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Freitag, 14. Februar 2014

Leid beenden

Das belgische Parlament hat entschieden, dass unter bestimmten Bedingungen zukünftig auch bei Kindern und Jugendlichen aktive Sterbehilfe erlaubt sein soll. Kinder und Jugendliche, die an einer unheilbaren, schmerzhaften Krankheit leiden, die nicht durch entsprechende Medikation gelindert werden kann, sollen das Recht haben, um eine Doppel-Injektion von Anästhetikum und Muskelrelaxans zu bitten, an der sie dann versterben. Eltern und Ärzte müssen dem zustimmen und ein psychologisches Gutachten über die Urteilsfähigkeit muss vorliegen.

Als aktuell von dem Thema Gott sei Dank nicht Betroffene lehne ich diese Entscheidung ab. Ich denke an die Kinder- und Jugendhospize, die Großartiges in der Palliativmedizin leisten, an ambulante Palliativpflege und die vielen Möglichkeiten, die es gibt, Schmerzen, Atemnot und Angstzustände zu lindern. Aber für mich ist unvorstellbar, was wäre, wenn alles dieses keine oder keine ausreichende Wirkung erzielte. Nicht ansatzweise kann ich mir vorstellen, wie es mir dann als Betroffener oder als Angehöriger, Mutter gehen würde, wenn dieses Leid auf mich zukäme.

Ohnmacht, mit leiden, Verzweiflung, Hilflosigkeit fallen mir in diesem Zusammenhang ein. Wie weh tut es bereits, wenn das eigene Kind "normal" krank ist und man nicht mehr tun kann, als zu trösten. Ich weiß nicht, ob ich mir im Extremfall auch das Ende dieses Leidens so sehr wünschen würde, dass ich um den Tod bäte. Ich weiß nicht, was es bedeutet, unter permanenten Schmerzen zu leiden. Ich weiß nur, wie sehr mich selbst bereits eine "normale" fiebrige Erkältung lahm legt, wie sehr mich schon eine nicht lebensbedrohliche Verletzung mit eigentlich erträglichen Schmerzen beeinträchtigt und das Leben bestimmen kann. Ich weiß nicht, was ich täte, wenn ...

Die belgische Entscheidung lehne ich ab. Aber es scheint unvorstellbar schlimme Situationen zu geben, die ich nicht zu beurteilen wage. Gut, wenn es uns gelingt, Menschen in solch schlimmen Zeiten zu begleiten, da zu sein und ansprechbar - wenn es gebraucht und gewünscht wird. Wenn sich aber eine Person, Angehörige, Ärzte aus einer  ausweglosen Situation heraus nicht anders zu helfen wissen, als ein Leid aktiv zu beenden, gibt mir dies das Recht, sie dafür zu verurteilen?

Wäre es angemessen, sie nach einer schlimmen Leidenszeit und der am schwersten zu treffenden Entscheidung überhaupt auszugrenzen und so ihrem Leid weiteres hinzuzufügen? Wie könnten wir als Kirche, Gemeinde mit Menschen umgehen, die eine solche Entscheidung getroffen, damit nach kirchlichem Verständnis schwere Schuld auf sich geladen haben und damit zukünftig leben müssen? Gäbe es einen Platz für sie in unseren Reihen - falls sie es wünschten -, bei dem sie sich aufgefangen wüssten?

Ich hoffe und bete, nie in eine solche Situation zu geraten, in der mir die Gedanken kommen, ob es nicht sinnvoll wäre, einen leidenden, geliebten Menschen oder mich selbst durch den Tod von seinen/meinem Leiden und Schmerzen zu befreien! Ich hoffe und bete, dass es immer bessere medizinische Möglichkeiten gibt, die eine solche schlimme Situation und unerträgliches Leid zu lindern oder verhindern helfen! Und ich hoffe und bete für die Menschen, die an einer solchen endgültigen, unwiderruflichen Entscheidung beteiligt sind: dass sie auf Menschen treffen, die für sie da sind, die sie nicht verurteilen und die ihnen helfen, damit zu leben.

Ich hoffe und bete, dass möglichst selten von der belgischen Möglichkeit, Leid zu beenden, Gebrauch gemacht wird!
 

Kommentare:

  1. Ich glaube es ist wichtig, zwischen der persönliche Entscheidung in der ausweglosen Situation und der signalgebenden politischen Entscheidung zu unterscheiden.
    Es gibt Situationen, in denen im konkreten Einzelfall jede Entscheidung - so oder so - verkehrt erscheint und Schuldgefühle hinterlässt. Und da ist es selbstverständlich, einen Menschen nicht zu verurteilen. Erst recht nicht, wenn er sich die Entscheidung nicht leicht gemacht hat. Und wer sich schuldig gemacht hat, dem steht jederzeit das Sakrament der Versöhnung offen.
    Für schlimm halte ich die politische Entscheidung, das in einem solchen Falle unumgängliche - vielleicht auch qualvolle - Ringen des Gewissens abzukürzen in Richtung Erleichterung der Entscheidung zum Töten. Sie ist ein weiterer Schritt in Richtung Banalisierung des Tötens. Ein weiteres Tabu ist gefallen. Das Ausmaß des Leidens, das als nötig zur Rechtfertigung des Tötens angesehen wird, ist nur noch relativ. Als Nächstes kommen die Alten dran. Wenn wir das Leiden aus dem Leben vollkommen auslöschen wollen, müssen wir das Leben auslöschen.

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  2. Vielen Dank für diesen sehr nachdenklichen Kommentar, es sind genau meine Gedanken, aber ... ich befürchte auch, dass es ein Dammbruch sein könnte, nicht von seiten der betroffenen Eltern - niemand wird sein Kind leichten Herzens töten lassen - aber für die Geschellschaft allgemein: nach den wirklich Leidenden werden es die Störenden, Andersartigen, Alten, ... sein, alle die keinen Ertrag für die Gesellschaft bringen ... alle, deren Tod bequemer erscheint für die anderen als es ihr Leben ist... diese Befürchung habe ich schon. Eltern in so einer Situation zu verurteilen - das wäre das Letzte, was ich mir anmaßen würde, da haben Sie recht.

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  3. Ameleo, danke für diesen ausgewogenen Kommentar, der auf reißerische Aufmacher ("Die Belgier töten ihre Kinder") verzichtet.

    Ich sehe es ählich wie Du und die Kommentatoren, ich kann diese politische Entscheidung nur ablehnen - die Gefahr eines Mißbrauchs ist einfach gegeben -, aber schweren Herzens erkenne ich auch, dass die Medizin eben NICHT alles regeln kann, dass manchmal dieSchmerzmittel nicht wirken, dass manchmal die liebevollste Palliativpflege nicht genug hilft...ich weiß nicht, was ich in so einem Fall täte. Ich weiß es wirklich nicht.

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  4. http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/die-belgier-werden-ihre-kranken-kinder-toeten/#comment-2002

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  5. @ankerperlenfrau

    Genau das hab ich gemeint. DIE Belgier werden IHRE kranken Kinder töten. Ausnahmslos alle, nehme ich an. Ein Schnupfen als belgisches Kind und weg bist du.

    Was soll eigentlich diese reißerische Darstellung? Das Thema ist ernst genug, um es ernsthaft zu behandeln - und nicht irgendwo auf Bildzeitungsniveau.

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    1. Genau dieser reißerische Stil, der nichts mehr will, außer Krawall zu machen und deshalb höchstens von Menschen gleichen Schlags honoriert wird, ist einer ernsten Auseinandersetzung mit dem Thema abträglich. Aber die Auseinandersetzung mit Krawallmacher_inne_n scheint mir zwecklos.

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    2. Ich will diesen Leuten nicht unterstellen, Krawallmacher einfach um des Krawalls willen zu sein. Denen ist die Sache schon wichtig - aber was ich nicht verstehe, ist, wieso sie sie dann das Thema so präsentieren, dass sie einfach keine ernstzunehmenden Diskussionspartner sind. Dadurch verliert doch ihre Meinung total an Gewicht. Ich versteh's nicht.

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  6. Ihr mögt das gerne so einordnen: Krawall...es ist wirklich Eure Sache.
    Für mich ist das ein Trauertag gewesen und ich habe diesen Titel - auch weil wir in der Familie von UNGEWOLLTER EUTHANASIE betroffen waren bewußt gewählt. Belgien und die Niederlande sind seit vielen Jahren Vorreiter der Ethanasie - Bewegung und hier wurde ein weiteres Tötungstabu "geschleift". Es steht jedem frei, das in Ruhe zu beobachten und politisch korrekt zu beobachten - meine Ruhe ist dahin und ich nehme mir die Freiheit, das auch zu zeigen. Wer mich gerne unter Krawallo und Bildzeitung "ablegt", dem ist das unbenommen. Die Tötungsbilanz in meiner Familie: ein behindertes Kind Nazizeit, ein krebskranker Vater (deutsches Krankenhaus, "lytische Lösung" ohne Zustimmung von ihm selbst oder seinen Angehörigen), eine Schwägerin Holland (die nicht zu widersprechen wagte nach dem Rat ihrer Ärzte...falle ja sowieso nur noch zur Last...die Kinder schaffen das nicht).
    Ich bin nicht naiv genug, um nicht zu wissen, daß im Zuge der europäischen Gesetzgebung auch für unser Land fünf vor zwölf ist und ich hätte mir in meinen schrecklichsten Träumen nicht vorgestellt, daß Kranke jemals wieder staatlich legitimiert getötet werden dürfen.
    http://www.spiegel.de/panorama/belgien-beschliesst-aktive-sterbehilfe-fuer-minderjaehrige-a-952817.html
    Mir ist "die Sache" nicht nur wichtig, für mich ist sie existentiell!

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  7. Verwunderterkommentarschreiber22. Februar 2014 um 10:46

    Sterbende gleich welchen Alters und Familie benötigen Zuwendung. Die Debatte in Krawall ausarten zu lassen und gleich mit den Nazis zu argumentieren, ist eine Sache des Nichtwissens und Nichtunterscheidenkönnens. Solange die Zuwendung fehlt, muss man sich nicht über den Drang nach Euthanasie wundern. Der Normalfall ist aber so, dass Eltern ihre Kinder (und meist auch umgekehrt) nicht gehen lassen wollen und therapieren, wo es nichts mehr zu therapieren gibt. Die belgische Lösung scheint mir eher ein Luftschloss zu sein. Soviele Beteiligte.Der Tod hat inzwischen so wenig mit dem Alltagseben zu tun wie Weihnachten: alles kommt immer so plötzlich. Man knallt dann ans Ende wie in Weihnanchten alles hinein, was eigentlich weit verteilt sein müßte.Ich sage jedem, der sich hier äussert: die praktische Erfahrung mit Tod und Krankheit und Suizid verändert die Sicht der Dinge.Fühlen und Aufregung allein helfen nicht.

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