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Freitag, 29. März 2013

Verlassenheit

Auf den Besuch des Gründonnerstagsgottesdienstes gestern hatte ich mich gefreut! Die entsprechende Gemeinde kenne ich bereits mein halbes Leben lang. In die normalen Wochenendgottesdienste gingen dort immer mindestens doppelt so viele Menschen wie in meiner Heimatkirche. An den Festtagen muss eine sehr früh dasein, um sowohl einen Parkplatz in der Nähe als auch noch einen Sitzplatz zu bekommen, hatte ich erst letztes Ostern erfahren.

Nachdem dort zuerst der eigene Pfarrer abgezogen worden war, dann die Gemeindereferentin und der Ruheständler nicht mehr zur Verfügung standen, wurde die zwangsläufige Fusion mit drei anderen ehemals selbständigen Gemeinden mit intensiven Schulungen von Laiinnen und Laien u.a. für die Leitung von liturgischen Diensten begleitet. Über Dekanatsgrenzen hinaus gilt die Übernahme von Verantwortung durch Ehrenamtliche in dieser Gemeinde als vorbildlich. Auch ich hatte sie in der Vergangenheit als sehr lebendig erlebt und mich dort wohl gefühlt.

Nicht ganz so früh, wie geplant, wunderten wir uns gestern bei der Ankunft über einen fast leeren Parkplatz. Sollte ich mich in der Zeit vertan haben? Waren wir zu früh? Oder zu spät? Im Gemeindehaus brannte Licht und etwa eine Handvoll älterer Leute war zu sehen. Die Kirche war geöffnet, drinnen kaum Licht und kein einziger Mensch. Ein Blick auf die ausliegenden Handzettel: Nein, geirrt hatte ich mich nicht. In fünf Minuten sollte der Gründonnerstagsgottesdienst beginnen. Also ins Gemeindehaus, nachfragen, was los ist. Die erste Tür: nicht zu öffnen, die zweite ebenfalls verschlossen. Wir machten uns am Fenster bemerkbar und wurden zur ersten Tür gebeten. Sie klemmte, Fremde bekommen nur schwer Zutritt.

Der Gottesdienst sei hier, erfuhren wir und setzten uns zu der Handvoll Anwesender. Mit einer Wortgottesfeier im kleinsten Kreis hatte ich an dieser Stelle nicht gerechnet, empfand irgendetwas zwischen Neugier und Beklommenheit.

Der Gemeinderaum war liturgisch vorbereitet: Das Kreuz verhüllt, ein Altar und ein Ambo eingerichtet, auf einem Nebentisch eine Schüssel, Wasserkrüge und Handtücher für die Fußwaschung. Ein Herr im weißen Gewand ordnete noch Zettel auf dem Lesepult. Ein paar Leute kamen nach uns, wir wurden aber kaum mehr als zwanzig Personen. Leises Gemurmel, den Anwesenden schien ein Gottesdienst in diesem Rahmen vertraut zu sein. Dann begann der Gründonnerstaggottesdienst.

Alles war liturgisch "richtig", der Gottesdienst gut vorbereitet, die Rollen klar verteilt, kein Element wurde ausgelassen. Begonnen wurde korrekt mit dem Kreuzzeichen, aber es fehlte ein herzliches und gemeinschaftsstiftendes „Fratelli e sorelle, buona sera“ und jeder freundliche Blick. Für mich wollte kein Gefühl von "kleiner christlicher Gemeinschaft" aufkommen. Das zog sich durch.

Zwischendurch etwas Situationskomik: das Ambo war auf den langen Gottesdienstleiter eingestellt, die mindestens zweieinhalb Kopf kleineren Lektorinnen hatten sichtbar Mühe, die Texte lesen zu können. Von ihnen selbst waren für alle Anwesenden nur ein paar Haare noch zu sehen.

Die Fußwaschung wurde durch ein Lied begleitet und geschah so eher nebenbei, was ich schade fand. Da hätte ich lieber einen Moment geschwiegen, um das Geschehen mitzuerleben.

Irgendwann kam eine Frau strahlend in den Gemeinderaum, einen Kelch mit Hostien in den Händen aus dem gerade zu Ende gegangenen Gottesdienst der etwa 40 km entfernten "Hauptkirche". Sie zauberte einigen ein Lächeln auf die Gesichter und ein wenig Lebendigkeit in den Raum. Bei der Kommunionausteilung wurde dann auch der Bezug zum Gesamt der Gemeinde betont und die Mahlgemeinschaft mit ihr. Ob die anderen jenseits der Worte das auch so empfunden haben?

Der Gottesdienst endete so offen und unabgeschlossen, wie es Gründonnerstag üblich ist, ohne Segen und ging in eine Prozession in die Kirche zu einer Anbetungsstunde über. Alle folgten. In der Marienkapelle wurde das Allerheiligste, der Kelch mit den verbliebenen Hostien aus dem Gottesdienst, ausgesetzt.

Die sorgsam ausgewählten Texte hatten Tiefgang, die Litaneien Würde, die Lieder waren mir nicht alle bekannt. All das erreichte mich nicht. Das kleine Grüppchen wirkte so verloren in der leeren, fast dunklen Kirche! Durch, mit und ihn dieser Gemeinde war das Gefeierte spür- und greifbar: die Verlassenheit und Einsamkeit Jesu auf dem Ölberg. Sie spiegelte sich erschreckend real in diesem traurigen Häuflein übriggebliebener Gläubiger. Gemeindefusion als Inszenierung und Aktualisierung von Jesu Leidensgeschichte, kam mir in den Sinn und eine tiefe Traurigkeit. Gründonnerstag ist mir noch nie so nah gegangen!


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Kommentare:

  1. Liebe Ameleo,

    dein Bericht geht mir auch nahe.
    Aber so ist die Situation überall.

    Sonnige Karfreitagsgrüße
    Elisabeth

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    1. Danke, liebe Elisabeth! Bei uns ist es dem Feiertag gemäß grau und trübe.
      Ich wünsche dir auch alles Gute!

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  2. Oh menno, Ameleo, das tut mir Leid. Hättest Du einige Kilometer weiterfahren müssen? Dass die Kirchen nach Fusion leerer werden, weil die Katholiken dem Pfarrer hinterherziehen, kenne ich auch aus Berlin. Ich selber war mal wieder kilometerweit in einem wunderbaren Gottesdienst mit gegenseitigem Händewaschen..wenn ich die Süddeutsche recht gelesen habe und nicht einer Fata Morgana aufgesessen bin, hat der Papst im Jugendgefängnis auch Apostelinnen die Füße gewaschen..ohne groß etwas zu erklären, das ist Jesuit. In Berlin war das im letzten Jahr noch offiziell untersagt..hier schneit es. Auch komisch..Frohe Ostern, oder so,

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    1. Weiter fahren geht immer! Da aber nirgendwo mehr klar ist, was eine dort erwartet, ist meine Bereitschaft dazu eher verhalten. Auch bin ich eher für Regionalität und Stärkung der lokalen Ebene als für Gottesdiensttourismus.

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  3. Das geht nahe, auch hier wird es immer mehr so "still" oft fremd.
    Ich möchte auch nicht unseren geliebten Pfarrer hinterherreisen, weiss aber, dass viele aus der alten Pfarrei das tun
    ich wünsche Dir schöne Ostern
    Elisabeth

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  4. Ein sehr interessanter Bericht, danke dafür.

    Wobei ich das durchaus positiv lese. Es scheint ja so, als sei der größte Teil der Gemeinde in der Hauptkirche gewesen und habe dort der Messe beigewohnt. Ob es so glücklich ist, das Allerheiligste durch die Weltgeschichte zu fahren, ich weiss nicht. Sag ich nix zu.

    Wobei das Wort "Gottesdiensttourismus", muss das sein? Ich find das irgendwie ein bisschen abwertend. Ich fahre auch seit Jahren 30 Min. hin und zurück zu meiner Gemeinde. Das ich Gottesdiensttourismus betreibe, hab ich so nie gesehen.

    Speziell an Teresa: Meines Kenntnisstandes nach hat der Hl. Vater Frauen und Nicht-Christen die Füsse gewaschen. Daher scheinen mir theologische Wunschphantasien von Apostellinen bisschen weit hergeholt.

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