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Montag, 17. Juni 2013

Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten

Gedanken an der Grenze zwischen Scherz und Ernst


Der Auferstandene und in den Himmel Aufgefahrene wird also zum Richten kommen. (aktuelles Monatsthema zum Jahr des Glaubens)
Nehmen wir einmal an, diejenigen, die in der Diskussion um die historisch-kritische Exegese meinen, dies ganze Rückblick- und Analysierdingens sei überflüssig und es genüge, den Text in der vorliegenden Fassung zu nehmen, um ihn mit heutigen Maßstäben angemessen zu verstehen, hätten recht. Warum sollte dieses Vorgehen nicht auch auf den ebenfalls sehr alten Text des Glaubensbekenntnisses zutreffen? Also fix mal jegliche Sekundärliteratur und jede historische oder kirchliche Brille beiseite gelassen und den Text in seinem Sosein betrachtet.

Wenn einer "richtet", was macht der dann? Und wer "richtet" heute?

Es gibt Leute, die meinen, beim "Richten" ginge es ausschließlich um Rechtsangelegenheiten, also um Richter oder Richterinnen, Kläger_innen und Angeklagte. Aber "richten" Richter? Das sagt doch niemand! Sie sprechen Recht, be- und verurteilen. Nur: von urteilen, be- oder verurteilen ist in dem obigen Satz des Glaubensbekenntnisses überhaupt keine Rede! Wie also kann man seinen Blick so eingeengt auf diese eine Bedeutung von "richten" richten? "Richten" hat vielmehr einen sehr breiten Sinngehalt. Der darf nicht auf einen einzigen fragwürdigen Akzent verkürzt werden, ohne dass die Sache daneben geht.

Obwohl das "Richten" in dem Wort "Gericht" schon durchschimmert. Bei "Gericht" denke ich allerdings nicht in allererster Linie an Gesetze und Anwälte, sondern an etwas Leckeres zu essen, an ein Mahl, dass liebevoll für mich zubereitet und angerichtet wurde. Geht es bei dem Satz des Glaubensbekenntnisses vielleicht um ein Mahl, das der Auferstandene für uns vorbereitet, anrichtet?

Wenn ich bei dem Gedanken an ein festliches Mahl bleibe, dann hat das viel mit "Richten" zu tun: ein Raum wird dafür hergerichtet, vor dem Eintreffen der Gäste die Stühle und das Besteck gerichtet, ebenso wie die Blumen, die vielleicht ein wenig aus der Form geraten sind. Und als Gast richte ich meine Haare und meine Kleidung. Ich will ja mit meinem Aussehen mir und meinen Gastgeber_innen Freude bereiten! So gesehen ginge es dem, der zum "Richten" kommt, möglicherweise darum, für das Gastmahl alles schön und festlich herzurichten.

Aber auch jenseits eines Festes mit köstlichen Gerichten, wird der Ausdruck "richten" in vielen Nuancen gebraucht. Schiefe Zähne werden bei Kindern und Jugendlichen mit Hilfe der Kunst eines Kieferorthopäden gerichtet, ein ausgekugeltes Gelenk richtet dagegen ein anderer Mediziner und nimmt mir so die Schmerzen. Vielleicht bekennen wir so etwas ähnliches ja auch im Glaubensbekenntnis: dass da einer kommen wird, alles das zu begradigen, was schief gewachsen oder durch falsche Bewegung aus dem Lot geraten ist und vor allem, um Schmerzen zu nehmen.

Dann gibt es noch die Menschen, die vor Kummer und wegen einer schweren Last, die sie tragen, ganz krumm gehen. Und es gibt andere, denen es gelingt, durch Zuwendung und Gespräch auch diese Krümmungen zu richten, so dass eine Trauernde und ein Belasteter plötzlich wieder ganz aufrecht, "richtig" und gerichtet, gehen können. So wie in der einen Heilungsgeschichte ... Ach nein: alte Texte bleiben hier ja außen vor. Aber dieses Auf-richten von Gebeugten steckt auch in dem Satz, um den es hier geht.

Auch wenn ein Zaun schief ist oder eine Acht im Vorderrad meines Fahrrades, muss ebenfalls beides gerichtet, wieder in seinen ursprünglich gemeinten Zustand gebracht werden. Oder wenn man ein Metallstück braucht, das ganz gerade sein soll, damit es für seinen vorgesehenen Zweck passt, muss man es zunächst richten. Wir bekennen also unseren Glauben an einen, der alles so richten wird, wie es von seinen Ursprüngen her gemeint ist, damit alles gut zusammen passt.

"Richten" ist schon in diesen wenigen Beispielen so vielfältig und hat über diese aufgeführten noch weitere Bedeutungen. Wer Spaß daran hat, findet allein auf dieser Seite 23 Nuancen.

Hier fasse ich abschließend zusammen:
Wenn wir im Glaubensbekenntnis sagen "Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten", dann bekennen wir unseren Glauben an:
  • ein liebevoll für uns vorbereitetes Mahl mit leckeren Gerichten,
  • für dessen Teilnahme alles an und in uns neu ausgerichtet und uns unsere Schmerzen genommen werden,
  • an einen, der auch die Gebeugten aufrichten wird,
  • der alles, was schief und krumm gewachsen oder kaputt gegangen ist, wieder reparieren wird,
  • der alles in seinen ursprünglich gemeinten schönen und guten Zustand versetzen wird,
  • bei dem zwar jeder und jede gerichtet, wieder richtig gemacht, aber niemand be- oder verurteilt wird,
  • der vielmehr alles festlich für uns alle vorbereitet.
Das sind ja tolle Aussichten, die uns da erwarten! So etwas bekenne ich gerne, immer und immer wieder. Und es konnte ganz einfach mit unserem alltäglichen Sprachgebrauch aus dieser Zeile herausgelesen werden!

Leute, ihr habt Recht: ohne den ganzen gewachsenen Ballast von (Kirchen-)Geschichte und so ist es viel schöner, die alten Texte einfach so zu deuten, wie sie da stehen!



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Kommentare:

  1. Wie Du es nur immerwieder schaffst Deine Gedanken so verständlich hier zu schreiben!
    ich wünsche Dir eine schöne Woche
    Elisabeth

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  2. Da besteht ja wenig Hoffnung für die Geschwister im romanischen Sprachraum, bleiben ihnen doch all diese Wortspiele verschlossen. Sie müssten schon einiges an etymologischem Wissen mitbringen, denn ius heißt nicht nur "Recht" sondern auch "Brühe", so dass bei ausreichendem Spieltrieb iudex mit "Suppenkoch" übersetzt werden könnte. Will man aber ein Stückchen Brot zur Suppe müssten immer noch Spreu und Weizen getrennt werden. Oder um bei der Terminologie der Gerichtsrede bei Matthäus zu bleiben: Man muss die Spreu "aphorizein" also aus-grenzen. Aber nur so wird man die Ballast-stoffe los.

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    1. Du denkst viel zu komplex und analytisch! ;-)

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  3. Da halte ich es doch gern mit Kurt Mati:
    "Wenn die Bücher aufgetan werden am Ende unseres Lebens
    und sich herausstellen wird, dass sie niemals geführt worden sind,
    weder Gedankenprotokolle noch Sündenregister,
    weder Mikrofilme noch Computerkarteien.

    Wenn die Bücher am Ende unseres Lebens aufgetan werden,
    und siehe auf Seite 1, spricht Gott:
    “ Habt ihr mich für einen Eckenspäher, Schnüffler gehalten?“
    Und siehe auf Seite 2:
    “Der große Aufpasser oder Unbruder? Alles eure Erfindung!“
    Und siehe auf Seite 3:
    “Nicht eure Sünden waren zu groß, eure Lebendigkeit war zu klein“ –

    Wenn die Bücher am Ende des Lebens aufgeschlagen werden und sich herausstellen wird, dass sie niemals geschrieben worden sind."
    (Kurt Marti)

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