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Mittwoch, 26. September 2012

"Kampf um den Vatikan"

Hinter den Kulissen des Konzils


"Zu erzählen ist eine Geschichte, wie sie noch nie gezeigt wurde. Es geht um einen Kampf, der die Welt bewegte, weil er ihre größte und älteste Institution im Kern erschütterte: die katholische Kirche. Mehr als drei Jahre lang wurde im Vatikan um Macht und Wahrheit gerungen.

Ein halbes Jahrhundert später kämpft Papst Benedikt XVI. noch immer mit den Folgen. Er versucht die Risse zu kitten und die Kirche auf Kurs zu bringen. Als junger Mann hat er den Ausbruch der Krise miterlebt.
(...)
Das Vorhaben ist von Beginn an umstritten. Es spaltet die Kirche in zwei Lager."
Mit diesen Worten begann gestern der Film zum II. Vatikanum auf ARTE, der hier noch eine Woche lang online angesehen werden kann. Er hat mir außerordentlich gut gefallen! Deshalb hier dazu ein paar Gedanken.

Wie schon auf dem Konzilsblog wurde auch in der Sendung deutlich: dieses Konzil lässt sich nicht auf seine Texte reduzieren. Es wird erst verständlich, wenn auch die Entwicklungen, die es begleitet haben, die Begegnungen und die beteiligten Personen und Personengruppen in den Blick genommen werden.

Der Film hat bei mir das Wissen um die Hintergründe des Konzils und seine Ergebnisse wachgerufen und vertieft. Es war mir nicht mehr bewusst, welche Auseinandersetzungen und Lager es gegeben hat. Um Themen, die wir bis heute diskutieren (Zölibat, Frauenordination, Verhältnis vom Papst zum Bischofkollegium, ...) wurden schon damals gestritten. Positionen, die heute von reformorientierten Katholik_innen vertreten werden, waren schon damals Ansichten von einem Teil des Kardinalkollegiums! Texte, die heute von traditionalistischer Seite als zu weitgehend empfunden werden, waren schon damals Kompromisse! Ein Teil der Konzilsväter dachte auch damals schon weiter als wir es heute sind. Das muss einfach immer wieder betont und wiederholt werden, gerade weil rückwärtsgewandte Kräfte uns heute etwas anderes glauben machen wollen.

Erschreckend fand ich, dass es offensichtlich etwas Besonderes war, dass sich ein Teil der Kardinäle auf die Sitzungen intensiv vorbereitete. Eine persönliche Vorbereitung und Auseinandersetzung mit den Inhalten einer Konferenz o.ä. sollte doch eigentlich eine Grundvoraussetzung und Selbstverständlichkeit sein! (Ist es aber auch heute leider immer noch nicht überall, gerade im kirchlichen Rahmen und gerade bei den gesalbten Kollegen.)

Heißt dies, das bei den anderen Konzilien die Beteiligten unvorbereitet und uninformiert waren? Dann frage ich mich, wie dort Entscheidungen zu stande gekommen sind! (Nein, ich frage es mich nicht: in hierarchischen Systemen entscheidet der Chef. Wozu Information und Beteiligung?) Das, was heute vom "Kirchenvolk" an Beteiligung eingefordert wird, ist eine Fortsetzung dessen, was sich die am Konzil beteiligten Kardinäle mühsam erkämpft haben.

Deutlich wurde mir beim Anschauen des Films aber auch: ein solcher Umgang miteinander ist uns in der katholischen Kirche noch immer fremd. Wir sind nach wie vor nicht wirklich darin geübt, mit Konflikten und gegensätzlichen Ansichten konstruktiv umzugehen.

Gegen Ende des Films (ca. 48:41) habe ich mich über die Einschätzung von Kardinal Rodriguez Maradiaga aus Honduras der gegenwärtigen und andauernden Krise der katholischen Kirche gefreut. Er benutzte einen Vergleich, den ich auch gerne gebrauche, indem er auf die erschütternden und krisenhaften Umbrüche während der Pubertät verweist. Er sagte:
"Jede Krise ist eine Chance. Eine Krise, die zu einem guten Ende führt, trägt zum Wachstum bei. Wenn sie schlecht ausgeht, behindert sie das Wachstum. Das beste Beispiel ist die Pubertät. Eine schreckliche Krise der Ungewissheiten und Veränderungen. Aber ohne sie blieben wir auf immer Kinder, infantil. Und als Glaubende sollten wir jede Krise auf diese Weise annehmen. Als eine Chance zu wachsen."
Das kann immer nur wieder bekräftigt werden: Es ist Zeit, aus einem infantilen Glauben und Kirchenverständnis herauszuwachsen! Es ist Zeit, Verantwortung in Beziehung zu den mit, neben und vor uns Lebenden übernehmen. Die Zeiten, in denen infantil nur das nachgesprochen, -gebetet und -geglaubt wird, was andere vorformuliert haben, müssen vorbei sein. Das wird auch zukünftig Konflikte mit sich bringen. Und nicht jede und jeder möchte erwachsen werden. Damit umzugehen, müssen wir eben lernen.

Ich kann allen, die den Film noch nicht gesehen haben, nur empfehlen, dies nachzuholen!


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Kommentare:

  1. Ich gebe zu, ich habe den Film nicht gesehen, werde es aber nachholen. Mir sei aber erlaubt, bereits einen kurzen Beitrag hierzu abzugeben, wobei ich mich entschuldige, wenn ich hier bekannte Binsenweisheiten von mir gebe:

    Das Vatikanum II war kirchenhistorisch qualitativ kein besonderes Konzil! Quantitativ schon, durch die große Zahl an Konzilsvätern. Aber das war es denn auch schon. Auf anderen Konzilien wurde wesentlich heftiger gestritten, andere haben wesentlich länger gedauert, die Themen waren wesentlich wichtiger und die Auseinandersetzung und Umsetzung hat wesentlich länger gedauert. Das wird in der Rückschau leider gerne vergessen. So hat es z.B. Jahrzehnte gedauert, bis sich die disziplinarischen Bestimmungen des Tridentinums durchgesetzt hatten und über manche Probleme, die das Konzil ansatzweise entschieden hatte, wurde noch Jahrzehnte danach gestritten - z.B. der Streit zwischen Molina und Banez um Rechtfertigung und Prädestination. Man darf also mit einer gewissen Gelassenheit auch das Vatikanum II zurückblicken. Zudem ist der Kompromiss das Kennzeichen aller Konzilien und kein Konzilstext in der 2000 Jährigen Kirchengeschichte ist kein Kompromiss.

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    1. Genau das finde ich aber wichtig zu betonen: Kompromisstexte geben keine Extrempositionen wieder, wie es aber heutzutage von manchen mit Bezug auf das Vat. II behauptet wird. Die Texte bleiben hinter dem, was viele Konzilsväter für richtig hielten und glaubten, zurück um andere nicht zu verlieren. Das wird bei jedem Konzil so gewesen sein.

      Da wir inzwischen wissen, dass es auch in Glaubensdingen nicht nur "schwarz" und "weiß" gibt, sondern viele bunte Schattierungen, ist die größte Herausforderung heute, mit dieser Vielfalt, die auch Gegensätze beinhalten kann, umgehen zu lernen. Und die größte Gefahr oder Versuchung besteht darin, diese Vielfalt zu leugnen und einebnen zu wollen.

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    2. Ich entschuldige mich vorab mal, das ich erst jetzt um die Ecke komme. War zwischenzeitlich in Urlaub.

      Ich möchte hier kurz auf zwei Punkte hinweisen:

      Die Frage, was viele Konzilsväter wollten, ist historisch durchaus interessant. Theologisch aber eher nebensächlich. Primär ist, was rauskam, also der Text. Er allein ist durch die gemeinsame Entscheidung der Bischöfe und des Papstes Teil des Lehramtes geworden. Alles andere ist eine Privatmeinung von einzelnen oder mehreren Vätern. Diese Unterscheidung scheint mir wichtig, um nicht Gefahr zu laufen - wobei nicht angedeutet werden soll dies sei in Post und Kommentar getan worden - eine Art "Bessere Mehrheit" zu entwickeln, deren Privatmeinung dann das Lehramt ausschließlich richtig auslegt bzw. quasi lehramtlich ergänzt bzw. sogar überformt und negiert.

      Zum Zweiten ist das Vatikanum II besonders anfällig für Interpretationen, weil es besonders wortreich ist. Es handelt sich bei den Konzilsschreiben wenn man so will um mitunter aufgeblasene Enzykliken. Mit den Texten früherer Konzilien, die wesentlich mit dem Verbotsschema arbeiteten haben diese Texte nichts mehr gemein. Und je mehr Worte man macht, je mehr findet darin auch jeder seine eigene Meinung wieder. Für ein Konzil, das eigentlich keine Probleme entscheiden sondern lediglich neue Deutungsmuster geben wollte (mal ganz überspitzt gesagt) natürlich ebenso sinnvoll wie schwierig. Über Deutungshoheit hast du ja bereits einen Post abgefasst, da muss ich hier nichts mehr zu schreiben. Allerdings (ganz zuletzt) ist natürlich klar, das die vorrangige Deutungshoheit über lehramtliche Aussagen dem Lehramt zukommt.

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  2. Unser infantiler Glaube...Na ja, immer wenn so ein intellektuell überlegener, von privater Gottesschau erleuchteter, aufgeklärter Geist sich über meinen infantilen Kinderglauben mokiert, tröste ich mich mit Matthäus 18.3. Das dürfte auch diejenigen trösten, die seit 50 Jahren papageienhaft die immer gleiche Leier strapazieren- so viel kleinkindlichste Bockigkeit müsste dann ja wohl zu solcher Größe im Himmelreich führen, dass Gott den Thron freiwillig räumt.
    Abseits der Polemik frage ich ernsthaft, was ich dann denn bitteschön glauben soll, wenn mir keine Privatoffenbarung zuteil wird. Ich darf ja mündiger Weise nicht nachbeten, was mir andere vorkauen. Jesus und seine Clique von nicht selbstständig denkfähigen, einem unpolitischen Charismatiker nachtrabenden Mitläufer könnten dann kaum Vorbilder sein. Ach, und wozu braucht man dann noch Theologen- Leute die in anderer Leute Vorgekautem nach selbst Gekautem suchen? Mist, schon wieder säuerlich aufgestoßen, ich sollte mehr wiederkäuen!

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    1. Gegen das Wiederkäuen von Selbstgegessenem habe ich nichts einzuwenden (wenn man sich zu den Wiederkäuern zählt), vor allem nicht, dass andere kochen und mich zum Essen einladen. Wohl aber habe ich etwas gegen Vorgekautes oder gar Erbr...enes ...

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    2. Interessant, gerade für unpolitisch habe ich Jesus nie gehalten. Aus der Bibel entsteht für mich auch nicht der Eindruck, die Jünger wären unkritische Wiederkäuer gewesen.
      Komisch, liege ich mit diesem Eindruck so falsch?

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    3. Zum Thema Kinderglaube widme ich dir, Alex, einen Extrapost: http://frech-fromm-frau.blogspot.de/2012/09/und-er-stellte-ein-kind-in-ihre-mitte.html.

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