ACHTUNG: Zur Zeit gibt es bei Blogger Probleme mit dem Internet Explorer. Videos können beispielsweise nicht angesehen und Kommentare nicht abgeschickt werden. Bitte in diesem Fall einen anderen Browser wie z.B. Firefox benutzen!

Sonntag, 10. Februar 2013

Wie lebensnah ist die Kirche?

Günther #Jauch geht mit dem Thema Kirche in die zweite Runde. Nachdem die Sendung in der letzten Wochen ziemlich unterirdisch war, was sowohl an einem schlecht vorbereiteten Moderator als auch an seinen z.T. sehr polarisierenden Gästen lag, soll dieses Thema heute Abend noch einmal in die sonntägliche Talkecke.

Was als erstes auffällt: dieses Mal gibt es eine hochkarätige Besetzung mit offiziellen Kirchenvertretern und die Öffentlichkeit gewohnten Kirchenmitgliedern. Weihbischof Hans-Jochen Jaschke und EKD Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider treffen auf ebenso wortgewandte Gäste wie Sylvia Löhrmann, die nicht nur zu Bündnis 90/Die Grünen gehört,
sondern sich auch kirchlich als Mitglied im ZDK engagiert und somit die Seite der katholischen Laien vertritt, sowie die bekennenden Katholiken Oskar Lafontaine von den Linken und Moderator Johannes B. Kerner.

Allein diese Besetzung verspricht schon eine höhere Qualität im Vergleich zur Sendung der vergangenen Woche. Vielleicht hat sich die Redaktion ja die vielfältige Kritik nach letztem Sonntag zu Herzen genommen und sich besser vorbereitet. Die Seite "Fakten und Hintergründe" spricht auf jeden Fall dafür (der erste Teil ist allerdings exakt der gleiche Text wie vor einer Woche). Mit dem Bezug zur aktuellen Sinusstudie ist sie auf jeden Fall soziologisch auf dem neuesten Stand. Auffallend ist allerdings auch der Katholikenüberhang in der Sendung, was daran liegen kann, dass die katholische Kirche derzeit stärker in der Kritik steht als die evangelische.

Aber wie lebensnah ist nun die Kirche? Diese Frage kann sich eigentlich jeder und jede stellen, nicht als "Glaubensfrage" wie der Titel der Sendung lautet, sondern als eine, die auf Erfahrung fußt. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Antwort auf diese Frage nicht abstrakt beantwortet werden kann sondern nur sehr individuell. Ich selbst erlebe meine Kirche und andere Konfessionen sowohl als lebensfern wie auch als lebensnah, je nach konkreter Situation.

Lebensfern erlebe ich meine eigene Kirche vor allem in ihrer harten Haltung hauptsächlich in Sachen Ehe und Familie:
  • wenn ein Kollege versetzt wird, weil er unverheiratet mit seiner Partnerin zusammenlebt,
  • ein anderer sich nach Trennung und Jahren als alleinerziehender Vater wegen seiner neuen Liebe ebenfalls auf eine neue Stelle begeben muss.
  • Wenn mir eine alte Frau mit Tränen in den Augen erzählt, dass sie eigentlich inzwischen Goldene Hochzeit feiern könnte, wenn es ihr und ihrem evangelischen Mann damals erlaubt gewesen wäre, eine konfessionsverbindende Ehe zu schließen.
  • Lebensfern auch, wenn mir eine andere alte Mutter auf meine Frage hin erklärt, dass ihr 40jähriger geistig behinderter Sohn deshalb nie mit zur Kommunion geht, weil er niemals eine Kommunionvorbereitung mitmachen durfte.
  • Ebenfalls lebensfern in ihrem Umgang mit den verheirateten Priestern, die ich persönlich kennenlernen durfte und die zeitlebens darunter litten, dass sie sich zwischen Berufung und Familie entscheiden mussten.
  • Wenn ich mitbekomme, dass schwule Pastoren und Priester zeitlebens ihre sexuelle Orientierung geheim halten müssen.
  • Wenn Frauen in einem Schwangerschaftskonflikt abgesprochen wird, eine selbstverantwortete Entscheidung zu treffen.
  • Wenn "komplizierte Kinder", vor allem "laute und wilde Jungs" von kirchlichen Veranstaltungen ausgegrenzt werden.
  • Aber auch wenn anders und kritisch Denkende abgewertet, denunziert und ausgegrenzt werden.
  • Wenn Frauen nicht die gleichen Rechte wie Männern zugestanden und Frauen z.B. von sämtlichen Weihen ausgeschlossen werden.
  • Wenn die Gläubigen an wichtigen Entscheidungen wie z.B. Bischofsernennungen nicht beteiligt werden.
  • Wenn die Augen vor Problemen verschlossen, sie banalisiert oder leugnet werden.
  • Wenn Pluralität unterbunden wird.
  • Wenn Forschungsergebnisse aus anderen Wissenschaften als irrelevant oder nebensächlich abgetan werden.
  • Wo sie an alten Vorstellungen klebt und nicht bereit ist, ihre Geschichte und ihre Texte mit aktuellen wissenschaftlichen Methoden zu betrachten.
  • Wenn extreme Meinungen in der Öffentlichkeit präsentiert werden.
  • Wenn sie nicht gesprächs- und kompromissbereit ist und nicht in der Lage zu pragmatischem Handeln, weil sie sich selbst und ihre einmal getroffenen Entscheidungen für das Maß aller Dinge hält.
Bevor ich zu den Punkten komme, wo ich die Kirche als überaus lebensnah erlebe, stellt sich die Frage: Wer ist das denn "die Kirche"? Alle Getauften gehören für mich dazu, das ganze Volk Gottes. Eine Reduktion auf das Amt wird ihr nicht gerecht. Immer sind es Menschen, einzelne oder Gruppen, die für "die Kirche" stehen, die durch ihr Handeln, ihren Rigorismus oder ihre Barmherzigkeit, ihr Vorbild und Versagen, ihre (Fehl-)Entscheidungen oder ihr Zögern das Bild von Kirche prägen. Konfessionell mache ich da keine Unterschiede.

Natürlich gehören auch unsere Ahninnen und Ahnen im Glauben dazu. Doch scheint mir, dass ihnen häufig zu viel Raum zugestanden wird im Gegensatz zu den jetzt aktuell Lebenden. Sie haben uns den Boden bereitet und wir stehen "auf ihren Schultern". Aber ihre Zeit ist trotzdem unwiderruflich vorbei. Dies zu akzeptieren, ohne die Altvorderen ganz auszublenden, lässt sie den Menschen heute nahe sein.

Und damit zum zweiten Teil: Lebensnah erlebe ich meine Kirche und die anderen aber ebenso:
  • Wo immer es ihr gelingt Leben und Glauben kreativ und interessant zusammen zu bringen.
  • Wo sie sich um Arme, Kranke und Benachteiligte mit großer Kompetenz und Nachhaltigkeit sorgt.
  • Wo sie ihre Angebote auf die Bedürfnisse der konkreten Menschen zuschneidet.
  • Wo sie neue Wege beschreitet und sich Herausforderungen stellt.
  • Wenn sie Menschen ermutigt, sich gegen Ungerechtigkeit aufzurichten und ihnen dabei zur Seite steht.
  • Wenn Prediger (mit entsprechender Begabung) sich der Herausforderung einer Büttenpredigt stellen.
  • Sie sich unaufdringlich zu den Menschen begibt, auch in ungewöhnlichen Situation wie auf Kreuzfahrten, in Freizeiteinrichtungen, Fußgängerzonen, auf Volksfesten oder im Zirkus. Dort mitlebt und mitgeht ohne Missionierungseifer.
  • Wenn sie neue Worte und Bilder findet, um ihre Botschaft verständlich zu verkünden.
  • Wenn sie sich ernsthaft mit Kritik auseinandersetzt.
  • In vielen ihrer Gruppen und Vereinen.
  • In ihrer Kinder- und Jugendarbeit, wo es sie noch gibt.
  • In der Frauenarbeit und beim Weltgebetstag.
  • In der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen.
  • In der Ökumene.
  • In der Arbeit der kirchlichen Hilfswerke.
  • In der Theologie.
  • In ihrem Exerzitien- und sonstigen geistlichen Angebot.
  • In vielen ihrer neuen und manchen alten Liedern und Texten.
  • Auf Katholiken- und Kirchentagen, Fortbildungen und Kongressen.
Natürlich ist das jetzt eine Momentaufnahme in all ihrer Unvollkommenheit und Unvollständigkeit. So wird es heute Abend auch mit dem Talk bei Günther Jauch sein. Ich bin gespannt, welche der von mir aufgeführten Punkte auch dort zur Sprache kommen und welche von mir übersehenen Akzente das Gespräch prägen werden! Sicher wird die Sprache auch auf Herrn Lohmann und seinen Auftritt letzten Sonntag kommen. Auch hier wird es spannend sein, wie die aktuellen Talkgäste ihn und seine Äußerungen einordnen!

Auch wenn die Erfahrungen mit der letzten Jauch-Sendung eher zur Talk-Abstinenz auffordern, die neue Sendung hat das Potential wesentlich interessanter und deshalb sehenswert zu werden.


Creative Commons LizenzvertragFrech.Fromm.Frau. von Ameleo steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Kommentare:

  1. Liebe Ameleo,

    das ist ein wertvoller Post, für den ich herzlich danke.

    Frohe Sonntagsgrüße
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
  2. Dem schließe ich mich an! Großartige Zusammenfassung mit vielen guten Gedanken.

    Liebe Grüße
    Katja

    AntwortenLöschen
  3. Hmm ...
    Vielen Punkten in deiner Aufstellung stimme ich zu.
    Ich darf aber vllt. einen Punkt ergänzen, wo die Kirche lebensnah ist: Wenn sie das Evangelium authentisch verkündet. Denn Leben ist nicht nur Leben im Jetzt, sondern Leben im Geist der Wahrheit. Lebensnah ist damit auch Leben nah an diesem Geist.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lebensnähe hat für mich mit greifbarem Handeln und Auftreten zu tun. Ich kann mir konkret nichts unter "Evangelium authentisch verkünden" vorstellen. Mir ist das zu abstrakt. Machs mal praktisch oder anders gesagt: "mehr Butter bei die Fische, bitte"!

      Löschen
  4. zunächst Grundsätzliches: "Lebensnah" und das "Evangelium authentisch verkünden" sind zwei Seiten der selben Medaille. Denn das Evangelium ist die Lehre Jesu, das Leben ist die Gnade, die uns durch das Kreuz geschenkt wurde. Das erste vermittelt uns das zweite.

    Nun zu den Beispielen:
    So fordert uns Christus dazu auf, alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen. Dementsprechend sollen wir nach dem Maße unseres Vermögens auf die Verbreitung seines Wortes hinwirken. Das wir damit mitunter anecken müssen wir uns Kauf nehmen. Auch die Apostel machten sich durch ihr Handeln nicht nur Freunde und haben die Umkehr zu Christus verkündet, auch wenn es nicht passte. Nun müssen wir ja nicht alle sein wie der Hl. Paulus, der ja ein ziemlicher Wirbelwind gewesen sein muss. Aber ich kann mich auch nicht hinter einer Haltung des "bloß-niemanden-kränken" verstecken. Ich kann einem Menschen durchaus sagen, dass ich der Meinung bin, die Lehre Jesu sei die Rettende Botschaft, jeder sei ein Sünder und auf die göttliche Gnade angewiesen. Das mag ihm vllt. nicht immer gefallen, aber wenn ich das mit Respekt tue und mir auch seine Meinung anhöre, fühlen sich die meisten nicht verurteilt oder bevormundet. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Und auch wenn er nicht gleich zur Beichte rennt, ich weiss nicht, was hängen bleibt. Aber in den allermeisten Fällen will ich es zumindest mal versucht haben. Und auch wenn ich mir nie anmaßen würde zu behaupten, dies sei Missionseifer, denn dafür bin ich zu faul, träge und feige, hoffe ich doch, ein bisschen zur Mission beizutragen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Auf den Punkt gebraucht: Lebensnah ist Kirche für dich dort, wo Christ_innen auf andere Menschen zugehen und ihnen von dem erzählen, was ihnen an ihrem Glauben wichtig ist. Richtig verstanden?

      Löschen
  5. Ist mir persönlich ein bisschen stark vom Subjektiven her ausgedrückt, kann man aber so sagen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. In meinem Post stelle ich die Frage ja auch als eine individuelle, daher subjektive. Kirche ist - ja sicher auch "mystischer Leib..." - aber vor allem eine Sammlung von Menschen.

      Löschen
  6. Na, ich muss mir ja deine Perspektive nicht zwangsläufig zu eigen machen. In diesem Zusammenhang würde ich deine Aussage, was Kirche ist, lieber umdrehen: Kirche ist vor allem mysthischer Leib Christi und sicher auch Sammlung von Menschen. Denn die Primäreigenschaft von Kirche ist ja nicht, dass darin Menschen sind, sondern das Christus darin ist.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das ist die Frage der Quantenmechanik, ob Licht aus Teilchen oder Wellen besteht auf theologisch.

      Löschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.