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Samstag, 11. August 2012

Aus wenigem wird Überfluss

Als in den vergangenen Wochen das Evangelium von der Brotvermehrung in der Version des Johannesevangeliums an der Reihe war, gab es dazu viele Beiträge aus der "Blogoezese". Manche hochtheologisch verschwurbelt, andere verärgert über Prediger oder Lehrer, die eine nach Ansicht der Schreibenden falsche Auslegung betrieben, einige auch sehr bereichernd. Zwei Dinge sind mir in diesem Zusammenhang besonders aufgefallen:
  1. Ein Artikel des Blogs "Habichtsburg" mit dem Titel "Legen Sie Ihren lächerlichen Kinderglauben ab" (im Artikel kritisierte Äußerung eines Theologieprofessors zu einem Studienanfänger) wurde viel beachtet und scheint (da später als Gastbeitrag auch bei kath.net veröffentlicht) die Meinung vieler aus dem eher traditionellen Glaubensspektrum zur Bibelwissenschaft zu treffen.
  2. Besonders massiv wird sich bei vielen Beiträgen gegen die häufige Auslegung gewehrt, die Menschen um Jesus hätten im Zusammenhang dieser Erzählung ihr Mitgebrachtes miteinander geteilt.
Einen Glauben, der sich (ausschließlich?) an den Worten des Evangeliums orientiert, als "lächerlich" zu bezeichnen, halte ich für ein Unding. Daraus spricht wenig Fingerspitzengefühl, vielleicht aber auch der Frust eines Professors, der sich wieder und wieder mit einem jede Erzählung wörtlich nehmenden Bibelverständnis auseinandersetzen muss. Allerdings: Theologiestudierende, die sich mit Wissenschaft auseinandersetzen wollen, müssen nun mal damit rechnen, dass mancher bislang unhinterfragt als wahr angenommene Glaubenssatz an der Uni nüchtern hinterfragt und akademisch analysiert wird, was anscheinend immer noch manche Studienanfänger zu überraschen scheint. Bestenfalls vertieft das Analysieren und Hinterfragen den persönlichen Glauben, auch wenn er möglicherweise zunächst verunsichert wird. Zu Punkt zwei komme ich weiter unten.

Inzwischen hat sich auch Gerd Häfner in dem überaus lesenswerten Beitrag "Wunder und Kinderglaube" zu dem oben unter 1. genannten Artikel geäußert und dabei auch das zweite Thema gestreift. Er macht in seinem Post sehr klar und deutlich, dass es bei der Brotvermehrungserzählung und anderen Wundererzählungen darum geht, "das Christusbekenntnisses narrativ zu entfalten", also darum, Glaubenserfahrungen erzählerisch umzusetzen und für kaum Fassbares Worte zu finden.

Die Auslegung, "die Brotvermehrung beruht auf dem Wunder, dass die Leute ihre Vorräte geteilt haben", zählt er zu dem "was man »rationalistische Wunderauslegung« genannt hat: das Wunder wird auf einen Vorgang reduziert, den man sich vorstellen kann, und ihm so alles Wunderhafte genommen." und schließt daraus "Solche Auslegungen haben mit den Erzählungen nicht mehr viel zu tun."

Aus bibelwissenschaftlicher Sicht kann und muss ich ihm da vorbehaltlos zustimmen. Und dennoch gibt es da von mir mit einer anderen Blickrichtung ein dickes "Aber": Aus pastoraler Sicht möchte ich eine Lanze brechen auch für diese Art der Auslegung. Nicht, weil ich sie für besonders angemessen, einzigartig oder gar ausreichend halte, sondern weil sie reale Erfahrungen aufgreift, wertschätzt und als Glaubenserfahrungen deuten kann.

Viele, gerade ältere Menschen kennen Notsituationen, Zeiten, in denen es von allem zu wenig gab. P. Walter Ludin hat im Zusammenhang mit eben diesem Brotvermehrungsevangelium eine Erzählung aufgespürt, bei der eine Frau in Kriegszeiten erlebte, wie sie das wenige, was sie zum Überleben notwendig brauchte, mit offenen Händen weitergab, später unerwartet reich beschenkt wurde und beides miteinander und mit dem Evangelium in Beziehung brachte. Ich weiß aus den Erzählungen anderer, dass eine solche Erfahrung auch von ihnen in ähnlicher Weise gemacht wurde und sie in der Regel zutiefst beeindruckt hat.

Quelle: WGT 2012
Im ersten Testament macht die Witwe von Sarepta eine solche Erfahrung mit dem Propheten Elia, dass sie, nachdem sie das sprichwörtlich Letzte gegeben hat, mit Gottes Hilfe überleben und weiterleben kann. Zuvor schon hatten die Israeliten auf ihrem Weg durch die Wüste diese unglaubliche Erfahrung gemacht, "vom Himmel" am Leben erhalten und gespeist zu werden. Urmenschliche Erfahrungen werden in diesem "gespeist werden" also angesprochen.

Auch wenn ich selbst von solchen Situationen der Not glücklicherweise bislang verschont geblieben bin, habe ich doch in anderen Zusammenhängen vergleichbares erlebt: Auf meinem ersten Katholikentag in Düsseldorf (1982) geriet ich um die Mittagszeit in eine Veranstaltung mit dem Titel "Im Zeichen der Kartoffel". Von dem Drumherum und den Worten ist mir nichts in Erinnerung geblieben, nur der Titel und die Aktion, die mich sehr beeindruckt hat: Wir setzten uns in kleine Grüppchen zusammen und bekamen von den Veranstaltern eine Schale mit nur drei Kartoffeln. Irgendjemand begann dann einen Schokoriegel auszupacken und dazu zu legen, alle anderen zogen nach. Gemeinsam aßen wir davon. Für uns war das eine ganz einzigartige, sehr berührende Situation von großer Tiefe!

Selbst im normalen Alltag ist immer wieder zu erleben, wie bei Festen und Feiern jede_r nur eine Kleinigkeit zum Buffet oder Programm beisteuert und daraus etwas umwerfend Großes wird, dass zum Erstaunen führt. Natürlich geht es dabei - anders als im Evangelium - nicht um Notsituationen, aber doch um die Erfahrung, wie aus dem Wenigen, das der/die Einzelne beiträgt und beitragen kann, ein Bestandteil einer großen, staunenswerten Fülle werden kann. Und immer (!) bleibt mehr als genug übrig!

Und auch wenn sich für mich diese Erfahrung bereits mehrfach wiederholt hat (gerade erst haben wir mit den Ferienkindern unser Frühstück geteilt und über die Vielfalt und Fülle gestaunt, bei der auch ein schlichter Nutellatoast oder ein sonst verschmähtes Salami- oder Käsebrot in appetitliche Stückchen geschnitten zu begehrten Leckerbissen wurde): für mich bleibt es immer wieder etwas Staunenswertes, Großes, etwas, von dem ich weiß, dass ich es nicht selber machen kann.

Unwillkürlich muss ich bei solchen Erlebnissen immer wieder an die biblischen Brotwundererzählungen denken. Andere Leute ebenfalls, wie ich aus vielen Gesprächen weiß. Warum sollte ich mir und anderen diesen Bezug nehmen? (M)Eine reale Erfahrung bekommt dadurch einen besonderen Tiefgang, eine andere Dimension, eine religiöse Deutung. Eine wichtige Erzählung aus dem Evangelium deutet mein Leben, macht es auf die Erfahrung von der Gegenwart Gottes hin transparent. Das finde ich sehr wertvoll!

Um nicht falsch verstanden zu werden: natürlich ist damit nicht die ganze Tiefe der Erzählung ausgelotet. Ein Christusbekenntnis, wie bei den Evangelisten, ist damit (noch) nicht im Blick, auch nicht der Bezug zur Eucharistie etc. Wohl aber eine sehr existentielle Lebenserfahrung, die durch den biblischen Bezug zu einer Glaubenserfahrung werden kann. Das halte ich für eine sehr wesentliche Grunderfahrung im Glauben, ein gutes Fundament, von dem aus weiter gebaut werden kann.

Wer allerdings einen Zusammenhang von biblischen Erzählungen, auch den Speisungswundern, mit solchen zum Staunen bringenden Alltagserfahrungen zu schnell beiseite schiebt, nimmt meiner Meinung nach diese existentiellen Erfahrungen, die beim Vorlesen dieses Evangeliums bei so vielen Zuhörenden mitschwingen, nicht ernst und/oder wertet sie ab. Dafür sind sie aber zu kostbar. Mir zumindest.


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Kommentare:

  1. Liebe Ameleo.

    dein Text ist sehr gut. Da kann ich alles unterschreiben.
    Es ist und bleibt schwierig, weil die meisten
    Menschen die Sachen wörtlich nehmen.
    Da ist jede Diskussion am Ende.

    Sonnige Grüße
    Elisabeth

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  2. Wenn wir uns die Bibel nicht mit unseren eigenen Gedanken und Worten erschliessen, dann laufen wir immer hinter anderen Ansichten hinterher. Bestimmt werden wir mal auf der anderen Seite des Flusses gefragt, wie wir selbst mit diesen Heiligen Schriften umgegangen sind.

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  3. Ich habe ein paar der hochtheologischen Ausführungen gelesen und verstehe schon, wo die Ängste herrühren - wenn Jesus nicht das Brot vermehrt hat, welche Wunder und Taten hat er dann auch nicht vollbracht? Die Frage stellt sich halt schon.
    Aber gerade bei dieser Erzählung bleibt ja ganz offen, wo das Brot herkam - wenn ich mich recht erinnere, steht eben NICHT im Text: "Und Jesus vermehrte das Brot und die Fische auf wundersame Weise." Sondern: erst war da nur ganz wenig Nahrung, dann genug für alle. WIE, das bleibt im Text doch offen.

    Wenn man sich die Welt so ansieht, ist dann nicht Soidarität, und zwar tatkräftige Solidarität mit Menschen, die nicht meine Familie oder Freunde sind, ein tatsächliches Wunder mit Potential, die Welt für alle besser zu machen?

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    1. Darin sehe ich ebenfalls ein großes Wunder! Aber in Bezug auf die Erzählung von der Brotvermehrung haben sich viele gegen eine solche Deutung ausgesprochen, weshalb ich hier betone, warum sie mir dennoch von großer Bedeutung ist.

      Die Frage: "Welche Wunder und Taten hat er dann auch nicht vollbracht?" stellt sich in der Tat. Aber was wäre, wenn sich herausstellte, dass tatsächlich viele Erzählungen, die wir als Tatsachenberichte verstehen wollen, sich als anders gemeint heraus stellten? Würde dann der eigene Glaube zusammenbrechen oder gar das ganze Christentum? Ich denke, beides darf und kann sich nicht abhängig machen davon, ob alles "wirklich so (= nach unserem heutigen Verständnis) gewesen ist"! Die Texte wurden unter ganz anderen Bedingungen (andere Zeit, anderes kulturelles Umfeld, andere Metaphern und Bilder etc.) geschrieben, als unter denen, mit denen wir heute leben.

      Ein Glaube, der sich abhängig macht von unserem zeitbedingten Realitäts-, Welt- und Wirklichkeitsverständnis, halte ich für einen eher schwachen Glauben. Sowie sich erweisen könnte, dass etwas "nicht wirklich so war", kann er schnell ins Wanken geraten. Eine persönliche Glaubensbeziehung, ein tiefes inneres "Wissen" tragen nach meiner Erfahrung eher.

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