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Mittwoch, 8. Mai 2013

Heute Eltern sein

Als frischgebackener Mutter oder jungem Vater
erzählen dir Kinderärzte und -ärztinnen,
kluge Ratgeberbücher und Elternzeitschriften,
wissende Verwandte und ungefragte Bekannte,
in der Kassenschlangestehende und Nachbarinnen
wie das so geht mit diesem Kind.
Wie man es ernährt und pflegt und kleidet
und bildet und wie und wo man es schlafen lässt.
Und dass es unweigerlich nicht zu behebenden Schaden nimmt,
solltest du genau ihre Ratschläge nicht befolgen.

Im Kindergarten darfst du auf Elternabenden basteln,
erst eine Laterne mit ungiftigem,
leider auch kaum haftenden Kinderkleber,
später die Schultüte mit Klebepistole.
Alles unter den strengen Augen anderer Bastelmütter und -väter
und mit pädagogischen Infos über den Entwicklungsstand deines Kindes,
seine motorischen und sozialen Fähigkeiten,
von denen du so noch gar nichts wusstest,
weil ja eigentlich du die überwiegende Zeit mit ihm oder ihr verbringst.
Du darfst zum Weihnachtsfest und zum Kaspertheater,
gerne mit Kuchenspende oder Salat.

In der Grundschule wirst du gleich mitbeschult und belehrt
über die Art und Weise, wie du dein Kind nicht nur fördern kannst,
sondern dringend und zwingend fördern musst,
wie du mit ihm lesen übst und rechnen, schreiben
und auswendig lernst und Referate erstellst,
aber dem Kind nichts abnehmen sollst,
weil es alleine für Schule verantwortlich ist.
All das in betulich kleinkindhafter Sprache,
die nervt und niemanden ernst nimmt, vor allem nicht die Kinder.
Außerdem darfst du spenden
und wieder wahlweise Kuchen backen,
verkaufen oder grillen
und auf Stühlen sitzen für Sechsjährige.

Als Kommunioneltern wirst du nicht nur informiert,
sondern ungefragt bekatechetet,
(selbst wenn du Theologin bist)
während dir wichtige Fragen
wie die nach dem eigenen Fotografieren
abgebügelt, entwertet und fremdentschieden werden,
anstatt sie als Einstieg in ein Gespräch zu nutzen.
Du hast Termine - besonders gern kurzfristige -
und Bekleidungsanordnungen stillschweigend hinzunehmen
und dein Kind zu jeder Zeit
dort hinzufahren, wo man es gerne sähe.

Außerdem lässt man dich nachdrücklich wissen,
dass du glaubenstechnisch dringend upgedatet werden müsstest,
um der besseren Begleitung deines Kindes willen,
an dessen religiöser Erziehung es ja noch mehr fehlt,
als bei den Jahrgängen zuvor,
natürlich nett verpackt in freundliche Worte.
Wenn dann noch betont wird,
wir Eltern würden unser Bestes gegeben
und wir hätten uns nach besten Kräften bemüht,
weißt du, was dies in einem Arbeitszeugnis bedeutet
und was man gerade von dir hält.

Auf der weiterführenden Schule wirst du
wahlweise beglückwünscht über das tolle Kind,
was schon so viel erreicht hat und doch solch eine Bereicherung ist,
oder ernsthaft ermahnt, dass man wird ein Auge darauf haben müssen
und eine gewisse Gefährdung durchaus zu erkennen sei,
oder getröstet, weil das Schulsystem ja so durchlässig ist
und sich noch gar nichts entschieden hat
über die weitere Zukunft deines Kindes.

In den höheren Klassen bist du
einfach nur noch überflüssig,
denn das Eigentliche
geschieht in der Schule,
die - mit ernstem Blick über die Lesebrille bemerkt -
ausbaden muss, was du nicht geschafft hast,
oder bei Freund_innen,
weil Eltern einfach uncool geworden sind,
was du doch verstehen musst.
Zahlen darfst du gerne, nein du musst
für Klassenfahrt und Theaterbesuch,
den Skiausflug und den Vergnügungspark,
denn das Miteinander in der Klasse ist ja auch dir wichtig.

Immer aber wirst du von diesen Einrichtungen reduziert
auf dein Vater-, Mutter-, Elternsein
was dir leider nur recht leidlich gelingt,
denn eigentlich bist du darin komplett inkompetent
und ein Elternführerschein wäre eigentlich nötig, verpflichtend.
Dazu wird dir zu jeder Zeit gesagt,
wie ärgerlich und enttäuschend es ist,
dass ausgerechnet nur du dich interessierst
und alle anderen Anwesenden,
nicht aber die, die gerade fehlen.

Übersehen wird der erwachsene Mensch,
der mehr kann als Vater, Mutter zu sein,
der Kollege, die Kollegin mit anderen Fachkompetenzen.
Stattdessen wird der Bänkerin betulich erklärt,
wieviel sie für den Würstcheneinkauf ausgeben darf
und wie es anschließend abzurechnen ist,
während dem Reiseverkehrskaufmann nicht erlaubt wird,
sich um den Bus für die Klassenfahrt zu kümmern.

Gerne gesehen sind Eltern mit Bäckerei, Schlachterei oder Partyservice,
wahlweise auch die mit Anhängerkupplung nebst Anhänger
und einer Scheune voll Biertischgarnituren,
oder die, die selbst zu Hause pausenlos nur Deko basteln.
Sonstige berufliche Kompetenz wird gnadenlos ignoriert,
du selbst auf das vermeindlich niedrige Niveau deines Kindes degradiert.

Liebe Besserwisser und Besserwisserinnen:
DAS NERVT!

Nachmittags kommt ihr zu uns in die Werkstatt oder die Praxis,
lasst euch von uns die Steuern machen und die Haare,
wollt über die Hausfinanzierung sprechen und euren Urlaub.
Ihr spielt gegen uns Fußball, singt im gleichen Chor,
sprecht am Gartenzaun über die Schneckenplage,
den Ölpreis und die Bundeswehr in Afghanistan.
Ihr besucht unsere Vorträge und Geschäfte,
erwartet von uns hochwertig gestaltete Internetpräsenzen,
Qualitätsjournalismus und gerechte Urteile.

Genauso wie in diesen Zusammenhängen
möchte ich von euch in Kindergarten,
Schule und Gemeinde behandelt werden:
mit Respekt, freundlich oder gar freundschaftlich,
als ernstzunehmendes, kompetentes, erwachsenes Gegenüber - mit Kind!
Und auch diese erwarten das Gleiche von euch.
Lasst uns auf Stühlen für Erwachsene sitzen
und schaut uns auf gleicher Ebene in die Augen.
Schmeißt endlich euer überhebliches Getue in die Tonne!

Und ja: Ich weiß, ihr seid nicht alle so.
Trotzdem musste es mal gesagt werden!


Creative Commons LizenzvertragFrech.Fromm.Frau. von Ameleo steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Kommentare:

  1. Liebe Ameleo,
    ich selbst bin von nichts betroffen.
    So warte ich die Reaktionen ab.

    Sonnige Grüße
    Elisabeth

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  2. Danke - das musste wirklich mal gesagt werden!!!
    LIebe Grüße
    Birgitta

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    1. Ameleo, hast Du das selbst geschrieben? Du sprichst mir aus der Seele!

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    2. Ja, stammt von mir. Erfahren wie beschrieben.

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