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Mittwoch, 12. Juni 2013

Ging es jemals um "Herr Professorin"?

Oder: Wie aus einer ungeschickten Schlagzeile Fakten wurden.


Es war(d) einmal an der Uni Leipzig, heißt es allenthalben, eine Entscheidung getroffen, die jedermann und jede Frau darauf verpflichte, nur noch die weibliche Form, das generische Femininum, zu gebrauchen.  Das habe unter anderem zur Konsequenz, dass - wenn auch grammatikalisch falsch - zukünftig von "Herrn Professorin" gesprochen werde. Und man hatte schnell die Schuldigen dieser Entscheidung ausgemacht: die Männerfeinde, vielmehr -feindinnen und den Genderwahn.

Aber ist das so? Verlangt die Uni Leipzig eine solche Redeweise? Und haben alle, die das so schreiben, es gründlich recherchiert? Oder ist es gar ein Märchen?

Ja, sagt das BildBlog, da hat einer eine knackige Überschrift formulieren wollen, ohne das Thema richtig verstanden zu haben, und alle haben abgeschrieben und so einen massiven Fehler weiter transportiert.

Worum aber ging es denn dann eigentlich - jenseits des gerne benutzten Feindbildes? BildBlog schreibt:
Der erweiterte Senat der Uni Leipzig hat in seiner Sitzung unter anderem über die Grundordnung, also die Verfassung der Hochschule diskutiert. Dabei ging es auch um die Frage, wie man die Personen bezeichnen soll, die in diesem Dokument vorkommen. 
Bisher hatte die Uni die Schrägstrich-Variante genutzt. (...) 
Statt "Vertreter/innen" könnte die Uni auch "Vertreter_innen" schreiben. Oder "VertreterInnen". Oder "Vertreter/Vertreterinnen". Oder "Vertreterinnen und Vertreter". Sie könnte auch — wie es bisher jahrzehntelang üblich war — einfach nur "Vertreter" schreiben und in einer Fußnote klären, dass damit auch Frauen gemeint sind. 
Sie könnte aber auch — und damit kommen wir zur neuen Variante an der Uni Leipzig — einfach nur "Vertreterinnen" schreiben und in einer Fußnote klären, dass Männer damit auch gemeint sind. 
In der Grundordnung – und zwar nur in diesem Dokument – sollen künftig also ausschließlich weibliche Personenbezeichnungen benutzt werden. Dies sei eine "spontane Entscheidung ohne politische Ziele" gewesen, sagte der Professor, der die Variante vorgeschlagen hatte.
Spiegel online hatte nun aus dieser Angelegenheit: "Sprachreform an der Uni Leipzig: Guten Tag, Herr Professorin!" gemacht, woraufhin etliche Nachrichtenmagazine nachzogen und den gleichen Unsinn schrieben. Auf dem BildBlog sind etliche Beispiele dazu aufgeführt.

Nun war und ist diese von vielen Magazinen übernommene, aber ganz offensichtlich nicht überprüfte Behauptung natürlich Öl auf das Feuer derjenigen, die ohnehin schon schlecht oder falsch über die Anliegen des Genderthemas informiert sind. Und so ist es nur folgerichtig, dass auch die offizielle Richtigstellung der Uni Leipzig so gut wie nirgends rezipiert wurde und wird ...
Da bei der umfangreichen Berichterstattung zur neuen Grundordnung der Universität ein klares Missverständnis zu Tage getreten ist, sei an dieser Stelle festgehalten: Der erweiterte Senat der Universität Leipzig hat beschlossen, in der Grundordnung - und nur in diesem Dokument - statt der üblichen, meist männlichen Form, in der sich die weibliche Schreibweise mit einer Fußnote begnügen muss - umgekehrt vorzugehen. Die entsprechende Fußnote lautet: "In dieser Ordnung gelten grammatisch feminine Personenbezeichnungen gleichermaßen für Personen männlichen und weiblichen Geschlechts. Männer können die Amts- und Funktionsbezeichnungen dieser Ordnung in grammatisch maskuliner Form führen."
Aber weil es so schön in die eigenen Vorurteile passt, hält sich die Mär von "Herrn Professorin" auch weiterhin und alle leben glücklich und zufrieden, bis an ihr Lebensende. Und weil es noch immer weitererzählt wird, lebt dieses Märchen auch noch heute ...


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Kommentare:

  1. Liebe Ameleo,

    Fazit: Die Menschen lieben Märchen.

    Eine gute Nacht wünscht dir

    Elisabeth

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  2. Harmoniesüchtig wie ich nunmal bin denke ich mir meist: Diejenigen, die solchen Unwillen, ja Abscheu vor der Mühe haben, doch endlich die weiblichen Personen explizit zu erwähnen, im -innen-Zusatz oder mit dem Femininum eines Wortes usw., sind doch oft die, die gerade auf die Unterschiede bei den Geschlechtern pochen. Wie groß muss die Furcht sein, dass irgendwann nicht mehr das weibliche beim männlichen mitgemeint ist sondern umgekehrt. Die Armen.
    Aber ist das abwegig? Viele haben doch eine "jetzt schlagen wir zurück"-Einstellung.
    Wiederum verstehe ich aber nicht, das es als lächerlich gilt, dass Frauen (ich auch) es als abwertend empfinden, wenn sie immer nur 'auch gemeint', 'mitgemeint' und 'die, die auch noch dabei sind' (letzteres mein Gefühl. 10 Männer und 100 Frauen sind auch noch dabei). Wenn 'auch gemeint' respektvoll und gleichwertig ist, dann brauch ja niemand sich fürchten, falls das Verhältnis mal kippt. (Weil z.B. irgendwann mehr Professorinnen...)

    Das Spiegel-Online sich auf Bildzeitungsniveau begibt wundert mich. Aber ist vielleicht nur ein Zeichen, dass ich öfter mal aufs Bildblog gucken sollte.

    Ist ermüdend diese Zickereien. Aber vielleicht wird mit dieser Müdigkeit kalkuliert.

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  3. Hochinteressant bzw. einfach traurig finde ich, wenn sich Spiegel-Online für den zugefügten Image-Schaden bei der Uni Leipzig nicht entschuldigt.

    Wo solche Umgangsformen gepflegt werden brauch man sich nicht zu wundern, wenn Sprachfeinheiten abgetan werden.

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    1. Zumindest haben sie den Teaser geändert und in einer Anmerkung darauf hingewiesen:

      Anmerkung: In einer früheren Version des Vorspanns zu diesem Text stand, die Universität Leipzig setze nur noch auf weibliche Bezeichnungen. Die Darstellung war verkürzt, es fehlte der Hinweis auf die vom Senat beschlossene Grundordnung. Wir haben den Vorspann entsprechend angepasst.

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