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Freitag, 19. April 2013

Wie passt das biblische Hirtenbild zur heutigen Lebenswelt?

Samstagabend oder Sonntag werden wir folgenden Evangelientext in der Messe hören:
Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir. Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle, und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins. (Johannes 10,27-30)
Das Bild des Hirten sollte eigentlich positiv besetzt sein, biblisch gesehen zumindest. Schutz und Fürsorge sollen sich darin ausdrücken. Aber das Bild hat Grenzen. Meine Erfahrungen mit und mein Wissen um Schafen und Hirten kommt mir beim Lesen der biblischen Hirtenbilder in die Quere.

Quelle: http://www.clipart-kiste.de/
Wozu hat denn ein Hirte Schafe? Um ihrer selbst willen eher nicht! Im besten Fall geht es lange Zeit nur um ihre Wolle und die Milch. Mit ewigem Leben ist es allerdings gerade bei den Tieren, die bereits als Lammfleisch auf dem Essensteller landen, nicht weit her gewesen. Bis zum Schlachten hat sich der Schäfer hoffentlich gut um seine Tiere gekümmert. Selbst ein solches, wenn auch begrenztes Leben in Würde ist ja keine Selbstverständlichkeit! Aber bis auf die Tiere, die auf einem Gnadenhof oder ähnlichem bis zu ihrem natürlichen Lebensende gepflegt werden, ist ihre Lebenszeit immer streng limitiert.

Muss ich mir beim biblischen Bild vom Hirten Gott also besser als einen "Tierschützer auf einem Gnadenhof" vorstellen, der sich um alte, kranke, vernachlässigte "Schafe" kümmert? Zunächst ist das ein fremdes Bild. Aber wenn es darum geht, besonders die Armen und Zukurzgekommenen in den Blick zu nehmen, weil sie Jesus besonders am Herz lagen und liegen, könnte etwas von dem Bild stimmen: letzlich ist jeder Mensch, bin auch ich zuwendungsbedürftig mit meinen Schwächen.

Aber allein bei dieser Sicht zu bleiben, hieße auch, Gott nur als den "ganz anderen", den "mir gegenüber" oder gar "über mir" zu sehen. Der Aspekt des "mir ganz nahen" Gottes, dem, der mir so nahe kommt, dass ich mich "mit ihm eins" weiß, "du in mir und ich in dir", kommt darin nicht vor und lässt das Hirten-Bild schief hängen. Es hängt erst dann wieder gerade, wenn auch ich mir die Rolle der Hirtin zu eigen mache, überall dort, wo mir Menschen anvertraut sind. Als "Hirtin" kann es nicht meine Aufgabe sein, andere zu melken, zu scheren und dann dem Metzger auszuliefern. Als Hirtin in der Nachfolge Jesu habe ich mich gemeinsam mit anderen mit um ein Leben in Fülle zu kümmern. Für alle. Jetzt. Und für immer.

Links zu mehr Hirtencontent unter "Thematische Reihen".

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Kommentare:

  1. Liebe Amaleo,
    ich hab da mal was geschriben - vielleicht passt es dazu:
    http://frauauge.blogspot.de/2012/04/schaf-sein-einmal.html

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    1. Danke, sicher passt das! Vermutlich hat es mit der Perspektive zu tun, aus der heraus eine die Hirt_innenrolle erlebt und sieht: Es ist etwas anderes, wenn sie einer als Kompetenz und Beauftragung zugeschrieben wird - dann ist es wichtig, das Mitschafsein zu betonen und allein den Blick auf den göttlichen Hirten zu richten - als wenn einer die bleibende "Schafrolle" zugewiesen wird, in der sie sich auf Dauer männlichen (!) Hirten und einem "Oberhirten" unterzuordnen hat.

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  2. Liebe Ameleo,

    gut und lesenswert!

    Sonnige Grüße

    Elisabeth

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  3. Meine Freundin sagte immer: "Geht es dem / der Pastorin um das Schaf oder um die Wolle?"
    Vielleicht zeichnet auch das einen guten Hirten aus, dass es ihm eben um das Schaf geht und nicht (nur) um die Wolle.
    Liebe Grüße
    Birgitta

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  4. Du wirfst da eine gute Frage auf:
    "Wozu hat denn ein Hirte Schafe?"
    Leider gibst du darauf keine Antwort. Das Bild vom Gnadenhof ist zwar sehr schön, ist aber (meines Kenntnisstandes nach) eher unbiblisch. Auch dein Verweis auf eine eigene Hirtenfunktion löst die Frage nicht. Vllt. widmest du dich der Frage nochmal zu einem späteren Zeitpunkt (oder hast dies bereits getan). Ich fände es sehr interessant.

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    1. @MC:
      Ein Hirte in der heutigen Realität hat seine Schafe allein aus wirtschaftlichen Interessen, was nicht ausschließt, dass auch sein Herz an diesen Tieren hängen kann. Dies Bild passt für mich nicht zu Gott. Oder was sind in deinen Augen seine "wirtschaftlichen Interessen" an uns? Oder hat er andere? Ich denke, er liebt uns (sorry für den Pathos) um unserer Selbst willen. Wie siehst du das?

      Gnadenhöfe in der heutigen Form gab es zu biblischer Zeit sicher nicht. Wobei ich auch hier nicht ausschließen kann, dass Tiere aus Dankbarkeit für einen geleisteten Dienst bis zu ihrem natürlichen Tod gepflegt wurden, das Gnadenbrot bekamen. Mir fehlt momentan die Zeit, das genauer zu recherchieren.

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  5. Der Oberösterreichische Hochschulseelsorger Markus Schlagnitweit legte am 15. Mai 2011 in der ORF-Sendung "Erfüllte Zeit " das Gleichnis vom Hirten und der Herde im Johannesevangelium (Joh 10,1-10) aus. (Erfüllte Zeit 15. 05. 2011, 7.05 Uhr - 8.00 Uhr, Österreich 1)

    Dieses Gleichnis vom guten Hirten ist mit Vorsicht zu genießen – zumal in einer Kultur, die vom Hirtenleben kaum mehr etwas versteht. Da sind Missverständnisse vorprogrammiert. Und in einer Religionsgemeinschaft wie meiner römisch-katholischen Kirche, wo sich ganze Berufsbilder, Amtstheologien und Mitgliederstrukturen an diesem Gleichnis orientieren – da wiegen Fehlinterpretationen dann besonders schwer.

    Ich habe auf zahlreichen Weitwanderungen durch entlegene Gegenden Südost-Europas und des Orients wirkliche Hirten bei ihrer Arbeit beobachtet und mich mit ihnen darüber unterhalten. Und ich habe dabei viel Interessantes erfahren. Das Wichtigste: Normalerweise geht ein Hirte seiner Herde nicht voran, sondern immer hinterher. – Das steht im Widerspruch zum Evangelium. Dieses spricht ja von einem Hirten, der seiner Herde vorausgeht. Das kommt in der Realität eigentlich nur in einer Situation vor: In der extremen Wüste, wo Herdentiere offenbar auf das überlieferte Orientierungswissen ihrer Hirten angewiesen sind. Aber die Wüste ist nicht der Normalfall für eine Herde. Ich neige deshalb dazu, das biblische Bild vom vorangehenden Hirten ausschließlich der Person Jesu zuzusprechen. Eine Übertragung auf andere Personen ist problematisch. An Jesus allein haben Christinnen und Christen sich zu orientieren.

    Tatsächlich steht aber besonders die römisch-katholische Kirche ständig in Gefahr, dass ihre Amtsträger sich an die Stelle des einen guten Hirten setzen und sich so gebärden, als ob die Kirche ihnen gehörte: Sie wollen bestimmen und vorangehen. Sie legen autoritativ fest, wohin die Herde zu gehen hat. Sie glauben, am besten zu wissen, was für die Herde gut ist und was nicht. Sie bestimmen auch das Tempo der Herdenwanderung. Und wer will bestreiten, dass sie in den vergangenen Jahren ziemlich gebremst und lieber in Kauf genommen haben, dass ungeduldige „Schafe“ aus der Herde davongerannt sind, als dass sie die Schwerfälligen und Bremser angetrieben hätten? – So aber funktionieren Herden nun einmal nicht.

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  6. Meine echten Hirten haben mich jedenfalls anderes gelehrt: Ihre Tiere – haben sie mir stets versichert – wüssten in aller Regel selbst, wo sie das beste Futter fänden. Sie halten sich normalerweise an die vorhandenen Wasserläufe und wandern diese entlang. Dort findet man dann alle auch leicht wieder. Die Aufgabe der Hirten besteht also gerade nicht darin, die Wege der Herde zu bestimmen. In der Regel koordinieren sie mit ihren Rufen die Herden lediglich so, dass sie sich nicht allzu weit verstreuen. – Am schwierigsten aber – so haben mir meine Hirten versichert – am schwierigsten sei eigentlich der Umgang mit den langsamen Tieren: Jene, die nicht mithalten können – etwa weil sie krank oder verletzt sind –, müssen oft überhaupt abgesondert werden. Jene aber, die nicht mit der Herde weiterziehen wollen, weil sie sich lieber mit den alten Futterplätzen begnügen – die brauchen ab und zu schlichtweg einen Tritt in den Hintern. Denn jeder gute Hirte weiß: Eine Herde muss in Bewegung bleiben, darf nie zu lange am selben Platz verharren, weil sie sonst die eigenen Ausscheidungen mitfrisst und davon krank wird.
    Was das wohl alles für meine Kirche bedeuten könnte: Für die beständige Notwendigkeit von Veränderung und Neuaufbruch etwa, bzw. für den Umgang mit der Spannung zwischen reformorientierten und traditionsverliebten Kräften! Oder was müsste es doch für ein gesundes Selbstbewusstsein der so genannten „Laien“ bedeuten, wenn die Hirten meiner Kirche den besten „Riecher“ für gute Nahrung nicht sich selbst zusprächen, sondern ihrer Herde! – Genau dieses Zutrauen fehlt mir aber allzu oft. Stattdessen überwiegt der Eindruck wachsender Entfremdung.
    Entfremdung! – Beklemmend dazu das Wort dieser Evangelienstelle: „Einem Fremden ... werden sie – die Schafe der Herde – nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.“ Und weiter: „Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.“ – Ist mit diesen Worten am Ende der aktuelle Zustand der real existierenden römisch-katholischen Kirche beschrieben? Ist die hier angesprochene Fluchtbewegung nicht längst in Gang? Und aus Gründen, die das Evangelium selbst beschreibt! – Verlassen nicht viele Menschen die Kirche, weil sie in der Stimme ihrer Oberhirten nicht mehr die Stimme des einen guten Hirten erkennen können? Weil sie – im Gegenteil! – manche ihrer angeblichen Hirten stattdessen als gemeine Diebe erfahren mussten, die nicht gekommen waren zu hüten, sondern um – etwa sexuell – auszubeuten und ihren Machthunger zu stillen? Und viele Menschen gehen wohl auch deshalb davon, weil jene, die in Nachfolge der Apostel das Hirtenamt für sich reklamieren, das Gleichnis von Hirte und Herde immer noch nicht verstanden zu haben scheinen oder nicht verstehen wollen.
    Meine Kirche feiert ausgerechnet heute den „Weltgebetstag für geistliche Berufe“. Nun, so ein Gebet ist vor diesem Hintergrund wohl besonders wichtig und gut. In den Ohren sollten die Betenden damit aber nicht Gott liegen. Die Schwerhörigen und Begriffsstutzigen sind ganz woanders.

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  7. Auweih! Je höher die Häuser, um so tiefer die Abgründe, sagt man in Land der untergehenden Sonne zu solchen Gedanken. Nun, auch wenn es um Menschenfischer geht, könnte man es so biegen, dass ein Fischer ja normalerweise auch nur Fische fängt, um zu töten und danach entweder selber zu essen oder zu verkaufen. So könnte man dann aus St. Pete ein ziemliches Monster machen, wenn man es denn unbedingt möchte.
    Aber erstmal: Ja, Schafe und auch Rinder oder Pferde und die meisten anderen Nutztiere, die nicht gerade in industrieller Massentierhaltung ihr Leben fristen, kennen ihre Besitzer und kommt nicht nur zum Weidezaun, wenn man erscheint, sondern rennt einem auch - mehr oder weniger zielstrebig - hinter her. Es gibt übrigens verschiedene Möglichkeiten der Wanderschafhaltung und - wenigstens in unseren Breiten - beurteilt man den Schäfer auch danach, ob und wie ihm die Herde folgt. Anders sieht das z.B. in Australien aus. Herzliche Einladung zur Unterstützung unserer heimischen Schafhalter durch den Kauf von Wolle und Fleisch. Wenn man will, dass Vieh ordentlich gehalten wird, sollte man eigentlich nicht direkt an Gnadenhöfe denken, sondern an den eigenen Kühl- und Kleiderschrank. Wenn man die Garne für seine Wollpullis selber spinnt und verstrickt, hat man direkt drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Man hat ein kreatives Hobby, man unterstützt artgerechte Tierhaltung und brauch sich auch weniger Gedanken um menschenunwürdige Arbeitsbedingungen im Bangladesch, China oder Indien zu machen, wo die meisten unserer Klamotten herkommen. Es sind eben nicht DIE anderen, die die Welt ausbeuten, sondern immer erstmal man selber. Aber das nur am Rande.
    So, aber warum muss es eigentlich in den Gleichnisreden bei Schafen immer um mich als Individuum gehen? Warum muss ich mit der Ich-Fixierung des 20. und 21. Jahrhunderts eigentlich an solch ein Gleichnis herantreten? Warum passt es uns heute nicht mehr ein Schaf in einer Herde zu sein, warum muss ich mich in die Rolle des Machers, eines männlichen Machers obendrein, hinein drängen? Warum können wir das nicht für eine Sekunde loslassen, und die Bilder des Alten Testaments z.B. Hesekiel 34,1-31 über die Hirten und Schafe im Hintergrund, diese Aussage, die Christus über sich selber macht, wirken lassen? Ich für meinen Teil halte das, was z.B. Hesekiel schreibt für eine recht aktuelle Beschreibung der sozio-politischen Lage unserer Welt und wie Machthaber und auch gerade wir in den reichen Länder mit denen umgehen, die nicht mit uns Fortschrittlichen Schritt halten können.
    Ich finde, es sagt sehr viel über den Zustand der Kirche aus, wenn vielen Leuten scheinbar nichts anderes als Ämter- und Posten einfällt. Schade. Ich finde es passt so gar nicht hier mal wieder einen Aufhänger für den ewig gleiche kleinkarrierte Dauerdebatte über die kirchliche Hierarchie zu suchen.
    Wenn es mir nicht passt Schaf in einer Herde zu sein und damit in der Tat hier eher zu denen zu gehören, die sich nicht selber leiten können, eben nicht wissen wo es am Besten ist, sondern immer nur den nächsten Grasbüschel sehen und nicht das große Ganze, dann ist das natürlich ärgerlich. Wenn ich mir aber auf der anderen Seite eingestehen kann, dass meine Nase vielleicht nicht immer die ist, nach der alles gehen muss und der Grund, den ich für den besten halte, vielleicht nicht immer der beste ist, dann kann die Zusage Jesu, dass er uns und damit auch mich leiten wird, auch Hoffnung in einer Zeit erwecken, wo in der Herde sich scheinbar nur noch alles darum dreht, was Ich mache und welche Rechte Ich habe und was Ich alles will.

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  8. Ich muss sagen, dass dies wirklcih ein sehr Informativer Artikel über die Lebenswelt eines Hirten. Ich sehr viel gelernt! Vielen dank für diesen schönen Blog. Mfg Marta

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