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Samstag, 15. September 2012

Darf ich beten?

Mitte vergangener Woche schrieb Stephanie in einem Post von einer Leserin, die sich an sie gewandt hatte mit Fragen zum Thema Gebet. Sie schrieb:
* Zu den Hintergründen von "Revive your Marriage" habe ich dies, dies und das (engl.) gefunden.
Quelle: pixabay
Stephanie hat in ihrem lesenswerten Artikel ihre Gedanken zum Thema Gebet formuliert und am Ende dazu aufgefordert, von eigenen Erfahrungen zu berichten. Darüber hinaus bat sie mich auch direkt, etwas dazu zu schreiben mit der Anmerkung, ich sei ja Theologin.

Dazu eine kleine Vorbemerkung: Natürlich wird im Theologiestudium auch über das Gebet gesprochen, aber es ist keine "Gebetsschule", soll, will und kann es auch gar nicht sein. Kompetenz in Sachen "Gebet" gewinnt man meiner Erfahrung nach vor allem im Tun und Mittun und durch erfahrene Begleiter oder Begleiterinnen. Die Theologie kann das Gebet bereichern, und für mich tut sie das auch, ist aber keine Voraussetzung um darin zu reifen.

Was aber könnte ich oben erwähnter Leserin antworten? Ich weiß ja fast gar nichts von ihr, nur dass ihre Erfahrungen mit dem Gebet "negativ" waren (was heißt das?), dass sie befürchtet, damit "etwas anderes auszulösen als das Erhoffte" (was könnte das sein?) und sie deshalb unsicher ist, was das Beten überhaupt angeht. Außerdem nimmt sie an einem Programm teil, dass sie aktuell auffordert, für ihren Mann zu beten.

Gar nicht so einfach! Denn in dem Ausschnitt aus ihrer Mail schwingen so viele Fragen und Themen mit, von denen ich nicht weiß, ob sie für die Fragende ebenfalls dahinter stehen. Fragen wie:
  • Hört Gott mein Gebet und erhört er es auch?
  • Inwieweit greift Gott auf mein/unser Gebet hin in das Weltgeschehen ein?
  • Was darf ich beten? Muss ich immer nur bitten, danken und preisen oder darf ich auch mal sauer sein, sogar jemandem „die Pest an den Hals wünschen“?
  • Macht es überhaupt Sinn zu beten?
  • Wie kann ich beten?
Hätte sich die o.g. Leserin an mich gewandt, würde ich nachfragen: Was verstehst du unter "für deinen Mann beten"? Was ist passiert, dass du Negatives mit dem Beten verbindest? Was meinst du mit dem "Gegenteil vom erhofften Ergebnis"? Vielleicht bekäme ich auch etwas mit von der Beziehung dieser Frau zu ihrem Ehemann, denn darum scheint es auch zu gehen. Ohne mehr zu wissen, kann ich nur meine Phantasie zur Hilfe nehmen.
 
Aus dem kurzen Abschnitt scheint mir zu sprechen, dass die Leserin sich etwas ersehnt, erhofft, erwünscht. Vermutlich für ihre Beziehung. Etwas scheint sie zu belasten, bedrücken. Es klingt so, als gäbe es Probleme mit ihrem Mann. Das soll vorkommen, in unterschiedlicher Intensität. Nun sagt das Programm, an dem sie teilnimmt, sie soll für ihren Mann beten. Vielleicht wünscht sie sich von Herzen, dass er sich in einer Angelegenheit, die ihr von großer Bedeutung ist, ändert. Vielleicht nervt er sie oder verletzt sie wissentlich oder unabsichtlich. Es spricht nichts dagegen, dies im Gebet vor Gott zu bringen. (Es ersetzt aber auch nicht das Gespräch mit dem anderen!)
 
Alles hat Platz im Gebet: in guten Zeiten der Dank, in Zeiten der Sorge die Bitte und in Krisensituationen auch die Klage, sogar bis zur Anklage Gottes. Auch Wut, Zorn und Aggressionen, alle Gefühle, die ich als unangenehm oder "negativ" empfinde, dürfen sein. Mit allem darf ich mich angenommen wissen. Es kann sogar sehr gut sein, mich im Gebet vor Gott einmal richtig gehend „auszukotzen“, alles Belastende so lange vorzubringen, bis ich innerlich leer und wie gereinigt bin. In diesem Leerraum ist dann möglicherweise Platz für etwas Neues. Wenn ich lange genug geredet und meine Not heraus geschrien habe, schaffe ich es vielleicht auch wieder hinzuhören.
Quelle: pixabay
Die Psalmenbeter haben starke Worte für ihre Aggressionen gefunden. Da wird Gott "der Vergeltung" (Ps 94,1) gebeten einzugreifen, weil er auch schon anderen Gegnern „den Kiefer zerschmettert und die Zähne eingeschlagen“ hat (Ps 3,8), die Feinde des Beters wie schon andere „zertreten“ (Ps 60,14) und "vernichten" möge (Ps 94,23).

Leider sind diese wütenden und nach Rache bzw. Gerechtigkeit schreienden Psalmen und Verse nicht ins Gesangbuch „Gotteslob“ gelangt. Da fehlt uns ein wenig das Vorbild, selber solche Worte zu ergreifen. Vor Gott im persönlichen Gebet, meine ich, dürfen wir das aber. In der Öffentlichkeit allerdings würde ich nur in besonderen Kontexten diese Psalmen sprechen und ansonsten besonnenere Worte wählen.
 
Aber macht dann Gott auch das, wofür ich ihn bitte, das Positive wie das Negative? Oder macht er das Gegenteil? Macht Gott überhaupt etwas und greift in unser Leben ein? Die Erfahrungen damit sind so vielfältig wie es Menschen gibt. Viele Texte aus beiden Teilen der Bibel sprechen von der Überzeugung, dass es Gott auf jeden Fall nicht egal ist, wie es uns Menschen geht. Auch Jesus fordert die Menschen um ihn herum immer wieder zum Gebet auf und war selbst im ständigen Kontakt zu seinem Vater.
 
Meine Erfahrung ist, dass das Gebet vor allem mich ändern kann. Manchmal sehe ich Dinge hinterher klarer. Manchmal bekomme ich Ideen, was ich selber tun und wie ich etwas/mich ändern kann. Zu anderen Zeiten wird mir deutlich, dass ich etwas nicht beeinflussen kann und akzeptieren muss, dass ich es nur in die größeren Hände legen kann. Manchmal aber geschieht auch einfach gar nichts. Oder lange nichts, und wir schweigen gemeinsam.
 
Es kann sein, dass ich während eines Gebets merke, dass ich eine Entscheidung treffen muss. Möglicherweise eine, die in meinem Lebensentwurf eigentlich nicht vorgesehen ist. Oder die vielleicht von anderen oder meiner Kirche nicht verstanden oder abgelehnt wird. Es kann zum Beispiel sein, dass ich mich von einem Arbeitsplatz verabschieden muss, weil ich dort gemobbt werde, es aber nicht absehbar ist, wie es anschließend finanziell weiter gehen kann. Oder ich spüre, dass ich mich von meinem Partner trennen muss, weil physische oder psychische Gewalt im Spiel ist, die mir meine Würde nimmt und auch den Kindern schweren Schaden zufügt. Vielleicht wird mir betend deutlich, dass ich diese innere Ahnung noch weiter mit jemandem besprechen muss – außerhalb des Gebets. Hat Gott dann eingegriffen?
 
Vielleicht ist es so etwas, wovor die oben genannte Leserin Angst hat: Dass sie spüren könnte oder eigentlich innerlich schon ahnt, dass das geplante Gebet für ihren Mann im Grunde nicht stimmt, dass eigentlich etwas anderes angesagt ist. Weiß sie vielleicht bereits, dass sie genau genommen in die Auseinandersetzung mit ihrem Mann gehen müsste, vor der sie sich aber scheut/fürchtet? Hat sie vielleicht Angst vor den Konsequenzen eines Gebets, dass Gott sie in ihrer Not tatsächlich ernst nimmt, sie klarer sehen lässt und ihr ein „neues Land verheißt“, von dem aber weder klar ist, wo es liegt, noch wie es da sein könnte?  Wie in jedem anderen Gespräch lässt sich auch im Gebet nicht vorher sagen, was am Ende steht. Lebendigkeit ist unberechenbar.
 
Ob es das ist, was besagter Leserin weiterhelfen könnte, weiß ich nicht. Vielleicht ging es ihr ja um etwas ganz anderes. Es sind meine momentanen Gedanken zu diesem Thema, die durch die Bitte von Stephanie und die kurze Passage aus der Email an sie inspiriert wurden. Auf die Frage: "Darf ich beten?" ist meine Antwort: "Na klar! Aber sei dabei auf Unerwartetes gefasst!"

Vielleicht hat ja jemand Lust, den Faden noch weiter zu spinnen!

Verlinkt mit: "Mein erfolgreiches, kleines Familienunternehmen".


1 Kommentar:

  1. Liebe Ameleo,

    das sind wieder sehr gute Anregungen.

    Zum Schreiben darüber fehlen mir die Worte.

    Eine gute Nacht wünscht dir

    Elisabeth

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