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Montag, 13. August 2012

Mauern

In Sichtweite von unserem Haus, aber nicht direkt daneben, dort, wo früher eine Pferdekoppel war, wurde gebaut. Neben dem unvermeidlichen Lärm, war es sehr spannend zu verfolgen, wie schnell die Außenwände und das Dach aufgerichtet waren. Das Innere war schnell vor den äußeren Einflüssen wie Regen und Wind geschützt. Dann geschah lange Zeit scheinbar nichts, der Innenausbau war im Gange. Jetzt im Sommer tat sich wieder etwas: die Familie ist eingezogen und macht sich gerade im Außenbereich an die Arbeit: dort wurde in den letzten Wochen eine etwa 2,5 m hohe, ziemlich lange Mauer gezogen. Die letzte Kinderäußerung dazu: "Die müssen da jetzt nur noch Stacheldraht oben drauf machen!"

Neben dieser neuen Mauer steht auch ein Haus. Zur Mauer hin gibt es Fenster, geschätzt in etwa drei Meter Entfernung. Diese Nachbarn müssen sich jetzt vorkommen wie im Knast, mit so einer Wand direkt vor den Fenstern. Deshalb würde es mich nicht wundern, wenn auch dort demnächst ein Möbelwagen vor der Tür steht...
 
Wie wird das wohl mit den Nachbarn im neuen Haus? Die Mauer sagt mir: "Mit euch wollen wir keinen Kontakt!" Man muss seine Nachbarn ja nicht lieben, nur in Frieden nebeneinander leben. Und manchmal ist man auch aufeinander angewiesen. Wenn mitten beim Backen nicht genügend Eier da sind zum Beispiel oder das letzte Backpulver sich auf dem Küchenboden verteilt hat, anstatt im Teig zu landen. Oder wenn es bei einer Abwesenheit um die Sorge um die Post, die Blumen und die Tiere geht. Wollen oder brauchen die im neuen Haus uns Nachbarn nicht? Warum dann diese hohe Mauer? Ein Teil solle zum Haus hin überdacht werden, sagte mir die neue Nachbarin, als ich sie darauf ansprach. So schlimm sei das ganze doch gar nicht...

Mauern finde ich sehr ambivalent. Sicher: ich brauche sie als Schutz vor Hitze, Kälte, Wind und Regen rund um meine Wohnung. Deiche und Schutzmauern an überschwemmungsgefährdeten Flüssen und Meeren mag ich nicht missen, sie sichern uns das (Über-)leben. Allerdings schätze ich es sehr, dass alle diese Mauern in der Regel durchlässig sind, durchschritten werden können durch Fenster und Türen. Aber gerade weil wir heute den Jahrestag vom Beginn des Baus der Berliner Mauer vor 51 Jahren begehen, sehe ich auch die andere Seite: Mauern sperren auch ein und aus und weg. Dann soll es kein Hinein oder Heraus geben. Die Rede vom "Schutz" wird/wurde zur Ideologie.

Im Zusammenhang mit dem Fall der Berliner Mauer wurde auch viel von Mauern in Herzen und Köpfen gesprochen. Das sind zwar unsichtbare aber nicht minder wirksame Mauern. Auch davon sind selbstverständlich einige sehr sinnvoll: Vor rechtem Gedankengut, Rassismus, Fremdenhass, Homophobie, jeder Art von Fundamentalismus und Menschenverachtung kann ich nur ganz klare Mauern ziehen: so etwas geht gar nicht!

Andere dieser "unsichtbaren Mauern" finde ich dagegen problematisch: die Gesetze zur Abschottung Europas nach außen beispielsweise, die den Tod vieler Schutz- und Asylsuchender zur Folge haben, sind mir zu dick und dicht. Wenn auch nicht ausschließlich, so haben wir doch auch Anteil daran, dass es z.B. den Menschen in den afrikanischen Staaten wirtschaftlich schlechter geht als uns. Sich abzuschotten halte ich da für keine angemessene Form, Weltverantwortung zu übernehmen!

Auch innerhalb unserer Kirchen erlebe ich immer mal wieder solche inneren Mauern. Einzelne grenzen sich ab und bauen Mauern, was das Zeug hält. "Du darfst rein, aber du musst leider draußen bleiben! Du gehörst dazu, du da aber nicht!"

Sinnvolle Mauern schützen, nicht nur vor Wettereinflüssen sondern auch vor Einbrechern, die nehmen könnten, was mir von Wert ist. Was aber kann, um im Bild zu bleiben, für das "Wetter" stehen, das uns in den Kirchen Probleme machen könnte? 

Sicher: es gibt die Redewendung, von dem "Wind, der einem entgegenbläst". Da kann man sich drüber ärgern, vom Rad absteigen und schieben, sich dagegenstemmen, sich in einen geschützten Raum verziehen und dort verschanzen. Oder: "Segel setzen" und den "Gegenwind" zum Vorankommen nutzen. Und: "Windräder bauen", um Energie aus dem scheinbar Hinderlichen zu gewinnen. (So machen wir das zumindest im Norden mit dem echten Wind.) Manche meinen ja, wir hätten stürmische Zeiten in der Kirche. Aber statt Mauern dagegen zu errichten, um sich dahinter zu verschanzen, fände ich es vernünftiger, diese Energie sinnvoll zu nutzen!

Und was gibt es in der Kirche zu stehlen (abgesehen von den materiellen Kostbarkeiten, die aber hoffentlich nicht die Bedeutung spielen!)? Was ist jenseits des Materiellen das Kostbare, was es vor Diebstahl oder Zerstörung zu bewachen gibt? Kann man denn "Glauben" stehlen? Oder gar Gott selbst?

Wer könnten die "Einbrecher" sein, vor denen uns geistige "Mauern" schützen sollen? Menschen, die nach dem Wertvollen suchen, was sie in Kirche und Religion vermuten? Denen sollte man doch eher das Licht anmachen (wenn man weiß, wo der Schalter ist), mitsuchen oder das zeigen, was man selber bereits entdeckt hat. Da wir weder Gott noch Glauben wie eine Sache "besitzen" können, brauchen wir doch eigentlich keine Angst vor "Diebstahl" zu haben.

Wenn echte Einbrecher in einem realen Gebäude nicht gleich das Wertvolle finden, was sie suchen, richten sie manchmal einen enormen Schaden an durch das Chaos, das sie bei ihrer Suche verursachen. Ist es vielleicht das, wovor geistige Mauern schützen sollen: vor dem möglichen Durcheinander, das nach dem Kostbaren von Kirche und Glauben Suchende durch ihr Suchen, Nachhaken und Anfragen anrichten könnten?

Natürlich gibt es auch solche Menschen, die nur auf Randale und Zerstörung aus sind. Aber wieviele gibt es davon wirklich? Und rechtfertigen diese Wenigen das Aufrichten von dicken, geistigen Mauern? Ich meine nein! Mit etwas mehr Gottvertrauen, dem Wissen darum, dass es in Gottes Haus viele Wohnungen gibt (Joh 14,2), die auch gerne unterschiedlich eingerichtet sein dürfen, der Bereitschaft, in der eigenen hin und wieder mal aufzuräumen und einem guten Verhältnis zu den Nachbarn dürften eigentlich viele geistige Mauern in unseren Kirchen überflüssig werden. So wie die Berliner Mauer. Die war es immer.

Damit, dass es immer Leute geben wird, die meinen, Mauer errichten zu müssen, werde ich leben müssen. Wie mit den neuen Nachbarn. Ich bleibe da erstmal im Gespräch...

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1 Kommentar:

  1. Überall sind sie zu finden....
    letztes Jahr am 3. Oktober hatte ich einen Post mit dem gleichen Titel...
    ...aber nicht zu vergesssen...
    „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ (Psalm 18, 30)
    ...warum nicht auch bei den Nachbarn... und nicht nur zum Kirschen klauen ;-)
    Liebe Grüße
    Christine

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