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Dienstag, 21. August 2012

Von Schulschwänzern und Strafen

Ursula von der Leyen, Bundesarbeitsministerin (CDU), will Eltern von Schulschwänzern mit Bußgeldern bestrafen. Sie hält das Schuleschwänzen, spitz gesagt, für den Einstieg in die Langzeitarbeitslosigkeit. Bei Eltern jüngerer Kinder würde ein finanzieller Einschnitt als Ansporn zu besserer Kindererziehung gut wirken. Das Thema "Bußgeld fürs Schwänzen" ist nicht neu, alle paar Jahre steht es auf der (Sommer-)Tagesordnung, wie diese Artikel aus den Jahren 2008 und 2010 belegen, die mir benefind bei meiner Suche gleich auf der ersten Seite anzeigte.

Aber was für ein Dauerquatsch ist das denn!? "Ich bestrafte dich, damit du einen Ansporn hast, es besser zu machen." So etwas halte ich für einen grundlegend falschen Ansatz, der ohnehin zum Scheitern verurteilt ist. Immer!

Aber dieser Ansatz ist auch in anderen Zusammenhängen weit verbreitet. So gibt es Lehrer_innen, die meinen, wenn ein Schüler/eine Schülerin zwischen zwei Noten steht, würde die schlechtere sie anspornen, zukünftig mehr Leistung zu bringen. Gibt es irgendjemanden, bei dem das geklappt hätte??? Schlechte Noten und Strafen schaffen nur Frust, Verweigerung, Auflehnung oder Rückzug, aber nur in den seltensten Fällen eine Verhaltensänderung, die dann meist aber nicht von Dauer ist. Denn die Ursache bzw. die Ursachen, die für ein Fehlverhalten wie z.B. Schulschwänzen oder schlechte Leistung stehen, werden damit niemals beseitigt.

Als Gründe für das Schwänzen nennt Professor und Sozialpädagoge Karlheinz Thimm aktuell bei Spiegel online:
Eine große Gruppe sind Schüler, die zu Hause mit Armut, Sucht, Gewalt, Beziehungsinstabilität, elterlicher Resignation kämpfen. Das sind Jugendliche aus sozial extrem verwundeten Verhältnissen - ihnen fehlt die Kraft zum Lernen, ihre latente Lernbereitschaft verkümmert. Andere Schüler sind der sozialen Arena Schule nicht gewachsen: Sie werden gemobbt und sind unbeliebt. Etwa jeder achte Schulverweigerer gehört nach unseren Untersuchungen dazu. Und es gibt die "Störenfriede". Sie hatten schon früh schwache Leistungen, wurden nie in der schulischen Hauptwährung Zensuren belohnt, haben Racheimpulse nach dem Motto: Denen werd ich's zeigen. Oft merken sie auch, dass ein Lehrer sie nicht dabei haben will, weil ihre Abwesenheit einiges erleichtert.
Darüber hinaus nennt er noch eine vierte Gruppe von Schulschwänzern:
Schüler, die unabsichtlich in eine Schwänzerkarriere reinrutschen - und den Rückweg nicht mehr finden. Am Anfang machen sie wegen guten Wetters, einer Klassenarbeit oder nicht gemachter Hausaufgaben ein paar Stunden blau. Dann tun sie sich zusammen mit anderen Schwänzern und fühlen sich in dieser Gegenkultur wohl. Hier ist Gegen-die-Schule-Reden oft der kleinste gemeinsame Cliquennenner.
Was wird passieren, wenn jugendliche Schulschwänzer_innen aus einer instabilen Familie mit Gewalterfahrungen erleben, dass ihre Eltern ein Bussgeld bezahlen müssen? Sie werden noch mehr Gewalt erfahren, noch weniger Halt haben. Eltern, die mit der Erziehung ihrer Kids überfordert sind, werden durch weniger Geld auch nicht kompetenter. Auch unbeliebte Schüler_innen werden durch den finanziellen Druck auf die Eltern, den diese aller Voraussicht nach an ihrer Sprößlinge weiterreichen, nicht weniger gemobbt. Und auch das oft leider richtige Gefühl mancher auffälliger Schüler_innen, dass ihre Lehrer_innen eigentlich über ihre Abwesenheit erleichtert sind, lässt sich durch eine Geldstrafe nicht beheben.

Es sind vielmehr soziale und Beziehungsprobleme, die angegangen werden müssen. Mehr Menschen, mehr Beziehungsangebote, mehr Qualifizierung und auch mehr soziale Gerechtigkeit sind nötig, um auf Dauer angelegte Verhaltensänderungen zu ermöglichen und durchzusetzen. Aber die kosten Zeit und Geld, ein Bußgeld hingegen füllt die klammen Kassen.

Was nötig ist, sind gesamtgesellschaftliche Konsequenzen: Familien, bei denen Überforderung droht, brauchen Unterstützung von Anfang an. Durch Projekte wie die Familienhebammen zum Beispiel, durch niedrigschwellige Unterstützung auch über das Säuglingsalter hinaus, durch kompetente und flexible Betreuungseinrichtungen und mehr Schulsozialarbeiter_innen und Schulpsycholog_innen pro Schüler_in. Aber auch durch mehr Ausbildungs- und Arbeitsplätze und positivere Zukunftsperspektiven auch für lernschwächere Menschen.

Auch die Kinder und Jugendlichen selbst müssen mehr in die Verantwortung genommen werden. Zunächst natürlich in den Familien. Gewaltfreiheit versteht sich eigentlich von selbst, ist aber leider noch immer nicht überall selbstverständlich. Auch von Strafen bei der Erziehung halte ich überhaupt nichts. Kinder lernen dadurch nur, dass die Erwachsenen mächtiger sind als sie, und das wissen sie ohnehin. Um selbständige, sozialkompetente Erwachsene zu erziehen, sind Strafen völlig ungeeignet. Auch Frau von der Leyen müsste das als Mutter wissen.

Kinder sind noch unfertig, zugleich aber auf ihre Art kompetent. Als Mutter/Vater weiß ich das, ich bin ja auch nicht vollkommen und ihnen trotzdem voraus. Handeln, auch negatives, hat Konsequenzen für Erwachsene wie für Jugendliche und Kinder.
  • Wenn eine Aufgabe (auch Schulaufgabe) heute nicht erledigt wurde, geschieht das eben später und andere, vielleicht schönere Dinge müssen warten. Das ist logisch, aber keine Strafe.
  • Wer etwas angestellt oder jemanden verletzt hat - auch verbal - entschuldigt sich und überlegt sich darüber hinaus, wie der angerichtete Schaden zumindest ansatzhaft wieder gut gemacht werden kann. Wir Eltern mit unserem größeren Weltwissen und mehr an Lebenserfahrung unterstützen die Suche nach angemessenen Ideen. Aber wozu auch noch eine Strafe?
  • Meinungsverschiedenheiten werden im Gespräch geklärt, bei dem ich mir als Mutter/Vater bewusst bin, dass ich die größere Macht habe, die ich aber nicht missbrauchen werde. Die Rede von "Widerworten" und "Ungehorsam" ist Blödsinn und sollte endlich der Vergangenheit angehören.
  • Und wenn ich überfordert bin und mein Kind zu der besonders anstrengenden Sorte gehört? Dann hole ich mir Hilfe, die dann aber auch schnell, kompetent und möglichst unbürokratisch zur Verfügung stehen muss.
So sollte es laufen, je auf die individuelle Familiensituation zugeschnitten, versteht sich. Läuft es aber leider nicht immer. Und auch schlechte Erfahrungen mit Familie, Schule, Behörden tradieren sich leider oftmals. Deshalb reicht es nicht, allein den Familien die Verantwortung für die Erziehung der Kinder zu verantwortungsbewussten Menschen aufzudrücken.

"Um ein Kind zu erziehen braucht es ein ganzes Dorf" heißt ein afrikanisches Sprichwort. Auch die Gesellschaft, vertreten u.a. durch die Schule, muss den Kids und Jugendlichen Verantwortung zutrauen und abverlangen und sie darin unterstützen, angemessenes Sozial- und Arbeitsverhalten zu erwerben. Durch schulinterne und wo nötig auch externe Trainings in sozialer Kompetenz und Konfliktlösung beispielsweise. Auch dafür braucht es entsprechend geschulte und mit dieser Aufgabe beauftragte bzw. freigestellte Personen und Lehrer_innen, die vorleben, was sie von den Jugendlichen und Kids erwarten.

Immer wird es trotzdem Außenseiter_innen geben und Kinder/Jugendliche, die sich unangemessen und unangepasst verhalten, darunter solche, die die Schule schwänzen. Die Frage ist aber, wie wir als Gesellschaft und auch als einzelne angemessen, d.h. zugleich die Person akzeptierend wie auch Fehlverhalten gegenüber Grenzen aufzeigend, mit ihnen umgehen. Es braucht Mut und Zivilcourage, eindeutig schulpflichtige Jugendliche, die sich morgens außerhalb der Schule aufhalten, darauf anzusprechen, warum sie nicht im Unterricht sind. In dem Moment sind wir "das Dorf", dass sich mit um die Erziehung dieser (möglicherweise gerade schwänzenden) Kids kümmert. - Sie werden das nicht besonders toll finden und uns dies auch deutlich zeigen. Vielleicht kommt aber auch ein minimaler Prozentsatz von etwas anderem bei den Jugendlichen an: "Da hat jemand Interesse an mir. Ich bin jemandem nicht egal!" Bei Zachäus (das war einer, keine Masse!) hat diese Erfahrung sein Leben umgekrempelt...

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1 Kommentar:

  1. Hallo,

    ich bin ganz deiner Meinung. Ich mag diese pädgogischen Noten auch nicht. "Ich gebe dir mal die 4, damit du dich im nächsten Halbjahr noch ein bisschen mehr im Mündlichen anstrengst" Bei meinen Kinder hat das nur für Traurigkeit und Frust gesorgt. Bei stillen und schüchternen Kindern bewirkt sich dies Haltung besonders negativ aus.
    Oft wäre Unterstützung in einem anderen Rahmen viel sinnvoller.

    Lg

    Barbara

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