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Sonntag, 2. September 2012

Händewaschen - Nachgedanken zum Sonntagsevangelium

Die Pharisäer und die Schriftgelehrten sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. Sie fragten Jesus: "Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?"
Er antwortete ihnen und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage: "Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein."
Quelle: pixabay
Nee, ne: Tausend mal frage ich als Mutter: "Hast du dir die Hände gewaschen?" Tausend mal und mehr fordere ich den eigenen Nachwuchs samt befreundeten Besucherkids vor dem Essen auf: "Hände waschen! Und vergeßt die Seife nicht!", in der vagen Hoffnung, dass das auch irgendwann mal von selbst klappt, und dann soll das laut Jesus bedeutungslos sein?!

Ungezählte Male kümmere ich mich um saubere Kinder, Klamotten, Töpfe und spüle das Geschirr, bzw. sorge dafür, dass das gemacht wird, und eigentlich kommt es darauf nicht an?! - O.k.: im heutigen Evangelium (Mk7,1-8.14-15.21-23) geht es den Gegnern Jesu um kultische Reinheit, aber meine Alltagserfahrung klingt auch an! Denn solche Diskussionen wie zwischen Jesus und seinen Gegnern kenne ich auch: dass das doch eigentlich überbewertet wird, mit dem Händewaschen aus den verschiedensten Gründen und so. Wäre der mir als mein Sohn mit so einer Antwort gekommen, dann hätte der aber was erleben können!

Anderes kenne ich auch aus dem Alltag: "Mama, der und die haben sich nicht die Hände gewaschen!" Oft gehört und früher selbst so geredet, äh: gepetzt und natürlich selber auch verpetzt worden. Blöd, wenn man von irgendeinem Klugschnacker wegen sowas bloßgestellt wird! Als diejenige, die dann aufgefordert wird, doch etwas zu unternehmen, nervt das ebenfalls. Als diejenige, die jemand anderen "überführt", fühlt es sich dagegen gut an. Schließlich hat man selbst ja den Erwartungen entsprochen und erwartet, dafür entsprechend gelobt zu werden! Blöd nur, wenn die Anerkennung dann ausbleibt.

Mir selbst ist das Hände-, Geschirr- und Wäschewaschen, reinigen und putzen in Fleisch und Blut übergegangen, darüber denke ich nicht großartig nach. Auch wenn es nicht unbedingt Spaß macht, wird es eben gemacht, wenn es dran ist, weniger aus kultischen, eher aus hygienischen Gründen.

Aber es gibt auch Leute mit Wasch- und Putzfimmel oder -zwang. Die tun des Guten zu viel und nerven damit nur die anderen, weil und wenn sie von ihnen gleiches erwarten. Ganz schlimm ist es, wenn das Waschen krankhafte Züge annimmt, die der oder die Betroffene selbst nicht mehr kontrollieren kann.

Die Gegner Jesu nahmen es mit dem Reinigen von sich und allen möglichen Gegenständen sehr genau, genauer als genau, wie eine Art Waschzwang. Ihnen ging es nicht mehr darum, gut leben zu können, sie wollten es "nicht nur sauber" haben, "sondern rein", wie es früher in der Werbung hieß. Und damit haben sie offensichtlich ziemlich genervt: in der beschriebenen Situation zumindest Jesus, seine Jünger vermutlich auch und ebenso manch andere, die unter diesem Reinlichkeitsfimmel zu leiden hatten.

Das Wesentliche hatten sie nämlich darüber aus dem Blick verloren: dass es bei diesen überlieferten Vorschriften um ein gutes, sinnvolles Leben geht und nicht um das Einhalten von (priesterlichen) Vorschriften um des Einhaltens dieser Vorschriften willen. Das wäre dann ungefähr so, als würde ich meinen frisch der Dusche entsprungenen Nachwuchs vor dem Abendessen zum Händewaschen schicken, weil das vor dem Essen nun mal so gemacht wird.

Es gibt Leute, die fühlen sich wohl, wenn es möglichst viele Gesetze und Vorschriften gibt. Das vermittelt ihnen Sicherheit. Die verschärften Kontrollen an Flughäfen und Überwachungskameras an unzähligen Orten beispielsweise scheinen ihnen das Gefühl geschützt zu sein zu geben, eine trügerische Sicherheit! Dass sie dabei in ihrer Freiheit eingeschränkt werden und erheblich an Lebensqualität verlieren, nehmen sie dabei gerne in Kauf, nehmen es selber nicht mehr wahr oder verleugnen es sogar ganz.

Gut zu leben, miteinander und mit Gott, braucht gewisse Spielregeln, die im Normalfall so selbstverständlich sind, dass sie sich selbst erklären. Das ist nicht der strittige Punkt. Aber das Leben orientiert sich nicht immer an der Norm und ist zudem nicht dazu da, um Vorschriften zu erfüllen.

Um beim Händewaschen zu bleiben: Wenn ich einen Ausflug mache mit Picknick im Grünen, dann gibt mir das ein hohes Maß an Lebensqualität! Es kann mich sogar für die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Schöpfung sensibilisieren und mich zutiefst dankbar sein lassen. Da stellt sich dann schon die Frage (nee, mir stellt sich die nicht!), ob ich mich für das Prinzip: "Vor dem Essen werden die Hände gewaschen!" belasten will und einen Extrakanister mit Wasser mitschleppe (manche Supermamas weichen auch gerne auf Feuchttücher aus. Dann duften die Hände nach Parfum statt nach Natur und die Finger schmecken lecker nach Seife ...), oder ob ich unter diesen besonderen Umständen auch mal fünfe gerade sein lasse.

Spannend finde ich an diesem Thema auch, dass vor nicht allzu langer Zeit ein Text und ein Video sehr populär war, in dem der Gottesdienstbesuch mit dem Waschen verglichen wurde. Argumente gegen das In-die-Kirche-gehen wurden umgeschrieben auf das Thema Waschen (z.B. hier und hier).

"Waschen macht mir keinen Spaß." wird da erwähnt, "Ich bin nicht schmutzig - also brauche ich mich nicht zu waschen.", "Die Leute, die sich waschen, sind ja doch bloß Heuchler.", "Waschen ist langweilig." und "Niemand von meinen Freunden oder Bekannten wäscht sich."

Man mag diese Aufzählungen und deren visuelle Umsetzung für witzig halten, für originell und kreativ, aber es bleibt ein Geschmäckle. Auch heute ist der Vorwurf: "Ihr wascht euch nicht!" (d.h. ihr geht nicht zum Gottesdienst, geht also euren religiösen/kultischen Verpflichtungen nicht nach!) also noch immer oder (leider) wieder sehr populär. Seit der Zeit Jesu scheint sich da wenig geändert zu haben.

Ich fand diese "Waschargumente" nie witzig, denn sie greifen zwar Argumente gegen den Besuch eines Gottesdienstes auf, nehmen sie aber nicht ernst und verspotten damit diejenigen, die sie als ernsthaften, nicht nur vorgeschobenen Grund angeben. Damit bestätigt man sich im Grunde nur selbst und lobt letztlich ein wenig überheblich nur das eigene Verhalten. Die aber, über die man sich lustig macht, erreicht man in keinster Weise. Im Gegenteil: sie werden auf Distanz gehalten, und gleichzeitig wirft man ihnen diese Distanz vor! Es findet keine wirkliche Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden Gründen des fehlenden Gottesdienstbesuches statt, schon gar keine Selbstreflexion.

Wenn ich mit einem Finger auf jemand anderen zeige, z.B. beim Petzen, beim Anklagen, beim Vorführen, dann weisen immer vier Finger auf mich selbst. Auf diese vier Finger scheint auch Jesus bei seiner Auseinandersetzung um das Händewaschen zu blicken. Er stößt seine Gegner mit der Nase auf ihren "Waschzwang", auf ihr Gepetze und die zugrunde liegende Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit. Das ist der eigentliche Schmutz und Dreck, der abgewaschen werden müsste, wobei ihm allerdings nicht von außen mit Wasser und Seife beizukommen ist.

Quelle: pixabay
Und das ist es, wovon auch ich mich angefragt fühle: Worin bestehen meine "Waschzwänge"? Wo enge ich andere und auch mich selbst durch mein Verhalten und meine Vorstellungen ein? Wo mache ich Vorgaben, die nicht dem "Leben in Fülle" dienen? Allerdings: Diese Fragen richte ich nicht nur an mich selbst. Auch unsere Gesellschaft und meine Kirche müssen sich diese Fragen gefallen lassen! Denn auch dort gibt es so einiges an Waschzwang zu überwinden - zugunsten von mehr Lebensfülle. Und ausschließlich dazu sollen Spielregeln wie das Händewaschen doch dienen!


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Kommentare:

  1. Zwei Anmerkungen dazu:

    Wir (ich wurde 1963 geboren) waren damals nicht so sauber, schon garnicht porentief rein mit antibakteriellen Mittelchen gewaschen / geputzt, und hatten damit Gelegenheit, ein funktionierendes Immunsystem aufzubauen. Allergien waren selten. Und heute? Die Folgen des Reinlichkeitszwangs sind nur schwer übersehbar. Wie ich das jetzt aber auf den Besuch des Gottesdienstes übersetzen könnte, weiß ich nicht.

    Ich gehe nur sehr selten zum Gottesdienst, aber doch recht häufig in Kirchen. Es ist mir wichtig, dort meine eigene Zwiesprache mit Gott halten zu können (auch, wenn ich mit diesem Wort "Gott" so manches Mal meine Schwierigkeiten habe) und um für alle möglichen Leute eine Kerze anzuzünden (was ja mittlerweile auch in evangelischen Kirchen möglich ist). Und meist höre ich sonntags einen Gottesdienst im Radio oder sehe mir den Fernsehgottesdienst an – aber das liegt wohl zum Teil auch an meiner körperlichen Befindlichkeit.

    Also bin ich einer jener ungewaschenen Vagabunden, die immer wieder an die Tür klopfen und eingelassen werden. Doch ohne meine eigenen Wege, ohne meine Freiheit, mich frei für oder wider ein rituelles Waschen entscheiden zu können, würde ich es als Zwang wohl vollständig ablehnen ...

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    1. Lieber Emil,
      ich mache grade Wäsche (trotz Sonntag, leider!) und werde dabei über die spannende Frage der "Allergien" nachdenken!

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  2. Liebe Ameleo,

    das ist ein Thema, an das ich oft denke.
    Und dann sehe ich, wie man sich ändert, geändert wird.

    Beispiel:
    Als Kind konnte ich einen Apfel vom Boden aufheben,
    habe ihn abgewischt und gegessen. - Wenn ich heute daran
    denke, wird es mir fast schlecht.

    Früher bin ich nie davon krank geworden. Heute würde ich
    es mit Sicherheit nicht mehr vertragen.
    Woher kommen solche Gegensätze?

    Gut, dass man mittlerweile auch sonntags waschen darf.

    Eine gute Nacht wünscht dir
    Elisabeth

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