ACHTUNG: Zur Zeit gibt es bei Blogger Probleme mit dem Internet Explorer. Videos können beispielsweise nicht angesehen und Kommentare nicht abgeschickt werden. Bitte in diesem Fall einen anderen Browser wie z.B. Firefox benutzen!

Dienstag, 4. Dezember 2012

Ruhe(n) an oder Sehnsucht nach Gottes Mutterbrust?

Quelle:
Schwabenverlag
"Der andere Advent" -skalender muss jedes Jahr bei mir sein. Ich schrieb davon. Beeindruckender durch seine Prägnanz und Kürze finde ich in diesem Jahr allerdings den Frauenadventskalender "Das Leben leuchten lassen": Ein Bibelvers, ein kurzer lyrisch verdichteter Text mit einem Gedanken, fast zum Auswendiglernen, von Martina Kreidler-Kos. (Leseprobe hier.)

Heute wird unter der Überschrift "Seelenruhe" aus Psalm 131 zitiert:
Wie ein kleines Kind bei der Mutter
ist meine Seele ruhig in mir.
Ps 131,2
Müsste es nicht heißen "in dir", habe ich mich gefragt und in der Bibel in gerechter Sprache (BigS) nach dem gesamten, sehr kurzen Psalm gesucht. Dort finde ich erwartungsgemäß eine andere Übersetzung:

'Ewige', mein Herz will nicht zu hoch hinaus,
meine Augen schauen nicht überheblich.
Ich gehe nicht nach Dingen,
die zu groß und unfassbar für mich sind.
Ja, gemäßigt und beruhigt habe ich meine hungrige Seele
wie ein abgestilltes Kind bei seiner Mutter.
Wie das abgestillte Kind ist meine hungrige Seele bei mir.
Warte, Israel, auf 'die Ewige' -
von nun an für immer.
Bei "mir" heißt es dort auch. Aber das gezeichnete Bild ist ein ganz anderes: während in der ersten Version nach der Einheitsübersetzung ein ruhig an seine Mutter angekuscheltes, möglicherweise friedlich schlafendes weil sattes Kind vorgestellt wird, ist ein Kind, dass gerade erst und möglicherweise sehr früh abgestillt wurde, oft viel unruhiger und unzufriedener, weil es noch Sehnsucht nach dem geborgenen Gestillt werden verspürt. Es schreckt vielleicht immer wieder hoch und weint ein wenig.

Sollten die Autor_innen der BigS hier bewusst ein Bild von Mutter und Kind betonen oder gar überziehen? Wie formulieren anderen Übersetzungen diesen Versabschnitt?
Luther 1984: Wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir.
Gute Nachricht: So wie ein sattes Kind im Arm der Mutter – still wie ein solches Kind bin ich geworden.
Elberfelder: Wie ein entwöhntes Kind bei seiner Mutter, wie ein entwöhntes Kind ist meine Seele in mir.
(alle hier bei bibelserver.com)
Die Vielfalt ist ernüchternd. In solchen Situationen wünschte ich mir, ich hätte mehr Hebräisch lernen müssen als nur zwei Semester "Einführung in biblisch-semitisches Denken"! Dann könnte ich im hebräischen Original selber nachlesen. (Vielleicht kann das ja jemand von meinen Leser_innen mal für mich machen.)

Es macht in meinen Augen einen großen Unterschied, ob da von einem satten, zufriedenen oder einem gerade entwöhnten, sehnsüchtigen Kind als Bild für die Seele gesprochen wird. Beides ist denkbar, beide Erfahrungen sind möglich: Satt zu werden durch die hier in mütterlichen Bildern beschriebene, den Hunger stillende Gegenwart Gottes und die Erfahrung, "abgestillt" zu sein, reifer geworden für eine andere, noch ungewohnte Kost, obwohl das Gestillt werden, ohne etwas dafür tun zu müssen, doch so schön war und die Sehnsucht nach dieser Zeit weiterbesteht.

Die Vorstellung der "abgestillten", sehnsüchtigen Seele, die wachsen und erwachsen werden soll, die Wege finden muss, sich selbst zu beruhigen, und Eigenverantwortung für die eigene Seelenruhe zu übernehmen, gefällt mir besser. Die Bindung an die Mutter und das Urvertrauen in sie, das in der Stillzeit entstehen konnte, reißt damit ja nicht ab. Sie sucht und findet nur neue Wege der Nähe und Geborgenheit.

In dem kurzen lyrisch-meditativen Text meines Frauenadventskalenders zu diesem Psalmwort heißt es:
mir wird über tag
immer wieder die nähe
gottes einfallen
in der ich ein ganzes
leben habe und mehr
in aller seelenruhe
So spricht eine Erwachsene, eine, in der noch Sehnsucht lebt und kein satter, hilfloser Säugling. 


Creative Commons LizenzvertragFrech.Fromm.Frau. von Ameleo steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Kommentare:

  1. Liebe Ameleo,

    Sprachen sind nicht meine Stärke. Mir liegen
    Mathematik und Deutsch.

    Lohnenswert sind solche Untersuchungen immer.

    Einen guten Abend wünscht dir
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
  2. och, ameleo.gestillt werden ist anstrengender als flasche. meine seele in mir..wenn sie ausser mir ist, bin ich krank ,oder tot.oder ich schlafe..dann wandert die seele.seele stand früher auch für mensch. seele, suche dich in mir, und, seele, suche mich in dir. teresa...es gibt so vieles..du weißt doch, eine kirchengemeinde hat seelen..fromme seelen.im hebr text könnte gut nafschi stehen und dann stehst du da...die hatten keine seelen, die hatten nur näfäsch. mal sehen, ob anderen was anderes einfällt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich suche nicht nach näfäsch, sondern ob da "satt" oder "entwöhnt" steht. Das macht doch einen wesentlichen Unterschied.

      Löschen
  3. ach so. ich hab den text nicht so verstanden..die at ler haben doch damals die kinder sich selber entwöhnen lassen. oder nicht? und dann waren sie satt.

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Ameleo, finde ich noch mehr zur Bibel in gerechter Sprache in deinem blog? Was bedeutet dir diese Fassung? Was ist positiv, was findest du vielleicht nicht so gut? Ich traue mich an diese Bibelfassung nicht so recht ran, weil ich befürchte, dass ich dann eine Art "Rückfall" in meine esoterische Zeit erlebe. Als es kein Problem war im Göttlichen Weiblichkeit zu sehen. Jetzt ist das schon ein Problem für mich. Aber wohl kein unlösbares. :-)

    Ich fand das Bild vom satten Säugling, der neben der Brust einschläft immer so besonders beruhigend und tröstend. Wenn Gott einer stillenden Mutter gleicht... Aber wo du so schreibst, ja, finde ich auch, dass man sich auch als Kind Gottes weiter entwickeln kann, reifen kann und soll. Jüngere Tochter war sehr sauer als es keine Brust mehr gab. Flasche war keine Alternative. Ihre Wut war maßlos. Ich musste mehrere Tage lang immer wieder auf weiten Abstand gehen. Vater und Oma sprangen ein. Das war während der Entwöhnung. "Entwöhnt" ist sprachlich doch das danach. Nämlich, wenn sich das Kind wieder beruhigt und merkt, dass Mama immer noch Zuflucht, Liebe, Trost, Kuscheln und alles was ein Kind braucht bietet. Jüngere Tochter aß dann mit 11 Monaten alles vom Tisch.

    Ich glaube, ich wäre gerne noch Gottes Säugling. Vielleicht ist das der Knackpunkt so einiger Problemchen die ich im Glaubensleben habe...

    Liebe Grüße
    Huppicke

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Huppicke,

      ich habe die BigS bislang hauptsächlich nur in der Seminararbeit als Ergänzung zu anderen (zu) gut bekannten Bibeltexten benutzt. Wer mit der Einheitsübersetzung aus der Liturgie vertraut ist, dem ist die andere Sprache, andere Formulierungen und der Gebrauch von verschiedenen Begriffen - darunter auch weiblichen - für den im Judentum nicht ausgesprochenen Gottesnamen zunächst fremd.

      Ich finde so etwas spannend, lese aber auch sonst gerne verschiedene Übersetzungen parallel, weil sich mir dadurch manches besser erschließt. Wer sehr an einzelnen Worten und Formulierungen hängt, den kann das schon sehr irritieren. Als zusätzliche Bibel finde ich die BigS klasse, als alleinige weiß ich nicht.

      Liebe Grüße
      Ameleo

      Löschen
  5. Liebe Ameleo, ich fand diesen kleinen Blick in die unterschiedlichen Übersetzungen sehr spannend.
    Eigentlich kann ich mit allen Bildern etwas anfangen. Spricht das nicht für die Sprache der Bibel, die Bilder findet, die über Zeiten & Völker hinweg verständlich sind? (Natürlich hat sie auch ihre dunklen Stellen, aber um die geht's hier nicht.)
    @Huppicke, wenn Gott ALLES ist, dann doch auch das Weibliche auch?

    AntwortenLöschen
  6. Ich kann hier auch nur mit Halbwissen aufwarten: Biblisches Hebräisch I, der Fortsetzungskurs fand mangels Interesse auf Theologinnenseite nicht statt (das ist übrigens kein generisches Femininum: da saßen außer mir nur Mädes, bis ich mit dem Lektor alleine da saß, weil die Theologinnen mit ihrem Ferienkurs "In sechs Wochen von Null auf Xenophon" ausgelastet waren).
    Das fragliche Wort lautet "gamul", pat.pass von "gml" was laut Wörterbuch( http://www.tyndalearchive.com/tabs/Gesenius/) "to wean" also abstillen heißt (interessant die Verwandtschaft des englischen Worten mit gewöhnen, entwöhnen, verwöhnen...)
    Die Elberfelder Bibel ist also die wörtlichste Übersetzung. Ganz wörtlich: Wie ein abgestilltes Kind über/auf/an/bei seiner Mutter, wie das abgestillte Kind ist meine Seele über/... mir. (mit Vorsicht zu genießende halbwissend-dilettanische Übersetzung)
    Danke für den Impuls,( habe wie man sieht wg. gebrochenen Zehen gerade viiiel Zeit): man müsste sich viel mehr mit sowas beschäftigen, denn im Original sind die Psalmen sehr schön: "Kegamul alej immo- kaggamul alaj nafschi"

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wie cool ist das denn! Danke für die Erklärung!!! Abgesehen von deiner Kritik an dem Gebrauch des Gottesnamens 'Ewige' in diesem Abschnitt in deinem Kommentar weiter unten, hat also nicht nur die Elberfelder sondern auch die BigS am genauesten übersetzt. Schön zu wissen.

      Löschen
    2. Danke für die Links. Bei näherer Betrachtung ist "Ewige/Ewiger" sachlich durchaus zu rechtfertigen. Auch scheinen bei der BigS fähige Philologen am Werk gewesen zu sein. Mein Vorurteil klammert sich noch an das "Hungrig"- davon steht nichts im hebräischen Text. "Ja ich habe gemäßigt und beruhigt meine Seele" ist die wörtlichste Übersetzung. Aber laut Wörterbuch ist"damam", hier-beruhigen, lautmalerisch. Es könnte ja vielleicht sein, dass der Verfasser des Psalms hier auch die Mutter vor Augen hat, die ihr unruhiges, nach der Brust tastendes Kind summend beruhigt (???). Also könnten die Übersetzer hier einfach nur versucht haben, dem Text näher zu kommen, als es bei wörtlicher Übersetzung möglich ist. Alles natürlich Spekulation, es ist aber davon auszugehen, dass die Übersetzer im Ggs zu mir wirklich Hebräisch können.

      Löschen
    3. Laut Übersetzungsanmerkung der BigS zu "hungrige Seele" steht im Hebräischen da "nefesch" in seiner umfassenden Bedeutungsbreite von "Kehle", "Atem", "Leben", "Seele" und "Person".

      Löschen
    4. Ja, ist schon faszinierend. "Lebewesen" geht auch noch. Oder "Lebenskraft", deren Sitz laut Wörterbuch im Blut vermutet wurde (daher die Schächtung von Tieren?). Man könnte "nafschi", "meine Seele" hier sogar einfach mit "mich selbst" übersetzen (wobei der Verf. des Wörterbuchs auf die ethymologische Verwandtschaft der Wörter "selbst" und "Seele" im Germanischen verweist).
      Zeigt auf jeden Fall, vor welchen Herausforderungen so ein Übersetzer steht. Mit Seele verbinden wir ja doch eine andere Gedankenwelt- für den Verfasser des Psalms war "Seele" offenbar etwas wesentlich konkreteres, geradezu physisches. Im Griechischen hatte Psyche einen ähnlichen Bedeutungsumfang, kann sogar Lust, Begierde, Appetit bedeuten. Platon hat dem Abendland offenbar keinen großen Gefallen getan, als er die Seele entleibte.
      Psalm 131 hat mir jedenfalls den Tag gerettet.

      Löschen
    5. Der macht nur seinen Job, der Psalm ...

      Löschen
  7. Ich war übrigens zunächst entsetzt: das Bild mit der Geborgenheit an Gottes Mutterbrust schien mir sehr behaglich- bin ich jetzt etwa feministischer Theolog_in? Die BigS hat das wieder zurechtgerückt (man muss der Sprache schon großes Unrecht antun, um JHWH mit "Ewige" zu übersetzen). Puhhh- ich bin doch nur ein primitiver Mann: kaum ist von Riesenbrüsten die Rede, werde ich sentimental.

    AntwortenLöschen
  8. Und weil ich viiel Zeit habe, eine Frage: es ist klar, dass Gott weder männlich noch weiblich, bzw beides ist. Das dürfte den Israeliten auch klar gewesen sein. Warum haben Sie sich also derart auf "adonaj" verlegt? Böse patriarchale Machtstrukturen scheinen mir zu kurz gesprungen, weil die Rolle der Frauen in solchen Sippengesellschaften falsch bewertet wird (da wird dann die Situation der Frau im europäischen 19. Jh. in die nahöstliche Bronzezeit projeziert). Ich meine es gab dort überall weibliche Gottheiten, Priesterinnen, Fruchtbarkeitskulte mit Tempelprostitution? Geht es hier also um die scharfe Abgrenzung von heidnischen Gottesbildern und religiösen Praktiken, geht es darum klar zu machen, dass Gott nicht wie die heidnischen Götter auf sehr menschliche Weise (durch Zeugung und Geburt) Leben hervorbringt? Wie erklärt man sich das?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Weil ich im Gegensatz zu dir gerade nicht viel Zeit habe (Gute Besserung übrigens!) nur erst eine "kurze" Antwort: JHWH ist unaussprechlich. Es hat daher immer andere Begriffe, Namen, Ersatzworte für Gott gegeben, die natürlich aus dem Sprachraum und Denken der jeweiligen Gläubigen entnommen wurde. Ich kenne kein Wort, das jenseits von männlich und weiblich von Gott sprechen kann außer vielleicht der Anrede 'DU'.

      'Adonaj' wird nach meinem Wissen ausschließlich im Kontext der hebräischen Bibel wie ein Eigenname und ausschließlich, exklusiv zur Anrede Gottes, aber in sonst keinem Kontext gebraucht. Seine Herkunft ist laut WiBiLex nicht geklärt, immer aber geht es um eine Autorität. Warum die Israeliten diesen Namen gewählt haben, kann ich dir also nicht beantworten.

      Die BigS problematisiert die Übersetzung von 'Adonaj' mit "Herr" u.a. deshalb, weil darin nicht mehr der Charakter des Eigennamens deutlich wird. Außerdem schreibt sie: "Von Gott als >dem Herrn< zu sprechen, schreibt zudem eine Männlichkeit Gottes fest, die der Bibel selbst nicht gerecht wird." (S. 2357). 'Adonaj' umschreibt sie daher mit einer Vielzahl von Wendungen, unter anderem auch mit dem von dir oben kritisierten Begriff 'Ewige'. Immer aber - und das finde ich an der Übersetzung spannend - sind diese Begriffe, Worte, Wendungen grau hinterlegt und von den hebräischen Buchstaben jod-jod gerahmt, die im Schriftbild wie einfache Anführungszeichen aussehen. Damit übernehmen sie eine rabbinische Abkürzung für den Gottesnamen und heben ihn bewusst aus dem Text hervor.

      Mehr zur Verwendung der Gottesnamen in der BigS auf deren Homepage (http://bit.ly/YIcEG4), in der BigS selbst auf den Seiten 16-21 und 2356-2360. Zum Gottesnamen 'Adonaj' siehe auch den entsprechenden WiBiLex-Artikel (http://bit.ly/YU7h5r). 'Der Ewige' oder 'die Ewige' wird dort übrigens auch als alternative Lesemöglichkeit von 'Adonaj' vorgeschlagen, aber gleichzeitig auch wieder problematisiert. JHWH bleibt unaussprechlich und unübersetzbar!

      Löschen
    2. Und hier noch ein fachdidaktischer Link zum Thema "Gottesname" für die Arbeit in der Sek II: http://bit.ly/SRVf7k

      Löschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.