eben mehrere Leitpetitionen, eine im StGB und (m)eine im BGB und gerne noch weitere.

    Zu befürchten ist, da angeblich “nicht auf alle der vorgetragenen Aspekte im Einzelnen eingegangen werden kann”, dass auf meine Argumente wie schafiitische FGM und Scharia-Totalität nicht “eingegangen” werden wird oder dass sogar Elterliche Fürsorge / Inhalt und Grenzen der Personensorge zum bloßen “Aspekt” herabgestuft wird, auf den dann ankündigungsgemäß nicht “eingegangen werden kann.”

    Eine pauschale Ungleichbehandlung von FGM Typ I und Zirkumzision wäre nicht zu akzeptieren da grundrechtswidrig; zumal bei einer legalisierten Jungenbeschneidung die “milde Sunna”, wie sie etwa die Assalaam Foundation in Indonesien öffentlich praktiziert, (mit Betäubung) auch in Deutschland statthaft sein müsste.

    Der Ethikrat sendet leider auch bereits die grundgesetzwidrigen falschen Signale. Nur Reinhard Merkel bleibt fast grundgesetzkonform: “Die frühkindliche Beschneidung ist ein massiver körperlicher Eingriff in die geschützte, verfassungsrechtlich geschützte physische Integrität des Kindes. … Lassen Sie mich ganz deutlich sagen, dass das Recht auf Religionsfreiheit auf gar keinen Fall ein Recht gewährt, unmittelbar in den Körper anderer Personen einzudringen. Es geht ganz primär um das elterliche Sorge- und Erziehungsrecht.”

    Genau, und über dieses Recht wacht die staatliche Gemeinschaft; und so richtet sich meine Petition auf § 1631 BGB.

    Leider mogelt sich Rechtswissenschaftler Merkel im selben Interview dann doch zur umfassenden Betäubung des Kindes durch, dem dann die nur Sekunden eher noch zugestandene körperliche Unversehrtheit im Namen der elterlichen Frömmigkeit und Traditionspflege geraubt werden dürfe.

    Edward von Roy

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  10. Liebe Ameleo,

    selbstverständlich ist es dein gutes Recht, zu entscheiden, welche Kommentare du freischaltest und welche nicht.

    Ich bitte dich aber zu bedenken, dass es sein könnte, dass ellenlange Linklisten zu einem Thema nicht jeden nerven. Das ist z. B. bei mir der Fall. Die Leserin / der Leser entscheidet doch selbst, welche Hinweise sie / er auswählt und anklickt. Jeder kann sich doch Zeit lassen, einen guten Beitrag lese ich auch mehrmals.

    Da du ja selber sinngemäß schreibst, dass der Sachverhalt der religiös oder traditionell begründeten MGM sehr komplex ist, kann eine solche Liste doch dazu beitragen, mehrere Aspekte und Blickwinkel zu beleuchten.

    Warum sollen Leute, die zum Thema Beschneidung eine klare Meinung haben, diese nicht überall dort verbreiten, wo einschlägig diskutiert wird? Verhalten sich die Beschneidungsbefürworter denn anders?

    Ist es denn nicht so, dass jeder, der daran interessiert ist, seine Argumente in die öffentliche Diskussion zu einem Themas einzubringen, seine Meinung überall dort verbreitet,wo ihm das sinnvoll erscheint? Wäre ein multiperspektivischer, offener Meinungsaustausch ansonsten überhaupt möglich?

    Das Grund- und Menschenrecht auf Meinungsfreiheit schränkt doch die Anzahl der Foren nicht ein. Bürgerinnen und Bürgern sollen doch möglichst viele Informationsquellen zur Verfügung stehen, auch darauf haben sie ein Grundrecht.

    Ich würde mich freuen, wenn du deine Meinung änderst.

    Mit freundlichen Grüßen

    Gabi Schmidt

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    1. Ich finde, manchmal gibt es Leute, die hier zu viel Raum beanspruchen mit ihren Links. Ich will aber nicht, dass andere, die die gleichen Kommentare an zig Stellen veröffentlichen, mein Blog als Plattform nutzen für ihre individuellen Interessen. Jede_r, der/die will, kann sich doch ein eigenes Blog einrichten, um mit seiner/ihrer Meinung an die Öffentlichkeit zu gehen!

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