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Freitag, 16. November 2012

Kreativität und Multitasking

Wolfgang Fenske weist heute auf seinem Blog auf einen Artikel in der Zeitung "Die Welt" hin, der den Titel trägt: "Multitasking ist die Vernichtung von Kreativität". Inhalt ist ein Interview mit dem Hirnforscher Ernst Pöppel. Ich finde den Artikel überaus spannend! Also unbedingt selber lesen! Hier ein paar Ausschnitte daraus, garniert mit meinen Gedanken.

Quelle: wiki commons
Zunächst kritisiert Ernst Pöppel die Verschulung gegenwärtiger Bachelor- und Masterstudiengänge an den Unis wegen ihrer vernichtenden Auswirkungen auf die Kreativität der Studierenden, die er für katastrophal hält. Beim Bologna-Prozess, der zu diesen negativen Veränderungen geführt hat, habe man die frühere Verfügbarkeit der Studierenden für die Wirtschaft im Blick gehabt, nicht aber die Förderung von Kreativität. Nur noch etwa 10 % der Studierenden würde es gelingen, aus diesem engen System z.B. durch Auslandssemester auszubrechen.

In China beoachtet er demgegenüber einen gegenläufigen Trend:
Dort wurde noch vor gut zehn Jahren in erster Linie Wissen gepaukt. Doch jetzt werden die Studierenden angehalten, selber zu denken. Da entsteht ein gewaltiger Kreativitätsschub. Das wird die Welt verändern.
Damit ändere sich Wesentliches im chinesischen Lehrsystem:
China hat seit mehr als 2500 Jahren ein sehr striktes Lehrsystem. Viel Wissen zu vermitteln hatte dort immer einen hohen Stellenwert. Doch jetzt hat man erkannt, dass man überdies Freiheit einräumen muss, damit sich kreative Potenziale entfalten können. Wenn man die Voraussetzungen für Wissen und Freiheit schafft, fördert man also vorhersehbar Kreativität.
Allerdings zeigt er auch auf, dass Kreativität nicht immer willkommen ist und gerade in restriktiven Systemen als gefährlich angesehen werden kann. Kreative Menschen seien häufig nicht besonders angepasst, sie müssten akzeptieren, anzuecken.
Das Neue wird oft als störend empfunden, zumindest wird es von den anderen nicht erwartet. Das erzeugt Widerstände. Es gibt eine permanente Spannung zwischen dem Alten und dem Neuen. Doch wir brauchen beides – die Kontinuität und ihre Brechung, weil sich ja die Umwelt beständig ändert. Deshalb ist der Mensch von Natur aus ein adaptives System. Und Kreativität ist eine Voraussetzung für Anpassungsfähigkeit.
Ich lese diesen Artikel auch vor dem Hintergrund aktueller innerkirchlicher Diskussionen wie der Erinnerung an das 2. Vatikanum und über die Rolle von Katechismen, die ja auch auf diesem Blog hohe Wellen geschlagen haben.

Mir scheint, parallel zu dem, was sich an den Unis abzeichnet, nämlich eine Einschränkung von freiem, kreativem, wissenschaftlichen Lehren und Lernen hin zu verschultem Einpauken von Wissen, hat sich im Raum der Kirchen ähnliches entwickelt: Die Kreativität der vergangenen Jahre, das Selberdenken und -glauben, wird zunehmend abgewertet und abgedrängt zugunsten einer neuen Aufwertung des Einpaukens von als allgemeingültig verkauftem Glaubenswissen.

Das passt ins kirchliche System, wie es sich zur Zeit selbst versteht. Denn, wie mit Blick auf China von Ernst Pöppel bemerkt: Kreative Menschen, auch im Bereich Kirche, gelten als unangepasst und sind somit potentiell gefährlich für restriktive und autoritäre Systeme. Sie übertreten deren zu enggefasste Grenzen.

Doch nicht nur dieser "rollback to catechism" ist Gift für geistliche Kreativität. Im Interview wird ebenfalls "Multitasking" als schwerwiegendes Problem benannt:
Man kann nur kreativ sein, wenn man sich konzentriert auf eine Sache einlässt. Multitasking ist hingegen die Vernichtung von Kreativität. Wer kreativ sein möchte, benötigt ein eigenes Zeitmanagement. Dazu gehören etwa ausreichende Pausen.
Was aber mit denen passiert, die sich hauptberuflich oder freiwillig und unbezahlt auf kirchliches Engagement einlassen, ist bekannt:  immer größere Räume entstehen, immer weniger Leute machen immer mehr Arbeit, was mit dem schlimmen Wort "Arbeitsverdichtung" beschönigt wird, ohne Multitasking und mehrere Projekte zu jeder Zeit gleichzeitig am Laufen zu haben, geht gar nichts! Wo bleibt da noch Freiraum für Kreatives?

Wenn aber Kreativität eine notwendige Voraussetzung für Anpassungsprozesse ist und immer war, sie aber derzeit zu wenig Raum bekommt, besteht die auch an anderer Stelle und in anderen Zusammenhängen immer wieder benannte Gefahr, dass sich gerade die katholische Kirche immer weiter von gesellschaftlichen Entwicklungen entfernt und damit ins Bedeutungslose abdriftet (was manche auch durchaus für anstrebenswert halten!). Es fehlen die Kräfte und Recourcen für angemessene, kreative Reaktionen auf neue Herausforderungen, zugleich sind sie auch gerade nicht (mehr) erwünscht.

Keiner wird bezweifeln, dass Anpassungen an gesellschaftliche Prozesse und Rahmenbedingungen in der Vergangenheit wichtig für die Entwicklung der Kirche bis zu ihrem heutigen Stand waren. Immer wieder waren es kreative Köpfe, die das, was sie aktuell erlebten und beobachteten, für ihren Glauben und den der Kirche fruchtbar machten, vermutlich nicht erst beginnend bei den alten Propheten. Warum sollte das heute anders sein?

Quelle: wiki commons
Hoffen lässt mich der Hinweis auf die 10% der unangepassten weiterhin Kreativen, die sich nicht vereinnahmen und in ihrer Kreativität beschneiden lassen. Ich weiß mit Sicherheit: es gibt sie auch in den Kirchen und gerne zähle ich mich dazu. Mit der Konsequenz anzuecken, bin ich einverstanden zu leben (auch wenn ich es mir anders wünschte). Denn gerne wiederhole ich noch einmal, wie von Ernst Pöppel bereits oben zitiert:
"Das Neue wird oft als störend empfunden (...). Das erzeugt Widerstände. Es gibt eine permanente Spannung zwischen dem Alten und dem Neuen. Doch wir brauchen beides – die Kontinuität und ihre Brechung, weil sich ja die Umwelt beständig ändert."
Auch wenn es unter den gegenwärtigen Bedingungen schwer ist, fordere ich alle noch immer Kreativen auf: Lasst uns unsere Kreativität sorgfältig und angemessen chaotisch pflegen und nicht zumüllen von "immer mehr", "immer enger" und "bitte mehr Tradition!".

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Kommentare:

  1. Liebe Ameleo, wenn jemals Veränderung positiv stattgefunden hat, dann von Kreativen. Meist waren es die Künstler. Gott ist auch kreativ.Man muss nur in die Bibel gucken, wie er auf Menschen zugeht. Kreativität macht Angst, wie wir wissen. In diesem Beitrag kommen nun einige Themen zusammen, über die man jeweils einen eigenen Aufsatz schreiben könnte. Multitasking und Kreativität passen nicht zusammen? Arme Frauen mit Familie.Sind Frauen doch dümmer als Männer.Die sich bekanntlich mit Multitasking nie anfreunden konnten. Trick 17, was?Im Biologie Bachelor Studium meines Sohnes Alexander gibt es ein neudeutsches Wort: Bulimielernen. Was will uns der Dichter damit sagen?Ich frag mich auch, seit wann Industrie bestimmt, was angesagt ist.Von nun an geht's bergab.

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    1. Dein Einwand zu Familienfrauen ist berechtigt. Aber wie kreativ warst du in deiner Hauptfamilienphase? - In Bezug auf die Kids kennt unsere Kreativität dann kaum ein Ende. Nur wie weit reicht die Energie darüber hinaus, wenn die Kraft bei Familie und möglicherweise noch Beruf landet? Mein Eindruck ist, der Spielraum wird erst wieder größer, wenn's auch der Nachwuchs wird!

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  2. der spielraum wird größer, wenn du nach familie und beruf und erwachsenem nachwuchs noch k a n n s t.mein 2. sohn ist ja behindert, macht karriere...aber ich bin da auf der strecke geblieben, weil man alles, was einem zusteht offiziell, erkämpfen muss. und in schul- und kindergartenzeiten ausgebootet wird..du bist ja noch jung, ameleo. ich war als reine hausfrau und mutter nicht nur kreativ, sondern auch gebildet. habe wer weiß was gelesen, was ich zum beispiel, als ich im gymnasium religion unterrichtet habe und als ich pasti war...als ich in krankenhäusern gearbeitet habe, war ich nicht nur geistlos, sondern auch mit zig muskelverspannungen behaftet.schweigen im walde.mutter und berufstätig hat mich geschafft bereits beim ersten kind, denn kindergarten heißt auch, alle pestilenzien mit nach hause bringen und der hat mich gehauen...wir bekommen überall was eingetrichtert..was gut für uns ist..auch das verhindert kreativität.wenn man nicht von natur aus eine künstlerseele hat, merkt man das nicht, wie es aussieht mit der kretivität.ich habe vor einigen jahren das gefühl gehabt, ich bin komplett am leben vorbei..an meinem leben. fremdbestimmt..im religiösen bereich, was ja mein lebensthema ist, die religion, kam das ganz furchtbar zum ausdruck. der himmel war gnädig und hat mir einen begleiter geschickt, der kreativ ist, da künstler und immer sagt, sie haben ihren weg gefunden, kümmern sie sich mal nicht um das, was andere sagen.ein schwieriger weg mit vielen ängsten war das. m e i n weg. ob ich den anderen empfehlen kann..sicher nicht..

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  3. Deine Einschätzung eines latenten Personalproblems teile ich. Allerdings scheint mir das wesentlich darin begründet zu liegen, dass man in einer Zeit von immer kleiner werdenden Gemeinden krampfhaft an alten Zöpfen festhalten will - und zwar die Konservativen und die Liberalen.

    Außerdem, und hier bin ich auch ganz bei dir, habe ich das Gefühl, dass sich in weiten Teilen der kirchlichen Administration immer noch nicht der Gedanke durchgesetzt hat, dass man keine Behörde mehr ist, sondern ein Dienstleister im Wettbewerb. Und Behörden sind bekanntermaßen so kreativ wie Urzeitfische.

    Allerdings scheint es mir gerade in einzelnen Bereichen der Kirche eine überschäumende Kreativität zu geben. Da muss man insbesondere beim sakralen Trennlinien ziehen. Aber man darf auch mal ruhig über den Tellerrand hinausschauen und (da bin ich mal ganz ökumenisch) gucken, wie so andere das machen und ob man Teile davon integrieren kann. Gerade in der Jugendmobilisierung können wir z.B. von den Evangelikalen noch viel lernen.

    Also heute mal fast ganz Zustimmung von mir. Ist doch auch mal schön.

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  4. vielleicht sollten wir uns mal über den ausdruck kreativität unterhalten, was der einzelne geneigte leser darunter versteht. dann, ameleo, wollte ich dich an die 3 k der frau erinnern..die kennst du noch nicht: kinder-kirche-küche.nix kreativ.nur flexibel.flexibel hat den vorteil, dass man nicht stets einer meinung sein muss, man kann harmonie auch mit toleranz, das kommt nicht von überrannt werden..erreichen.

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  5. "mobilisieren" der jugend schafft man, wenn man sich für ihre belange interessiert.zuhören statt...predigen.der pfarrer als verwalter ist schon lange ein notgedrungener fakt.also doch behörde. seelsorge ade. der pfarrer als dienstleister..wie wäre es mit horizontal, der pfarrer sitzt inzwischen reichlich neben dem altar und das hat gründe. der pfarrer und die anderen kirchenleut als miteinander, die gemeinde macht nicht ehrenamt, sagt kardinal woelki, sie macht gemeinde.jeder fühlt sich verantwortlich... der mystische leib christi im wettbewerb..mit wem?

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  6. Wie heisst doch das kirchenamtliche Wort für Kreativität? Ketzerei! Beginnt ebenfalls mit 'K', kann man sich also leicht merken.

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    1. armand bringt mal wieder alles durcheinander. es gibt leut, die können grad bis 3 zählen und dann ist schluss.und es war doch immer so schön, kinder, kirche, klappe halten...heute ist soviel ärger..mit diesen unzähligen k..kreativ, kunst, ketzer..(ihr) könnt mich mal..

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  7. Kunst geht auch mit "K" an. Wenn alle Künstler, Maler usw. Ketzer gewesen wären und alle Kreativen, dann sähe die Welt aber arm aus, sehr arm.

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  8. Ich stimme dir absolut zu, dass Multitasking die Kreativität killt. Dazu kommt noch, dass es höchst unproduktiv ist. Erst vor kurzem habe ich selbst einen Artikel über die Forschungsergebnisse von David Meyer verfasst.

    Seine zentrale Aussage ist: “Einstein hat nicht mehrere Tätigkeiten zur gleichen Zeit durchgeführt, während er sich die Spezielle und Allgemeine Relativitätstheorie einfallen lies.”

    Lesen könnt ihr den Artikel hier: http://ismarter.de/die-wahrheit-uber-multitasking-wie-dein-gehirn-informationen-verarbeitet/

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