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Montag, 3. Juni 2013

Von der Vielfalt der Bibelauslegung

Klaus Bergers Buch "Die Bibelfälscher" hat eine intensive Diskussion über die wissenschaftliche Bibelforschung, speziell die historisch-kritische Exegese ausgelöst. (neben mir u.a. MC hier und hier, Volker Schnitzler, Gerd Häfner) Das finde ich gut so! So kommt eine wichtige theologische Disziplin ein wenig mehr aus den universitären Räumen in die Öffentlichkeit.

Ich befürchte allerdings, dass die Debatte schnell zu einer Expert_inn_en-Diskussion wird, die die normalen Bibelleser- und -hörer_innen abhängt. Das fände ich schade, denn möglichst viele Menschen, so denke ich, sollten in der Lage sein, diese Diskussion zu verstehen und sich ein eigenes Bild zu machen.

Quelle: pixabay
Was also ist das eigentlich für eine Methode, die Berger kritisiert? Was versucht diese historisch-kritische Exegese zu erforschen und welche Fragen stellt sie an biblische Texte? Das lässt sich kurz erklären (wenn auch nicht ganz so leicht umzusetzen ...).

Manches erinnert bei ihr an den Umgang mit und die Interpretation von Texten, wie wir alle sie im Deutschunterricht gelernt haben, wenn z.B. in Lyrik oder bei Kurzgeschichten auf den tieferen Sinn hinter die Oberfläche der vordergründigen Worte geschaut und Texte zeitgeschichtlich eingeordnet wurden.

Folgende Schritte geht und Fragen stellt die historisch-kritische Exegese:
  • Unsere heutigen Bibel gründen auf alten und ältesten Handschriften. Welche davon ist zuverlässigste und ursprünglichste? fragt die "Textkritik".
  • Ist ein Text aus einem Guss oder gibt es z.B. auffällige Gedankensprünge, Doppelungen oder gar Widersprüche? untersucht die "Literarkritik". Wie erklärt sich beispielsweise das Vorhandensein von sich bis in wörtliche Entsprechungen gleichenden Passagen in den Evangelien? Gab es möglicherweise Vorlagen? Kann es sein, dass mehrere Verfasser an einem Text gearbeitet haben?
  • Um was für eine Art von Text handelt es sich und in welche Situation spricht er? erforscht die "Formkritik". Wie es in unserem Alltag einen Unterschied macht, ob ein Text mit "Es war einmal ...", "Liebe Oma, ..." oder "Die Würde des Menschen ist unantastbar. ..." beginnt, gibt es auch unterschiedlichste biblische Textarten wie z.B. Gleichnisse, Wundererzählungen oder Briefe, die sich an ganz bestimmten stilistischen Merkmalen erkennen lassen und die eine je verschiedene Intention haben. (Von "Es war einmal ..." erwarten wir ja beispielsweise auch keinen historischen Bericht.)
  • Die "Redaktionskritik" betrachtet das Endergebnis des Textes. Was hat der "Endredakteur" geleistet? Wie hat er die verschiedenen ihm vorliegende Textstücke miteinander zu einem zusammenhängenden Ganzen komponiert, und was war dabei sein (theologisches, inhaltliches) Interesse?
  • Die "Traditionskritik" geht von der Annahme aus, dass die Inhalte und Motive der jetzt schriftlichen Bibeltexte zuvor mündlich weitererzählt, dabei weiterentwickelt und durch konkrete Erzählsituationen geformt wurden. Sie versucht diese mündlichen Vorformen herauszuarbeiten.
  • Manche biblische Texte haben Entsprechungen im außerbiblischen Bereich. So gibt es beispielsweise im Gilgamesch Epos auch eine Sintfluterzählung wie in unserem Buch Genesis. Im "religionsgeschichtlichen Vergleich" werden diese biblischen und außerbiblischen Texte einander gegenüber gestellt und miteinander verglichen. Was verbindet und was unterscheidet sie? Und wie lautet die spezifisch biblische Botschaft bei sich gleichenden Bildern und Motiven?
Mit diesen Fragestellungen will die historisch-kritische Exegese den ursprünglichen Text und seine Aussage rekonstruieren. (Mehr und ausführlicheres dazu auch hier (3 Seiten) und hier (16 Seiten) in Artikeln vom katholischen Bibelwerk.)

Mit all diesen historisch-kritischen Untersuchungen ist aber noch keine Aussage darüber gemacht, was ein Text für uns heute bedeuten kann! Die Bibelwissenschaft ist daher nicht bei diesem analytischen Umgang mit den Texten geblieben, sondern hat sich auf viele Arten weiterentwickelt. Auf Wikipedia gibt es einen ausführlichen Artikel dazu. Auf den Seiten des katholischen Bibelwerks sind mehrere (z.T. durch ihre Fachsprache komplizierte) Beiträge zur aktuellen Weiterentwicklung und Diskussion in den verschiedenen exegetischen Disziplinen frei zugänglich.

Hier will ich nur ein paar Ansätze - zugegebenermaßen verkürzt - skizzieren:
  • Die "sozialgeschichtliche Exegese" fragt nach den gesellschaftlichen Zusammenhängen zur der Zeit, als die Texte entstanden. Wie haben die Menschen damals gelebt und wie wirkt sich dies auf die Inhalte der biblischen Botschaft aus? Welche Rolle spielten beispielsweise üblicherweise Frauen im antiken Israel? Was bedeutet das heute für uns in einer anderen sozialen und kulturellen Situation?
  • Ein anderer Ansatz nimmt das Innere des Menschen in den Fokus. Die Menschen heute und damals sind von ihrem Wesen und ihrer Psyche her nicht besonders verschieden, ist seine Annahme. Damals wie heute können wir vom Göttlichen nur in Bildern und Symbolen sprechen. Wenn wir einen guten Zugang zu unserem Inneren haben, zu unseren Träumen und inneren Bildern, so die "tiefenpsychologische Exegese", dann fällt es uns heute leichter, einen Zugang zu den biblischen Bildern zu bekommen und uns von ihnen berühren und bewegen zu lassen. Theolog_innen aus therapeutischen Kontexten haben diese Form der Exegese geprägt.
  • Die Bibelauslegung der "Befreiungstheologie" dagegen hat ihren Ursprung in Lateinamerika. Dort wurde die Beobachtung gemacht, dass manche arme und einfache Menschen einen ganz unmittelbaren Zugang zu den biblischen Texten hatten. Daraus wurden Methoden entwickelt, wie sie im Gespräch miteinander und mit Bezug auf ihre ganz konkreten Alltagserfahrungen sich biblische Texte erschließen und sich daran auch handelnd orientieren können.
  • Speziell der Blick aus weiblicher Pespektive schließlich ist der Ansatz der "feministischen Exegese". Sie hat nicht nur die vielen biblischen Frauengestalten verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt, sondern betrachtet auch gezielt innerbiblische Frauen- und Männerbilder. Schließlich ist es ihr ein Anliegen, gezielt mit und für Frauen die biblischen Texte zu erschließen.
Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer Methoden, biblische Texte für Menschen heute zu erschließen. Ich lasse sie hier außen vor, da sie mir weniger vertraut sind. Andere mögen sie gerne ergänzen. Allen ist allerdings gemeinsam, dass sie - zumindest auf der Seite der dafür Ausgebildeten - zu einem großen Teil auf den Erkenntnissen der historisch-kritischen Exegese aufbauen.

Die Hauptkritik an dieser historisch-kritischen Exegese ist, dass sie in gewisser Weise manche Texte "entzaubert" und beispielsweise im religionsgeschichtlichen Vergleich sie und die darin Handelnden scheinbar ihrer "Einmaligkeit" beraubt.

So kann es manche durchaus irritieren, wenn sie erfahren, dass im alten Orient und der griechisch-römischen Antike auch bei anderen bedeutsamen Männern von einer Jungfrauengeburt gesprochen wird. Andere wiederum sind erleichtert, wenn sie durch diesen religionsgeschichtlichen Vergleich plötzlich verstehen, dass mit "Jungfrauengeburt" auch aus biblischer Perspektive hauptsächlich etwas über die Besonderheit und aus der Allgemeinheit Herausgehobenheit dessen, dem dies zugeschrieben wird, gesagt werden soll, nicht aber über seine Mutter.

Die Größe und Bedeutung Jesu Christi schmälert ein solcher Befund dabei keineswegs. Wohl aber fordert er zu der nicht einfachen Aufgabe heraus, den eigenen Blick auf ihn aus dem persönlichen Glauben heraus neu zu justieren und die Bedeutung von "Jungfräulichkeit" neu zu füllen.  Dies aber ist für mich, im Gegensatz zu Klaus Berger, kein Zerschlagen von Porzellan, sondern eine Focussierung auf Wesentliches.

Und letztlich - wie ich an anderer Stelle bereits schrieb - liegt es immer in der persönlichen Verantwortung jeder einzelnen Person, so mit diesen Informationen umzugehen, dass sie für eine_n selbst fruchtbar werden können und sich beizeiten um Unterstützung auf dem eigenen Glaubensweg zu kümmern, wie sie z.B. eine geistliche Begleitung anbietet.


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Kommentare:

  1. Liebe Ameleo,

    deine Gedanken sind gut und richtig. Alles scheitert daran, dass die meisten Menschen es nicht verstehen.

    Ich bringe nur ein Beispiel.
    Ein Priester, der mit mir gute Exegese gehört hatte, malt in seiner Predigt aus, wie Jesus
    über das Wasser ging.

    Solche Sachen habe ich oft erlebt.

    Ich möchte dir nicht deinen Elan nehmen, sondern
    nur erklären, weshalb viele Dinge so schwierig sind.

    Sonnige Grüße
    Elisabeth

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    1. Liebe Elisabeth,

      mich überraschen solche Predigten ebenfalls, gerade weil ich weiß, dass wir ja das gleiche studiert haben. Manchmal habe ich den Eindruck, den Gemeinden wird auch zu wenig Verständnis zugetraut. Sicher aber gibt es ganz verschiedene Gründe, warum jemand Geschichten ausschmückt und es dabei belässt.

      Dir auch liebe Grüße
      Ameleo

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  2. Die Frage ist aber nun einmal: Besagt die Tatsache, dass die Jungfrauengeburt ein verbreiteter Topos antiker "Helden-Apotheotik"ist, dass Jesu Mutter keine Jungfrau gewesen sein kann? Oder hat Gott sich einfach dem Verständnishorizont seiner damaligen Adressaten angepasst, indem er sich von einer Jungfrau gebären ließ? Wenn man die Bibel nämlich als Zeugnis über das Handeln Gottes an den Menschen ernst nimmt, dann ist die zweite Annahme ebenso zuzlässig. Was also zu kritisieren ist, sind eventuell die Prämissen. Um es mit einem von deinen Beispielen zu verdeutlichen: ein guter Teil der historischen und literaturwissenschaftlichen Textkritik und Interpretationstechnik könnte durchaus hilfreich sein, bei der juristischen Auslegung von Gesetzestexten, die zum Teil 140 Jahre alt sind, und denen teilweise wesentlich ältere rechtliche Vorstellungen zugrunde liegen. Um zu einer juristischen Exegese zu gelangen, muss der Exeget aber immer davon ausgehen, dass er es mit einem Gesetzestext zu tun hat. Dadurch sind bestimmte Herangehensweisen und Schlussfolgerungen von vorneherein ausgeschlossen, und es kann nur darum gehen, mit den Hilfsmitteln den eigentlichen Willen des Gesetzgebers zu ermitteln.
    Kritisch ist dann wohl auch das "Unfehlbarkeitsdogma" zu betrachten, mit dem sich die historisch-kritische Methode offenbar umgibt. Wie aus dem ersten Kommentar ersichtlich, ist es dem in "guter Exegese" Geschulten anscheinend ja verboten, anzunehmen, dass Jesus tatsächlich über's Wasser ging.

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    1. @Alex
      Zum "Unfehlbarkeitsdogma" der hist.-krit. Exegese: ich bezweifle, dass es das gibt und dass je ein_e Exeget_in sich in diese Richtung geäußert hätte. Aber ich kann mich irren und bitte daher um entsprechende Belege.

      Zum scheinbaren Verbot der Annahme, "dass Jesus tatsächlich über's Wasser ging.":
      Ich gehe davon aus, dass die Menschen, die Jesus zu Lebzeiten begegnet sind und auch die Christ_innen der ersten Generationen Erfahrungen mit ihm gemacht haben, für die es keine anderen Worte und kein anderes Bild gab als "über's Wasser gehen". Warum sollte ich mir eine solche Annahme nehmen lassen?

      Die Jünger_innen und ersten (Juden-)christ_innen waren nachhaltig geprägt von der Erfahrung Gottes im Exodus, der sie unter der Leitung des Mose "durch" das bedrohliche Wasser und damit weg von der Bedrohung durch die Ägypter gehen lies und von der Erzählung vom Propheten Jona, der "ins" Wasser geworfen aber auf wunderbare Weise daraus gerettet wurde. Ihre Begegnung mit Jesus überbot ganz offensichtlich diese beiden Erfahrungen um ein vielfaches, was auch immer da geschehen ist. Die Rede vom "über's Wasser" gehen drückte das ganz augenscheinlich am allerbesten aus.

      Solche Querbezüge zu ziehen (es gibt noch weitere wie zur Verklärung oder zur Erscheinung des Auferstandenen) kann sicher jede_r, der/die sich einigermaßen in den biblischen Schriften auskennt. Bei mir hat das Studium der Exegese wesentlich dazu beigetragen, auf solche Ideen zu kommen.

      Niemandem aber wird verboten, sich die Szene bildhaft vorzustellen. Im Gegenteil: gerade das Visualisieren kann einem solche Erzählungen persönlich gut erschließen. Nur ist das dann keine hist.-krit. Exegese.

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    2. Liebe Ameleo, es besteht kein Grund, sich am Überswasserlaufen derart aufzuhängen. Es wurde hier von guter Exegese gesprochen und anhand dieses Beispiels aufgezeigt, was als schlechte zu verstehen sei. Ich bitte daher meinen Kommentar in dieser Hinsicht zu kontextualisieren.
      Nichts destotrotz sind die von Dir aufgezeigten Zusammenhänge hoch interessant, weil sie nämlich erklären, warum Jesus übers Wasser ging, obwohl Gott solche Showeffekte nicht nötig hat. Und darin liegt eben das Spannende an der historisch-kritischen Exegese, wenn sie nicht versucht mehr zu sein als eine theologische Hilfswissenschaft. Das war auch der eigentliche Kern meines Kommentars, daher der Vergleich mit den Rechtswissenschaften. Kann man denn zu einer sinnvollen Interpretation eines Gedichts gelangen, wenn man es als Gesetzestext auffasst- und umgekehrt? Wenn die Evangelien nicht mehr sind als Glaubensberichte, im sozialen, historischen, kontextuellen, psychologischen Zusammenhang zu lesende Zeugnisse der konstruierten Wirklichkeit von Zeitgenossen sind- warum sollten sie bedeutender sein als "Hundert Jahre Einsamkeit"?

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  3. Bischof G.L. Müller zur Jungfrauengeburt:

    „Es geht nicht um abweichende physiologische Besonderheiten in dem natürlichen Vorgang der Geburt (wie etwas die Nichteröffnung der Geburtswege, die Nichtverletzung des Hymen und der nicht eingetretenen Geburtsschmerzen), sondern um den heilenden und erlösenden Einfluß der Gnade des Erlösers auf die menschliche Natur, die durch die Ursünde ‚verletzt’ worden war. … Der Inhalt der Glaubensaussage bezieht sich also nicht auf physiologisch und empirisch verifizierbare somatische Details“ (Katholische Dogmatik für Studium und Praxis, Freiburg 52003, S. 498).

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  4. Bitte beachtet das Thema des Posts! Es geht um Methoden der Exegese und nicht um das Thema Jungfrauengeburt. Diese habe ich hier nur als Beispiel angeführt.

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  5. Liebe Ameleo,
    ganz herzlichen Dank für Deinen Überblick über die Einzeldisziplinen der wissenschaftlichen Bibelinterpretation und den Verweis auf die weiterführenden Artikel des katholischen Bibelwerks. Es tut gut, vierzig Jahre nach Beendigung des Theologiestudiums, mein Wissen wieder auf den aktuellen Stand zu bringen.
    Mein Glaube gerät im Übrigen häufiger durch Erfahrungen, die ich mit dem Leben mache, ins Stolpern als durch diese oder jene Deutung eines biblischen Textes. Die durch Exegese erschlossenen Texte des Ersten und Zweiten Testaments helfen mir eher, wieder Tritt zu fassen.

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  6. Wieder was gelernt! Ich lese mit viel Interesse Deine Ausführungen, dass weisst Du ja.
    liebe Grüsse, ich denke an Euch, bete, dass das Hochwasser endlich zurückgeht.
    Elisabeth

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