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Montag, 19. November 2012

Mein Glaubensgeschenk - damals

Vorbemerkung:
Dieser Post war ursprünglich für das Blog "Das Ja des Glaubens - Bloggerbekenntnisse" geschrieben. Zu dem Grund, warum er dort nicht gelandet ist, siehe hier. Auf dem Gemeinschaftsblog, dass sich am Text des Glaubensbekenntnisses orientiert, besteht die Überschrift dieses Monats aus dessen ersten beiden Worten: "Ich glaube". Dazu sind meine folgenden Gedanken entstanden.


"Das Geschenk",
Margret Hofheinz-Döring/
Galerie Brigitte Mauch Göppingen
Quelle: Wiki Commons
Dass ich sagen kann "Ich glaube", verdanke ich nicht mir selbst. Ich empfinde es als wertvolles, unverdientes und unverdienbares Geschenk, das mir zu großen Teilen andere ermöglicht haben. Der/die mich Beschenkende ist Urgrund, Inhalt und Ausrichtung dieses "Ich glaube", reicht aber wesentlich und unabhängig davon grenzenlos darüber hinaus. Ich weiß nicht, warum gerade ich beschenkt wurde und andere nicht oder mit anderen Geschenken.

Damals


Mein "Ich glaube"-Geschenk hat ganz unmittelbar mit meinem Leben und meiner Geschichte zu tun. Aufgewachsen bin ich in einem Umfeld, das von Glaubensgeschenken, ihrem Wert, Gebrauch und ihrer Pflege auch unter widrigen Umständen wusste. Meine Älteren(*) haben
mir zunächst Worte, Bilder, zeichenhafte Handlungen und die Möglichkeit zu unterschiedlichsten Erfahrungen ermöglicht, wie beispielsweise geliebt zu sein und Vertrauen zu können. Damit haben sie meinen Lebensboden gut vorbereitet, jeder und jede auf je eigene, einzigartige Art und Weise.


Der Wal und seine Nahrung
Quelle: Wiki Commons
Sie haben mir die Worte "Gott" und "Jesus" anvertraut und Geschichten erzählt, die etwas davon transportierten, was ihnen selber wichtig war. Nicht immer wusste ich, dass diese Geschichten in der Bibel stehen, nicht immer habe ich verstanden, warum sie manchmal "Jesus" sagten und manchmal "Gott". Sie haben mir von Jona und dem Fisch erzählt und sind mit mir in naturkundlichen Ausstellungen und Museen gewesen, um mir an einem Walskelett zu zeigen, dass kein Mensch von einem Wal verschluckt werden und in seinem Bauch sitzen kann, diese Tiere aber faszinierend sind und nach Jahrhunderten des Abschlachtens verdienen, besonders geschützt zu werden.

Sie haben mir gezeigt, dass auch Spinnen aus der Nähe betrachtet, wunderschöne Geschöpfe sind, die man ebenso behutsam wie einen bunten Schmetterling in einem Glas fangen und ins Freie bringen kann. Im Herbst haben sie mit mir bunte Blätter gesammelt und Kastanien und Eicheln, haben mich fühlen lassen und riechen und schmecken und mit mir aus diesen Geschenken der Natur Ketten gebastelt, Bilder, Figuren, Gestecke und Sträuße. Sie haben in mir die Frage geweckt, ob man die Schmerzensschreie wild abgerissener Blumen vielleicht nur deshalb nicht hören kann, weil sie keinen Mund haben.

Quelle: Wiki Commons
Bei Gewitter haben sie mich auf oder in den Arm genommen, wenn ich Angst hatte. Sie halfen mir, beim Donner die Ohren zuzuhalten und zeigten mir die faszinierenden Zeichnungen der Blitze am Himmel. Sie haben beim Blitz gesagt, Gott mache Fotos von der Erde, und beim Donner: er würde schimpfen. Dabei haben sie gelacht und sind mit mir an Orte gefahren, an denen man Blitz und Donner selber machen konnte und haben mir die Naturgesetze erklärt. So gelang es ihnen, mir den Blick für die Schönheit der Schöpfung zu schulen und zu weiten, auch wenn es mich manches mal genervt hat, immer wieder hinschauen, staunen und lernen zu sollen.

Meine Älteren haben mir auch gezeigt, wie man mit anderen Menschen umgehen kann. Dass man über die nervigen Nachbarn nicht spottet, weil man eben nur neben ihnen wohnen muss, aber nicht verpflichtet ist, sie auch zu mögen. Sie erklärten mir, warum das Mädchen zwei Straßen weiter, dass ich komisch fand, anders war und warum sie auf eine besondere Schule gehen musste. Sie haben mich getröstet, wenn ich verletzt oder krank war und sich um andere Menschen in Not gekümmert. Sie haben mich umsorgt, mit mir gelernt, gesungen und gerungen, gelitten und gestritten.

Manche Ältere haben großen Wert darauf gelegt mir zu zeigen, wie man fair streitet und unterschiedliche Texte richtig liest. Von ihnen bekam ich Ausdrücke wie "Argument", "Lyrik", "Mythos", "Interpretation" und "Exegese" überreicht sowie Hilfsmittel, mit Worten sorgsam umzugehen.

Andere lehrten mich durch die Art, wie sie mich und auch meine Macken ernst nahmen und wertschätzten, auch selber andere Menschen zu würdigen, selbst wenn sie mir unangenehm waren, ich sie nicht verstand, sie mich verärgerten oder verletzten oder ich mich heftigst mit ihnen stritt.

Mit meinen Geschwistern, Freundinnen und Freunden, aber auch "Feindinnen und Feinden" lernte ich, um Gerechtigkeit und Fairness zu ringen. Es scheint beide nie in Vollkommenheit gegeben zu haben, doch die Sehnsucht danach begann zu wurzeln. "Solidarität" allerdings kannte ich durch Gleichaltrige schon lange bevor ich von dem Wort erstmalig hörte. Ich wusste ebenfalls schon früh, was "Eifersucht" bedeutet, wenn auch sie bei uns glücklicherweise nicht die schlimmen Konsequenzen hatte wie beim Urgeschwisterpaar.

Quelle: Wiki commons
Bei vielem, was ich geschenkt und gezeigt bekam, konnte ich spüren, dass meine Älteren vor einem Hintergrund redeten und handelten, den sie "Gott" und "Glaube" nannten, ohne dass diese Worte fielen. So lernte ich über die Schöpfung zu staunen noch bevor ich bewusst von den biblischen sieben Tagen oder gar den zwei Schöpfungsberichten wusste. Ich lernte, andere zu trösten, einen Schmerz weg zu pusten und Pflaster aufzukleben, noch bevor ich Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter hörte. Ich spürte, dass Verstorbene für meine Älteren immer noch "irgendwie" da waren, bevor das Wort "Auferstehung" zu mir durchdrang. Ich hörte die Worte, mit denen sie Leid und Tod zu erklärten versuchten und spürte, dass diese sie selber in ihrer Trauer trösteten. So lernte ich mich selber zu fühlen und mit anderen, zu lieben, zu vertrauen, zu hoffen.

Später machten mich andere Ältere auf die große Bedeutung von Träumen aufmerksam, auf innere und äußere Regungen, eigene und fremde Bilder. Da hatte ich schon viele biblische Geschichten gehört und begann, mich beim Gespräch über Träume an Jakob und die der beiden Josefs zu erinnern, an den mit den elf Brüdern und den der Maria. Sie ermutigten mich auch, mich selber immer besser kennenzulernen, denn mit Augustinus wussten sie: "In dir selbst ist die Wahrheit. Gott selbst ist dir innerlicher als du selbst es für dich bist.“

Lehrten meine Älteren mich zu glauben? Sie haben meinen Boden sorgfältig bereitet für das Geschenk, das sie selber empfangen hatten, über das sie aber nicht so verfügten, wie über einen Besitz. Sie machten mich für das Glaubensgeschenk sensibel, indem sie mir Liebe schenkten und die Erfahrung, mich auf sie verlassen und ihnen vertrauen zu können, auch auf das, was sie sagten und woran glaubten. Ab einem gewissen Alter erweiterten sie meinen kleinen, geschützten Erfahrungsraum und nahmen mich dorthin mit, wo sie und andere Beschenkte gemeinsam ihre Glaubensgeschenke feierten und dafür dankten.

Irgendwann war mein persönliches Geschenk "Ich glaube" da: Ein tiefes inneres Wissen, dass ich mich auf das und den genauso verlassen konnte, das bzw. der meinen Älteren so wichtig war. Und ich begriff, dass ich meine ureigene, einzigartige Weise dieses Geschenk und diesen Kontakt zu pflegen, immer besser entdecken und weiterentwickeln muss. Es gibt keinen festen Zeitpunkt, an dem dieses Wissen seinen Anfang nahm, zumindest erinnere ich keinen. Irgendwann begann der Weg, den ich zuvor an der Hand meiner Älteren gegangen war, zu meinem eigenen zu werden. Nach und nach entdeckte ich, dass das Staunen können, auf Träume achten, Bilder zu lesen und zu malen (mit Farben und Worten), streiten und argumentieren zu können, um die Gesetze der Welt zu wissen, die Hilfsmittel zur Analyse von Texten benutzen zu können und all die Dinge, die mir von meinen Älteren über Jahre geschenkt worden sind, zumeist hilfreich waren, um mein Glaubensgeschenk gut zu nutzen und zu pflegen.

Verloren oder verlegt habe ich dieses ganz besondere Geschenk nie. Nur manchmal drohte es unter Bergen anderer Dinge aus dem Blick zu geraten bis zum nächsten Aufräumen. Auch entdeckte und entdecke ich immer mal wieder Details, deren Sinn sich mir nicht unmittelbar erschließen. Mein Glaubensgeschenk kommt mir zwar unendlich groß, wertvoll und unvorstellbar facettenreich vor, ist aber doch handlich und unkompliziert genug, um ohne Aufwand in den Alltag, auf Spaziergänge oder in den Urlaub mitgenommen zu werden. Es fordert mich heraus, es mit der Hilfe von anderen immer besser kennen und gebrauchen zu lernen.

Mein Glaubensgeschenk - heute


(*) Für die Vorstellung, dass man auch Worte geschenkt bekommen kann und den Ausdruck "Ältere", der für mich nicht nur meine Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten umfasst, sondern auch Lehrerinnen und Erzieher, Pfarrer und Pastorinnen, Nachbarinnen und Bekannte, Professoren und Hausmeisterinnen, Ausbilder und geistliche Begleiterinnen, eben alle, die "älter" und erfahrener sind als ich, bedanke ich mich an dieser Stelle virtuell bei Ina Praetorius. Beides entstammt ihrem Buch: "Ich glaube an Gott und so weiter...". Besonders die Anfangskapitel haben mich beim Schreiben sehr inspiriert!


Creative Commons LizenzvertragFrech.Fromm.Frau. von Ameleo steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Kommentare:

  1. ich lasse Dir liebe Grüsse hier, es hat mir sehr gefallen, wie Du Deinen Weg zum Glauben gefunden hast
    Elisabeth

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  2. Danke für diese sehr schönen Gedanken, die ich gleichermaßen sehr einfühlsam und persönlich wie auch theologisch gehaltvoll finde. Es ist immer wieder ein Genuss, dieses Blog zu verfolgen! Bitte noch mehr!!!

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  3. Liebe Ameleo,

    deine Gedanken zu deinem Glaubensgeschenk haben mich sehr berührt. Wie gut sich deine Älteren gekümmert haben, schön ist das! Und es macht mich ein wenig wehmütig: meine Älteren konnten das so nicht. Das bedauere ich sehr, aber um in deinem Bild zu bleiben: sie haben mir trotzdem ein Glaubensgeschenk gemacht, auch wenn ich lange nichts damit anfangen konnte und es in der Ecke lag. Trotzdem bin ich ihnen unendlich dankbar, sie haben es so gut gemacht, wie sie konnten - mehr kann man eigentlich nicht "verlangen".

    Wenn ich dann schon einen Tag weiterdenke und überlege, wer mir heute Glaubensgeschenke macht - da muss ich nicht weit suchen: das ein oder andere Geschenk habe ich nämlich genau hier, in deinem Blog gefunden. Ganz herzlichen Dank dafür!

    Liebe Grüße
    Martina

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  4. Mh, ich überlege den ganzen Abend schon, ob ich es sagen darf, dass ich diese Älteren nie hatte. Die netten waren gottlos und die Kirchgänger haben uns vom Teufel erzählt, diesem nicht wirkungsvollen Erziehungsmittel. Aber Gott springt ein und ersetzt die Älteren, ich weiß es von Erzählungen Betroffener und von mir selber. Gott ist in meinem Leben so sehr eingesprungen, dass ich sage, ich habe den besseren Teil bekommen.Wenn ich wählen müßte, ich würde wieder Gott wählen und nicht Ältere.Sprich:Ich habe alles.Gott war und ist überall in meinem Leben. Mit Kirche, konnte ich dann entsprechend wenig anfangen.Das geht jetzt erst.Und just jetzt fällt mir mein älterer Sohn ein, der mit 9 Jahren mal den Spruch losließ: Ich brauche keinen Gott, wenn ich Probleme habe, löst meine Mutter die.(Das ist ein Kapitel für sich, denn Gott ist nicht der Problemlöser, sondern einer, zu dem ich Du sagen kann)

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  5. Ich finde es ja sehr schön wenn man soviele nette Ältere um sich hat. Mir geht es da wie Teresa ich hatte kaum jemand der mir soviel erzählt hat. Ich habe gesucht und wurde gefunden das verirrte Schaf dem der Hirte nachgegangen bis er es gefunden und zur Herde getragen hat. Der Herr ist mein Hirte mir wird nichts fehlen.

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  6. Mir ist bewusst, dass viele nicht so umsorgt wurden wie ich es beschreibe und viel mehr Mühe und Kraft in ihr Leben und ihren Glauben investieren mussten. Umso erstaunlicher, über welche anderen Wege und Umwege eure Geschenke euch gefunden haben!

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    1. Mit jedem hat Gott seinen eigenen Weg. Soviel wie es Menschen gibt, soviele Wege gibt es die zum Ziel führen. Es liegt am Menschen diese Wege und Umwege zu erkennen.

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    2. wenn gott rein auf menschen angewiesen wäre, wäre er genauso tot, wie nietzsche es immer gesagt hat.stattdessen ist nur nietzsche tot.jesus hat die menschen auf unterschiedliche weisen erreicht. der eine saß auf dem baum,hatte angst wegen der leute, andere liefen hinter ihm her, der reiche jüngling hat gesucht, wollte aber dann nicht.der gelähmte am teich hatte niemanden und jesus kam zu ihm.judas, petrus, andere apostel waren immer bei ihm und haben lange nichts begriffen.und genau so ist das leben.

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    3. ich hab ja noch gelernt, dass der mensch nur über den priester zu gott kommt(ameleo, deine geschichte ist also nicht so ganz richtig) und hatte immer das gefühl..als kind(der pastor ist d...) meine oma hat dann mit mir geschimpft.ich war also zwischendurch schon immer wieder etwas durcheinander.damit gott nicht fern wird, habe ich dann beschlossen, mich eine zeitlang von der kirche zu entfernen und das war auch gut so.

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  7. Teresa_v_A.:
    Und ich habe gelernt, dass jede_r Getaufte in der Taufe Anteil bekommt an der priesterlichen Würde Christi. Diese, auch genannt "das allgemeine Priestertum", war meinen Älteren verliehen. Du hast da also nichts Falsches gelernt ;-)! Und Älteren, die zum "besonderen Priestertum" gehörten, bin ich natürlich auch begegnet.

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