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Donnerstag, 30. Mai 2013

Exegese

So notwendig und hilfreich für die einen, wie von manchen anderen auch umstritten ist die Bibelwissenschaft, die Exegese. Auf zwei spannende Artikel zu diesem Thema möchte ich hier hinweisen. Beide sind in der Auseinandersetzung mit Gedanken von Klaus Berger und Rezensionen seines Buches "Die Bibelfälscher" entstanden.

Bereits vor ein paar Tagen hat MC auf seinem Blog "Demut jetzt" seine Ansicht zur historisch-kritischen Exegese formuliert. Er würdigt ihre Verdienste, hat aber auch den Eindruck, sie würde ihre Einsichten zu dogmatisch vertreten. Sein Fazit spricht eher kritisch-distanziert von der historisch-kritischen Exegese und unterstützt so den Ansatz Bergers:
Wir müssen hier kein Loblied auf die Exegese singen, dürfen sie aber auch nicht verdammen. Damit tun wir ihr und uns keinen Gefallen. Besser, wir nutzen das Buch <von Klaus Berger, Red.> für eine nüchternere und ausgewogenere Bewertung dieser großen Methode.
Ganz anders bewertet Volker Schnitzler die Notwendigkeit der Exegese in seinem aktuellen Post "fertige Antworten und Selbsttäuschung". Es ist ein starkes Plädoyer für eine kritische Bibelwissenschaft. Die Sorge Klaus Bergers vor dem Verlust des Glaubens durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den biblischen Texten, und die damit verbundene Angst, danach und dadurch würde NICHTS mehr übrig bleiben, nimmt er dabei zu tiefst ernst.

Ich stimme ihm aus eigener Erfahrung darin zu, dass im Theologiestudium der persönliche Glaube durchaus verunsichert werden kann und oft wird, vielleicht sogar werden muss. Aber ebenso wie er sehe ich auch, dass nur das Hindurchgehen durch diese Verunsicherungen und die Auseinandersetzung mit ihnen, nicht aber deren Abwehr, zu einem wesentlich vertiefteren Glauben führen kann und zumeist führt, wenn man sich darauf einlässt. Er schreibt:
Theologie muss wissenschaftlich, muss kritisch sein! Wenn Theologiestudenten mit dieser Kritik nicht umgehen können, dann ist das nicht die Schuld der Theologie, dann ist das vielmehr ein deutliches Zeichen für einen unreifen und naiven Glauben, für den die Gemeinden, Familien und Katecheten, letztlich die Kirche verantwortlich ist. Die Aufgabe des Theologen ist es jedenfalls nicht, den Glauben zu stärken oder auszubilden, der Glaube wird in einem wissenschaftlichen Studium auf eine harte Probe gestellt. Doch am Ende, und das habe ich persönlich mit vielen anderen so erfahren, reift er doch und wird stärker, weil man sich mit der Kritik auseinander gesetzt hat und nicht vor ihr weggelaufen ist. Erst so ist man dann in der Lage, anderen auch Glauben zu vermitteln. Und dazu gehört auch das Eingeständnis des Zweifelns und der Angst.
Mit seinen Gedanken knüpft er im weiteren an die Erzählung und an den Glauben Hiobs an und wendet sich gegen einen vereinfachten und vereinfachenden Kuschelgottesglauben bzw. unreifen Glauben. 
 
An dieser Stelle möchte ich an seine Gedanken anknüpfen und sie differenzierend fortführen: Für Theologiestudierende - und um die geht es in seinem Beitrag - ist eine intensive, kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben, den biblischen Texten und der Kirche in ihren vielen Facetten unerlässlich. Um andere auf ihrem Lebens- und Glaubensweg mit seinen Höhen und Tiefen, Hochzeiten und Zweifeln begleiten zu können, muss ich zwar nicht alle Wege zuvor selber gegangen sein, auch wenn eigene Wegerfahrungen für eine Begleitung unerlässlich sind, aber ich sollte zumindest mit den Basics einer Ausrüstung fürs Unterwegssein bereits intensivst vertraut sein.
 
Dieses intensive Maß an kritischer Auseinandersetzung mit biblischen Texten in Bezug auf den eigenen Glauben erwarte ich aber nicht von jeder und jedem in Kirche und Gemeinde. Es gibt auch einen über die Jahre gewachsenen, am Leben geschliffenen, erlittenen und durchbeteten, schlichten Glauben, der trotz seiner Schlichtheit trägt und sich nicht durch jeder kleinste kritische Anfrage erschüttern lässt. Ihn erlebe ich bei manchen alten Menschen. Manche ruhen so in sich selbst und damit möglicherweise auch bereits jetzt in Gott.
 
Andere allerdings spüren auch jenseits der 70 noch einen tiefen Wissens- und Glaubenshunger, weil sie merken, dass ihr noch nicht ganz überwundener Kindheitsglaube sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr trägt, ihre Fragen nicht beantwortet und nur eine nicht greifbare Sehnsucht verbunden mit einem unerschütterlichen Vertrauen in Gott sie weiter auf der Suche sein lässt. Leider finden sie in den Gemeinden und kirchlichen Veranstaltungen häufig nicht genügend Nahrung für ihre Fragen, die sehr häufig gerade die biblischen Texte und damit den Bereich der Exegese betreffen. Da gäbe es noch viel zu tun!
 
Die Frage allerdings, was für meinen persönlichen Glauben - und Glaube kann nur ganz individuell durch die eigenen Lebenserfahrungen geformt entwickelt werden - von Bedeutung ist und was ihn bzw. mich nährt, kann niemand anderes für mich beantworten. Wenn ich mich allerdings in Beantwortung dieser Frage für den Weg der Theologin oder des Theologen entscheide, gehört die kritische, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Bibel samt der möglicherweise damit verbundenen not-wendigen Erschütterungen, aber auch der sich mit großer Wahrscheinlichkeit anschließenden Glaubensvertiefung, unabdingbar dazu. Den Sprung in diese Ungewissheit muss ich selber wagen, ohne zu wissen ob, aber im Vertrauen darauf, dass ich aufgefangen werde und gehalten bin.

 
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Kommentare:

  1. Danke, Ameleo, für deine Verlinkung und Auseinandersetzung mit meinen Gedanken. Ich stimme dir in deinen Ausführungen zu. Die Menschen die - wie du sagst - jetzt schon in Gott ruhen, kenne ich auch. Ich bin mir allerdings auch sicher, dass sie mit ihrem Glauben spielend durch ein Studium gegangen wären. Denn dieser Glaube kommt wahrscheinlich dem, was im Buch Hiob mit Gottesschau umschrieben wird, schon sehr nahe. Das kann dir kein Mensch mehr nehmen.Und dieser Glaube hängt wohl kaum an der Diskussion, ob Jesus über's Wasser gelaufen ist oder nicht ;-) Jemand, der Gott geschaut hat, wird wohl wissen, dass Gott sich nicht beweist, um dich zum Glauben zu zwingen, er respektiert deine Freiheit, er möchte, dass du dich in Freiheit ihm zuwendest. "Dein Glaube hat dir geholfen." Und dieser Glaube ermöglicht tatsächlich Wunderbares!

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    1. Zwei Aspekte scheinen mir bei der Diskussion um die historisch-kritische Exegese beachtenswert. Zum einen sind die Texte der Bibel Literatur und damit der Untersuchung mit den Methoden der einschlägigen Wissenschaften zugänglich. Wenn, wie wir zusammen mit Juden und Muslimen glauben, dass Gott sich im Medium Literatur zu erkennen gibt, dann dürfen wir auch annehmen, dass die Methoden, mit denen Literatur untersucht werden kann, uns zu einem tieferen Verständnis des Gottes führen, der hinter unseren "heiligen" Texten sich verbirgt/entbirgt
      Zum anderen scheint mir die Angst vor den Erkenntnissen der historisch-kritischen Exegese sehr oft von einem fragwürdigen Mirakel-Glauben geleitet zu sein, der auf sehr materialistische/naturalistische "Beweise" angewiesen ist. Da müssen dann die Erzählungen über Empfängnis und Geburt Jesu biologisch verstanden werden, anders steht Jesu Gottesssohnschaft in Frage; das Grab Jesu muss wirklich leer gewesen sein, sonst kann man den Zeugen der Auferstehung nicht mehr glauben usw. Da kommt mir nur das Wort Jesu an Thomas in den Sinn:"Selig, die nicht sehen und doch glauben." (Joh 20,29).

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    2. Lieber Armand, ich bin mit einigen sehr frommen Muslimen gut befreundet und aus langen, sehr interessanten Gesprächen und Diskussionen glaube ich zu wissen, dass das so nicht stimmt. Für einen Muslim ist der Koran keine Literatur, er ist das ungeschaffene Wort Gottes, das von jeher existierte.( Interessant ist hier, dass Muslime unausgesprochen eine Art "Zweifaltigkeit" annehmen, die eigentlich im Widerspruch zur polemisch-antitrinitarischen Einheit Gottes/tawhid steht) Die angeblich übernatürliche literarische Qualität dieses Textes gilt Muslimen als Beweis für dessen Göttlichkeit. Als Christ glaube ich hingegen, dass Jesus selbst die Offenbarung ist, während die Evangelien von dieser Offenbarung berichten. Insofern ist Dir zuzustimmen: wer annimmt, dass sich Gott selbst als Person offenbart hat, dass er also selbst in die Geschichte eingetreten ist, muss die entsprechenden Berichte auch als historische Texte und als Literatur verstehen. Die Frage ist, wie weit man damit gehen kann.Das lässt sich hier nicht in aller Breite ausdiskutieren. Zum einen will ich Ameleos interessanten Text nicht allzu kleinlich bekritteln, zum anderen bin ich selbst unschlüssig, und kann mich in der diskutierten Sache mal wieder nur zu einem klaren Jein durchringen.
      Ich möchte lediglich sagen, dass ich die Fragwürdigkeit häufig auf Seiten der Historisch-Kritischen sehe. Die Annahme, ein moderner Mensch, der Lichtschalter bedient, sein Innneres im CT betrachtet und durch's Internet surft,könne wohl kaum daran glauben, dass Jesus über's Wasser gelaufen ist, ist auf fast schon lächerliche Weise materialistisch/naturalistisch schlicht. Von uns hat keiner das Grab gesehen. Auch dass es nicht leer war, wäre eine Glaubensaussage (die allerdings den Nachteil hat, dass sie den vom leeren Grab berichtenden unterstellt, sie seien phantasierenden Spinnern aufgesessen). Wer in seinem methodischen Tunnelblick und seiner materialistischen Naivität so befangen ist, dass es seinem Glauben hilft, wenn sowas rein metaphorisch gedeutet wird, dem sei's gegönnt. Es führt zu weit, hier gleich "Häresie, Häresie" zu schreien. Dafür wiederum sind die historisch-kritischen Theorien wieder viel zu interessant und hilfreich beim weiten von anders gearteten Tunnelblicken. Das kann man bei den Muslimen lernen, sie rufen es ständig in die Welt hinaus "Gott ist größer"- als sich wie auch immer geartete Tunnelblicker das vorstellen können. (wobei ich hier dem schrecklichen Verdacht vorbeugen möchte, ich sei undogmatisch: Dogmen betrachte ich als Sehhilfen, die das Fokussieren ermöglichen, was etwas völlig anderes ist als Tunnelblicken....)

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  2. Lieber Alex, ich würde gerne mit Dir weiter diskutieren, aber das käme dann schon beinahe einer Blog-Besetzung gleich und das können wir Ameleo nicht antun. Aber ich danke Dir, dass Du auf meinen Kommentar eingegangen bist.

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    1. Wenn ihr hier nicht weiter diskutieren wollt, hätte Alex doch die Möglichkeit über deinen Blog Kontakt mit dir aufzunehmen, wenn gewünscht.

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  3. Liebe Ameleo,
    ich habe mich mit den Gedanken von dir und Volker beschäftigt und sie in einem Post aufgenommen:
    http://demut-jetzt.blogspot.de/2013/06/die-historisch-kritische-exegese-und.html

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